Teil 1 von 6 · ~14 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 3: Staffel 3: Die Rückkehr der Finsternis
Die Saga von Kaiser Horst – Band 2, Staffel
3: Die Rückkehr der Finsternis
Teil 3.1 – Der Vater erwacht
Die Nachricht kam an einem Dienstagmorgen, kurz nach sieben Uhr, als Horst noch in der
Küche des Bunkers stand und Kaffee kochte. Sein Sohn Leon saß am Tisch und aß
schweigend Toast, wie er es jeden Morgen tat, seit sie den Bunker als neues Hauptquartier
eingerichtet hatten. Leon war jetzt dreizehn Jahre alt, ein ruhiges Kind mit dunklen Augen,
das mehr beobachtete als sprach, was Horst manchmal an sich selbst erinnerte, und
manchmal an Dinge, die er lieber nicht dachte.
Jason kam die Treppe herunter, das Handy in der Hand, das Gesicht so ausdruckslos, wie es
Jason nur dann war, wenn er schlechte Neuigkeiten hatte und noch nicht wusste, wie er sie
sagen sollte.
"Was?", fragte Horst, ohne sich umzudrehen.
"Viktor Lustieg ist frei."
Horst stellte die Kaffeekanne ab. Langsam, kontrolliert, weil er wusste, dass Leon zuhörte
und weil er seinem Sohn nicht zeigen wollte, was er in diesem Moment fühlte. Er drehte
sich um. "Wie?"
"Jemand hat die Sicherheitssysteme des Gefängnisses Waldheim gehackt. Alle Türen auf
Ebene drei wurden gleichzeitig geöffnet. Die Wachen waren für achtzehn Minuten blind. In
dieser Zeit wurden sieben Häftlinge befreit." Jason legte das Handy auf den Tisch. "Viktor
Lustieg war einer davon."
Leon schaute von seinem Toast auf. "Wer ist Viktor Lustieg?"
Horst schaute seinen Sohn an. Er hatte sich diese Frage vorgestellt, hatte gewusst, dass sie
irgendwann kommen würde, und hatte sich nie eine befriedigende Antwort überlegt. "Der
Vater von Nick", sagte er schließlich.
Leon nickte langsam. Er fragte nicht weiter. Er war klug genug, um zu verstehen, was das
bedeutete.
Viktor Lustieg war siebenundsechzig Jahre alt und hatte die letzten vier Jahre in Waldheim
verbracht, verurteilt wegen Beihilfe zu schwerem Betrug, Geldwäsche und mittelbarer
Körperverletzung. Er war nie der Mann im Vordergrund gewesen. Das war Nick gewesen.
Viktor war der Mann im Hintergrund, derjenige, der die Strukturen aufgebaut hatte, die Nick
benutzt hatte, derjenige, der die Kontakte gehabt hatte, die Netzwerke, die Verbindungen in
Bereiche, die offiziell nicht existierten. Er war ein kleiner, schlanker Mann mit weißem Haar
und einer ruhigen Art zu sprechen, die Horst immer an einen Buchhalter erinnert hatte,
nicht an jemanden, der in der Lage war, das zu tun, was er getan hatte.
Aber Viktor Lustieg war gefährlicher als Nick, auf eine Art, die schwer zu erklären war. Nick
hatte Macht gewollt, Kontrolle, Anerkennung. Viktor hatte nie etwas gewollt außer einem
Ding: dass sein Sohn erfolgreich war. Und jetzt war sein Sohn im Gefängnis, und Viktor war
frei.
Horst rief Paul an, der bereits wach war und die Nachricht kannte. Paul hatte in den letzten
Monaten ein Frühwarnsystem aufgebaut, das auf mehreren Quellen basierte, und er hatte
die Alarme um vier Uhr morgens bekommen, hatte aber gewartet, bis er mehr wusste,
bevor er die anderen informierte.
"Nicht nur Viktor", sagte Paul, als Horst die Leitung hatte. "Schau dir die Liste der anderen
sechs an."
Horst schaute auf sein Handy. Paul hatte ihm eine Datei geschickt. Er öffnete sie.
Isabella Renner. Sabine Kroll. Melanie Voss. Tobias Brenner. Leon Schreiber. Frank Metzger.
Viktor Lustieg.
Horst kannte jeden einzelnen Namen. Isabella, Sabine und Melanie waren die drei Frauen,
die Nick in Band 1 als seine engsten Vertrauten gehabt hatte, die Frauen, die die
Gehirnwäsche koordiniert hatten, die Jason, Paul, Maria und Alex getroffen hatte. Tobias
war Alexs Cousin, der Mann, der Horsts Eltern getötet hatte und der in Band 2, Staffel 2
verhaftet worden war. Leon Schreiber war der Jugendliche, der in Staffel 4 als Werkzeug des
Bösen benutzt worden war und der nach seiner Verhaftung eine Aussage gemacht hatte,
die mehrere andere Verhaftungen ermöglicht hatte. Frank Metzger war Nicks ehemaliger
Finanzberater, ein Mann mit Verbindungen zu Konten in sieben verschiedenen Ländern.
Alle sieben. Gleichzeitig. Achtzehn Minuten.
"Das war kein Zufall", sagte Horst.
"Nein", sagte Paul. "Das war ein Plan. Und der Plan hat funktioniert."
Horst legte das Handy auf den Tisch. Leon schaute ihn an. "Musst du jetzt weg?"
"Noch nicht." Horst setzte sich. "Iss deinen Toast fertig."
Leon aß. Horst trank seinen Kaffee und dachte nach.
Viktor Lustieg hatte vier Jahre gewartet. Er hatte gesessen, hatte zugehört, hatte geplant. Er
hatte gewusst, dass Nick irgendwann verhaftet werden würde, weil Nick immer zu weit
gegangen war, immer zu laut, immer zu sichtbar. Viktor war das Gegenteil. Viktor war leise.
Viktor wartete.
Und jetzt war Viktor frei, und mit ihm sechs Menschen, die zusammen ein Netzwerk
bildeten, das Horst und seine Freunde bereits einmal fast zerstört hatte.
Die Frage war nicht, ob Viktor handeln würde. Die Frage war, wann und wie.
Die Antwort kam schneller, als Horst erwartet hatte.
Drei Tage nach der Befreiung wurde Nick Lustieg aus der Untersuchungshaft entlassen.
Nicht weil er freigesprochen worden war, sondern weil sein Anwalt einen Verfahrensfehler
gefunden hatte, der die gesamte Beweiskette der letzten Verhaftung in Frage stellte. Der
Richter hatte keine andere Wahl gehabt, als die Haftentlassung anzuordnen, bis das
Verfahren neu aufgerollt werden konnte. Nick war innerhalb von sechsundvierzig Stunden
nach Viktors Befreiung wieder auf freiem Fuß.
Horst erfuhr es durch eine Textnachricht von Paul: Er ist draußen.
Er saß in diesem Moment im Trainingsraum des Bunkers und arbeitete mit Leon an
Selbstverteidigungsübungen, die er seinem Sohn seit Monaten beibrachte, nicht weil er
wollte, dass Leon kämpfte, sondern weil er wollte, dass Leon wusste, wie er sich schützen
konnte. Leon war gut darin, besser als Horst erwartet hatte, mit einer Präzision und Ruhe,
die ihn manchmal erschreckte.
Er las die Nachricht. Dann steckte er das Handy weg. "Noch einmal", sagte er zu Leon.
Leon wiederholte die Bewegung. Horst korrigierte die Haltung. Dann sagte er: "Gut. Für
heute reicht es."
Leon schaute ihn an. "Was war das?"
"Eine Nachricht."
"Eine schlechte?"
Horst überlegte. "Eine wichtige."
Leon nickte. Er fragte nicht weiter. Er war dreizehn und klug genug, um zu wissen, dass
manche Antworten Zeit brauchten.
In den folgenden Tagen beobachteten Horst und seine Gruppe, was Viktor und Nick taten.
Es war nicht einfach, weil Viktor und Nick wussten, dass sie beobachtet wurden, und weil
sie entsprechend vorsichtig waren. Aber Paul hatte Quellen, und Alex hatte Kontakte, und
zusammen ergab sich ein Bild, das klar genug war, um beunruhigend zu sein.
Viktor hatte innerhalb von achtundvierzig Stunden nach seiner Befreiung drei Treffen
abgehalten. Das erste mit einem Anwalt, das zweite mit einem Finanzberater, das dritte mit
jemandem, dessen Identität Paul noch nicht hatte ermitteln können. Nick hatte sich mit
Isabella, Sabine und Melanie getroffen, die alle drei in der Stadt geblieben waren, weil ihre
Bewährungsauflagen es ihnen verboten hatten, den Bezirk zu verlassen. Tobias hatte sich
mit Frank Metzger getroffen. Leon Schreiber war verschwunden, was bedeutete, dass er
entweder untergetaucht war oder dass er eine Aufgabe hatte, die ihn von der Stadt
wegführte.
"Sie bauen das Netzwerk wieder auf", sagte Alex, als sie sich abends im Bunker
versammelten. "Schneller als ich dachte."
"Viktor ist gut darin", sagte Horst. "Er hat das schon einmal gemacht. Er hat Nicks erstes
Netzwerk aufgebaut, bevor Nick alt genug war, um es selbst zu tun."
"Was wollen sie?", fragte Maria.
"Nick will dasselbe, was er immer wollte", sagte Jason. "Rache. Kontrolle. Er will beweisen,
dass er nicht besiegt wurde."
"Und Viktor?"
Horst dachte nach. "Viktor will, dass sein Sohn das bekommt, was er sich wünscht. Das ist
alles, was Viktor je wollte."
"Das macht ihn gefährlicher", sagte Paluten, der in der Ecke saß und zugehört hatte. "Ein
Vater, der für seinen Sohn alles tut, hat keine Grenzen. Nick hatte Grenzen, auch wenn er sie
nicht sehen konnte. Viktor hat keine."
Die Stille, die auf diese Worte folgte, war die Art von Stille, die entstand, wenn alle wussten,
dass jemand die Wahrheit gesagt hatte.
Horst dachte an Leon, der oben schlief. Er dachte an seinen Sohn und daran, was es
bedeutete, ein Vater zu sein, der keine Grenzen hatte. Er verstand Viktor Lustieg auf eine Art,
die ihm unangenehm war. Er verstand die Logik, auch wenn er die Schlussfolgerungen
ablehnte.
"Wir müssen herausfinden, was sie planen", sagte er. "Bevor sie es umsetzen."
"Wie?", fragte Paul.
"Wir finden eine Schwachstelle im Netzwerk. Jemanden, der redet. Jemanden, der
zweifelt."
"Leon Schreiber", sagte Alex. "Er hat schon einmal ausgesagt. Er könnte wieder reden."
"Wenn wir ihn finden."
"Ich finde ihn", sagte Paul.
Und Paul fand ihn. Es dauerte vier Tage, aber Paul fand ihn in einer kleinen Stadt hundert
Kilometer entfernt, wo Leon Schreiber in einem Motel unter falschem Namen eingecheckt
hatte. Paul fuhr allein hin, weil Leon Schreiber Horst kannte und weil Horsts Anwesenheit
ihn möglicherweise zum Schweigen gebracht hätte.
Was Paul zurückbrachte, war kein vollständiges Bild, aber es war genug, um zu verstehen,
dass das, was Viktor und Nick planten, größer war als alles, was sie bisher erlebt hatten.
Viktor hatte in den vier Jahren im Gefängnis nicht nur gewartet. Er hatte Kontakte geknüpft,
Allianzen aufgebaut, Ressourcen gesichert. Er hatte Leute gefunden, die bereit waren, für
ihn zu arbeiten, nicht aus Loyalität, sondern aus Interesse. Er hatte Geld bewegt, das Paul
noch nicht gefunden hatte. Und er hatte einen Plan entwickelt, der nicht auf Konfrontation
basierte, sondern auf Zerstörung.
Nicht die Zerstörung von Horst. Die Zerstörung von allem, was Horst liebte.
"Er will Horsts Sohn", sagte Paul, als er zurückkam. Er sagte es ruhig, sachlich, weil Paul
immer ruhig und sachlich war, aber seine Hände lagen flach auf dem Tisch, was bedeutete,
dass er nicht so ruhig war, wie er klang.
Horst sagte nichts. Er schaute Paul an und wartete.
"Leon Schreiber hat nur Fragmente gehört. Aber das Muster ist klar. Viktor will Horst nicht
töten. Er will Horst das nehmen, was Horst am meisten liebt. Und das ist sein Sohn."
Horst stand auf. Er ging zur Tür, öffnete sie, trat in den Korridor, schloss die Tür hinter sich.
Er stand eine Minute lang in dem schmalen, schlecht beleuchteten Korridor und atmete.
Dann ging er zurück.
"Wir ändern die Sicherheitsprotokolle für Leon", sagte er. "Ab sofort ist er nie allein. Immer
jemand dabei, immer."
"Horst", sagte Maria.
"Immer", sagte er.
Niemand widersprach.
Die nächsten Wochen waren eine Zeit der Anspannung, die sich wie ein langsam enger
werdender Gürtel anfühlte. Viktor und Nick bewegten sich, aber vorsichtig, immer gerade
außerhalb der Reichweite von Pauls Quellen. Isabella, Sabine und Melanie hielten sich an
ihre Bewährungsauflagen, was bedeutete, dass sie offiziell nichts taten, was ihnen schaden
konnte, aber Horst wusste, dass das nichts bedeutete. Frank Metzger war aus der Stadt
verschwunden, was bedeutete, dass er Geld bewegte, irgendwo, irgendwie.
Tobias war das Problem, das Horst am meisten beschäftigte. Tobias war Alexs Cousin, der
Mann, der Horsts Eltern getötet hatte, der Mann, der Alex mit einem Messer bedroht hatte,
der Mann, der nach seiner Verhaftung geschwiegen hatte, kein Wort, keine Aussage, nichts.
Tobias war jetzt frei, und Tobias hatte einen persönlichen Grund, Alex zu hassen, einen
Grund, der tiefer saß als alles, was Viktor oder Nick ihm bieten konnten.
Alex wusste das. Alex hatte in den Wochen nach Tobias' Befreiung nicht gut geschlafen, was
Horst daran erkannte, dass Alex morgens immer früher im Bunker war als alle anderen, weil
er nicht schlafen konnte und weil er lieber hier war, wo er sich sicherer fühlte, als allein in
seiner Wohnung.
"Ich mache mir Sorgen um dich", sagte Horst eines Abends.
"Ich weiß", sagte Alex.
"Tobias wird nicht—"
"Du weißt nicht, was Tobias tut." Alex schaute ihn an. "Du kannst das nicht wissen. Ich
kenne ihn. Ich kenne ihn seit ich fünf Jahre alt war. Ich weiß, wie er denkt. Und ich weiß,
dass er nicht aufgehört hat."
Horst schwieg.
"Er wird kommen", sagte Alex. "Nicht heute, nicht morgen. Aber er wird kommen. Und
wenn er kommt, wird er nicht reden."
Horst nickte. Er wusste, dass Alex recht hatte. Und er wusste, dass es keine einfache
Antwort auf dieses Problem gab.
Was er nicht wusste, war, dass das Problem sich früher stellen würde, als irgendjemand
erwartet hatte, und dass es nicht Alex treffen würde, sondern etwas, das Horst in einer Art
und Weise verletzen würde, die er nicht vorhergesehen hatte.
Teil 3.2 – Die Schule brennt
Es war ein Donnerstag, der zwölfte des Monats, und Leon hatte Schule.
Das war normal. Leon ging jeden Tag zur Schule, begleitet von Jason, der ihn morgens
hinbrachte und nachmittags abholte, und von einem der anderen, die abwechselnd in der
Nähe blieben, ohne aufzufallen. Es war ein System, das sie in den letzten Wochen
entwickelt hatten, und es hatte funktioniert, weil Leon die Schule kannte, weil die Lehrer
Leon kannten, weil es ein normaler Ort war, an dem nichts Ungewöhnliches passieren sollte.
Jason brachte Leon um acht Uhr zur Schule. Er wartete, bis Leon durch die Eingangstür
verschwunden war, dann fuhr er um den Block und parkte so, dass er die Eingangstür im
Blick hatte. Er trank Kaffee aus einem Thermobecher und hörte Radio, weil das unauffällig
war, und er schaute alle paar Minuten auf sein Handy, weil Paul ihm Updates schickte.
Um neun Uhr dreißig schickte Paul: Bewegung in Sektor 4. Beobachte.
Jason stellte den Thermobecher weg.
Um neun Uhr fünfundvierzig schickte Paul: Drei Fahrzeuge. Richtung Schule.
Jason startete den Motor.
Um neun Uhr achtundvierzig schickte Paul: Geh rein. Jetzt.
Jason war bereits aus dem Auto und rannte.
Was in den nächsten zwölf Minuten passierte, war so schnell und so brutal, dass Jason
später Schwierigkeiten hatte, es in der richtigen Reihenfolge zu erzählen. Er erinnerte sich
an Fragmente: die Eingangstür, die aufgestoßen wurde, bevor er sie erreichte, weil jemand
von innen herausstürmte. Die Lehrerin, die schrie. Das Geräusch von zerbrechendem Glas
aus dem ersten Stock. Der Geruch von Farbe und etwas Chemischem, das er nicht sofort
identifizieren konnte.
Er erinnerte sich daran, dass er die Treppe hochgelaufen war, zwei Stufen auf einmal, und
dass er im zweiten Stock auf einen Mann getroffen war, den er nicht kannte, einen großen
Mann mit einer Sturmhaube, der eine Tasche trug und der ihn angeschaut hatte, als wäre er
überrascht, jemanden zu sehen.
Er erinnerte sich daran, dass er den Mann aufgehalten hatte. Nicht elegant, nicht sauber,
sondern mit der Art von Kraft, die entstand, wenn man Angst hatte und keine Zeit hatte,
darüber nachzudenken.
Er erinnerte sich daran, dass er Leons Klassenzimmer gefunden hatte, und dass Leon nicht
mehr darin war.
Und er erinnerte sich daran, dass er Horst angerufen hatte, und dass Horst nach der ersten
Sekunde Stille gesagt hatte: "Wo ist er?"
"Ich weiß es nicht."
Eine weitere Sekunde Stille. Dann: "Ich komme."
Was in der Schule passiert war, stellte sich in den folgenden Stunden heraus, als Paul die
Überwachungskameras auswertete und als die Polizei eintraf und als die Lehrer und
Schüler befragt wurden. Vier Männer, alle mit Sturmhauben, alle koordiniert, hatten die
Schule um neun Uhr fünfundvierzig betreten. Zwei hatten den Eingangsbereich gesichert.
Einer hatte den Serverraum aufgesucht und die Schulcomputer zerstört, alle Festplatten,
alle Backups, alles. Der vierte hatte Leons Klassenzimmer betreten.
Leons Freunde hatten erzählt, was passiert war. Der Mann hatte die Tür aufgemacht, hatte
Leon angeschaut, hatte gesagt: "Komm mit." Leon hatte nicht geschrien. Leon hatte die
anderen angeschaut, kurz, dann war er aufgestanden und mitgegangen.
"Warum ist er mitgegangen?", fragte Horst, als er das hörte. Er fragte es leise, fast für sich
selbst.
"Er wollte nicht, dass den anderen etwas passiert", sagte Leons Klassenlehrerin, eine Frau
Mitte vierzig mit roten Augen. "Er hat das gesagt, bevor er gegangen ist. Er hat zu den
anderen gesagt: 'Bleibt ruhig. Mir passiert nichts.'"
Horst schloss die Augen für einen Moment.
Sein Sohn, dreizehn Jahre alt, hatte die Situation eingeschätzt, hatte entschieden, dass
Widerstand die anderen in Gefahr bringen würde, und hatte sich entschieden mitzugehen,
um sie zu schützen. Horst wusste nicht, ob er stolz sein sollte oder verzweifelt.
Beides, entschied er. Beides gleichzeitig.