Teil 5 von 6 · ~12 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 7: Staffel 7: Kein Weg zurück
Das Bild zeigte Gregor Weiland. Nicht das öffentliche Bild – den freundlichen
Philanthropen, den Schulen und Krankenhäuser finanzierte. Das andere Bild. Das Bild, das
sich aus Fragmenten zusammensetzte: Finanzströme, die er verfolgte. Verbindungen, die er
kartierte. Namen, die immer wieder auftauchten.
Es war langsame Arbeit. Aber es war gründliche Arbeit.
Er sprach selten darüber. Aber gelegentlich, wenn Horst ihn fragte, zeigte er ihm, was er
hatte.
„Das ist Gregors Netzwerk", sagte er eines Abends. Er hatte eine Karte gezeichnet – nicht auf
Papier, sondern auf dem Laptop, mit Punkten und Linien. „Nicht alles. Aber genug."
Horst sah auf die Karte. Er sah auf die Namen und die Verbindungen.
„Wie lange hast du dafür gebraucht?"
„Drei Wochen."
„Und was bedeutet das?"
Paul sah ihn an. „Es bedeutet, dass wir einen Weg zu ihm haben. Nicht direkt. Aber einen
Weg."
Horst sah auf die Karte.
„Wann?", fragte er.
„Wenn wir bereit sind."
„Wann sind wir bereit?"
Paul dachte nach. Dann: „Wenn Alex gesund ist. Wenn Thomas' Schulter verheilt ist. Wenn
wir einen Plan haben, der funktioniert."
„Wie lange?"
„Zwei Monate. Vielleicht drei."
Horst nickte. Er sah auf die Karte.
„Dann haben wir zwei Monate", sagte er.
„Ja."
„Dann nutzen wir sie."
Vertiefung: Alex' Genesung
Alex heilte langsam.
Das war keine Metapher. Es war buchstäblich: Sein Körper heilte langsam, weil er so viel
durchgemacht hatte. Das Gift, das Stichzicke und Erdnusszicke injiziert hatten, war aus
seinem Blut verschwunden – Maria hatte das durch Beobachtung festgestellt, durch die
Symptome, die langsam weniger wurden. Aber die Wunden, die davor gewesen waren,
heilten in ihrem eigenen Tempo.
Er lernte, damit zu leben.
Er machte jeden Tag einen Spaziergang. Am ersten Tag war es bis zum Ende des Gartens.
Am zweiten Tag bis zum Gartentor. Am dritten Tag bis zur Straße. Am vierten Tag um den
Block.
Er baute auf.
Leon begleitete ihn manchmal. Sie sprachen wenig – das war ihre Art, miteinander zu sein.
Aber sie gingen zusammen, und das reichte.
Eines Abends, nach drei Wochen in Brasilien, saßen sie auf der Treppe vor dem Haus und
sahen auf die Straße.
„Ich habe Angst gehabt", sagte Alex.
Leon sah ihn an. „Im Koma?"
„Ja. Und danach." Alex sah auf seine Hände. „Ich habe Angst gehabt, dass ich nicht stark
genug bin. Dass ich aufwache und nicht mehr ich bin."
„Aber du bist du."
„Ja." Alex sah ihn an. „Ich bin ich."
Stille.
„Ich habe auch Angst gehabt", sagte Leon.
„Ich weiß."
„Ich habe Angst gehabt, dass du stirbst."
„Ich weiß." Alex sah ihn an. „Ich bin nicht gestorben."
„Nein."
„Das ist gut."
„Ja." Leon sah auf die Straße. „Das ist sehr gut."
Sie saßen noch eine Weile, bevor sie hineingingen.
Vertiefung: Horsts stille Momente
Horst hatte in Brasilien gelernt, still zu sein.
Das war neu. Er war kein stiller Mensch gewesen – er hatte TikTok gemacht, er hatte Inhalte
produziert, er hatte immer etwas zu sagen gehabt. Die Stille hatte sich früher falsch
angefühlt, wie etwas, das man füllen musste.
Jetzt fühlte sie sich richtig an.
Er saß jeden Morgen auf der Veranda und trank Kaffee und sah auf den Garten. Er sah, wie
die anderen aufwachten, einer nach dem anderen. Er sah Jason in die Küche gehen. Er sah
Paul den Laptop aufklappen. Er sah Leon das Notizbuch aufschlagen.
Er sah Alex, der jeden Morgen früher aufstand als die anderen und allein im Garten stand,
bevor die anderen kamen.
Er dachte: Das ist meine Gruppe. Das sind meine Menschen.
Er dachte: Ich habe nicht verdient, dass sie hier sind. Aber ich bin froh, dass sie es sind.
Er dachte an alles, was passiert war. An Band 1, an Band 2, an die Kämpfe und die Verluste
und die Momente, in denen er gedacht hatte, dass es vorbei war.
Er dachte: Es ist nicht vorbei. Aber es ist anders.
Er dachte: Ich bin anders.
Er wusste nicht genau, wie. Er wusste nur, dass er in Brasilien etwas gelernt hatte, das er in
Deutschland nicht gelernt hatte. Nicht über Kämpfen oder Planen oder Überleben. Sondern
über das Andere. Über das Danach.
Über das, was man war, wenn man nicht kämpfte.
Er trank seinen Kaffee und sah auf den Garten.
Er dachte: Ich bin Kaiser Horst. Aber ich bin auch mehr als das.
Er dachte: Das ist gut.
Vertiefung: Die Fabrik – Was danach geschah
Die Fabrik war nach der Konfrontation still.
Nick saß auf dem Stuhl, der kein Thron war, und sah auf die Tür, durch die die Helden
entkommen waren. Viktor stand neben ihm und schwieg. Lilith stand am anderen Ende der
Halle und sah auf den Boden, wo Kevin gelegen hatte, bevor er aufgestanden und gegangen
war.
„Sie sind entkommen", sagte Viktor schließlich.
„Ich weiß."
„Das war nicht der Plan."
„Ich weiß." Nick sah ihn an. „Ich habe mit Leon gesprochen."
„Das war ein Fehler."
„Vielleicht." Nick stand auf – langsam, mit Mühe. Er war noch nicht vollständig erholt. „Oder
vielleicht nicht."
Viktor sah ihn an. „Was meinst du damit?"
Nick schwieg einen Moment. Dann: „Leon ist siebzehn Jahre alt. Er hat mehr durchgemacht
als die meisten Menschen in einem ganzen Leben. Und er gibt nicht auf."
„Das macht ihn gefährlicher."
„Ja." Nick sah auf die Tür. „Aber es macht ihn auch interessant."
Viktor sah ihn an. Er erkannte den Ausdruck in Nicks Gesicht – er hatte ihn früher gesehen,
in Momenten, in denen Nick etwas plante, das er noch nicht ausgesprochen hatte.
„Was planst du?", fragte Viktor.
„Noch nichts." Nick drehte sich um. „Aber ich denke nach."
Er verließ die Halle.
Viktor sah ihm nach und dachte: Das ist ein Problem.
Vertiefung: Stichzicke und Erdnusszicke nach dem
Krankenhaus
Stichzicke hatte eine Beule am Kopf.
Das war das Erste, was sie bemerkte, als sie aus dem Krankenhaus herausgekommen war.
Alex hatte sie gegen die Wand geworfen – nicht stark, aber stark genug. Die Beule war nicht
gefährlich, aber sie schmerzte.
Sie saß in einem Café und trank Tee und dachte nach.
Erdnusszicke saß ihr gegenüber und rieb sich das Handgelenk, das Alex getroffen hatte.
„Er hätte tot sein sollen", sagte Erdnusszicke.
„Ich weiß."
„Das Gift war stark genug."
„Ich weiß." Stichzicke trank ihren Tee. „Aber er ist aufgewacht. Das ist nicht passiert, weil
das Gift nicht stark genug war. Das ist passiert, weil er stärker war als das Gift."
Erdnusszicke sah sie an. „Das ist nicht möglich."
„Und doch." Stichzicke sah auf ihre Hände. „Ich habe in meinem Leben viele Menschen
unterschätzt. Ich habe gelernt, das nicht zu tun." Sie sah Erdnusszicke an. „Alex ist jemand,
den man nicht unterschätzen sollte."
„Was machen wir jetzt?"
„Wir warten." Stichzicke trank ihren Tee. „Sie sind in Brasilien. Das wissen wir. Wir wissen
auch, dass sie zurückkommen werden. Wenn sie zurückkommen, sind wir bereit."
„Und wenn sie nicht zurückkommen?"
Stichzicke sah sie an. „Sie kommen zurück. Das ist das, was diese Menschen tun. Sie
kommen immer zurück."
Erdnusszicke nickte langsam.
Sie tranken ihren Tee und warteten.
Vertiefung: Der letzte Abend in Brasilien
Es war der letzte Abend des ersten Monats.
Sie saßen alle im Garten. Die Hitze hatte nachgelassen, die Stadt leuchtete in der Ferne, und
der Himmel war klar. Jason hatte gekocht – Feijoada, ein brasilianisches Gericht, das er von
Esther gelernt hatte. Es war gut geworden. Besser als erwartet.
Sie aßen und sprachen und schwiegen abwechselnd.
Horst sah auf die anderen und dachte: Das ist gut. Das ist richtig.
Er dachte an die Frage, die Leon gestellt hatte: Wann gehen wir zurück?
Er hatte geantwortet: Wenn wir bereit sind.
Er wusste jetzt, was das bedeutete. Nicht wenn sie stark genug waren – stark genug würden
sie vielleicht nie sein. Sondern wenn sie wussten, was sie taten. Wenn sie einen Plan hatten,
der nicht auf Hoffnung basierte, sondern auf Information.
Paul hatte die Information. Er baute sie auf.
Zwei Monate. Vielleicht drei.
Das war genug Zeit.
„Horst", sagte Maria.
Er sah sie an.
„Ich möchte etwas sagen."
„Dann sag es."
Maria sah auf die anderen. Dann: „Ich bin froh, dass wir hier sind. Ich bin froh, dass wir alle
hier sind." Sie machte eine Pause. „Aber ich bin auch froh, dass wir nicht aufgehört haben.
Dass wir immer noch kämpfen. Dass wir immer noch hier sind, um zu kämpfen."
Stille.
„Ich auch", sagte Jason.
„Ich auch", sagte Paul.
„Ich auch", sagte Leon.
„Ich auch", sagte Rafael.
„Ich auch", sagte Esther.
„Ich auch", sagte Thomas.
„Ich auch", sagte Alex.
Horst sah sie alle an. Dann: „Ich auch."
Sie saßen noch lange im Garten.
Die Stadt leuchtete.
Die Nacht war warm.
Und irgendwo, weit weg, wartete die Zukunft.
Vertiefung: Rafaels Gedanken über Brasilien
Rafael Moreno kannte Brasilien.
Nicht São Paulo – er kannte andere Städte, andere Regionen, andere Teile eines Landes,
das größer war als die meisten Menschen sich vorstellten. Aber er kannte die Mentalität. Er
kannte die Art, wie Menschen hier lebten – lauter, farbiger, mit weniger Distanz zwischen
sich und dem Leben.
Er hatte das immer gemocht.
Er saß auf dem Dach des Hauses – er hatte einen Weg hinauf gefunden, der nicht durch das
Innere führte – und sah auf die Stadt. Die Lichter. Das Rauschen. Das Leben, das nie ganz
aufhörte.
Er dachte an seine Vergangenheit. An die Dinge, die er getan hatte, bevor er aufgehört hatte.
An die Entscheidung, die er getroffen hatte.
Er dachte: Ich habe aufgehört, weil ich verstanden habe, dass es falsch war. Nicht weil
jemand mich gezwungen hat.
Er dachte: Horst und die anderen kämpfen, weil sie verstehen, dass es richtig ist. Nicht weil
jemand sie zwingt.
Das war der Unterschied.
Er sah auf die Stadt und dachte: Ich bin froh, dass ich hier bin. Ich bin froh, dass ich die
richtige Seite gewählt habe.
Er stand auf und ging zurück ins Haus.
Vertiefung: Esthers Brief an ihren Vater
Esther schrieb ihrem Vater einen Brief.
Nicht per E-Mail – das war zu unsicher. Einen echten Brief, auf Papier, den Rafael durch
Kanäle schicken würde, die keine Spuren hinterließen.
Sie schrieb:
Lieber Papa,
Ich hoffe, dass du in Sicherheit bist. Ich hoffe, dass du weißt, dass wir in Sicherheit sind.
Wir sind weit weg. Ich kann dir nicht sagen, wo. Aber wir sind zusammen, und das ist das
Wichtigste.
Ich denke oft an das, was du mir erzählt hast. Über Viktor. Über die zwei Versuche, ihn zu
stoppen. Über den Moment, in dem du aufgehört hast zu glauben, dass es möglich ist.
Ich glaube, dass es möglich ist. Nicht weil ich naiv bin. Sondern weil ich gesehen habe, was
diese Menschen tun, wenn sie zusammenarbeiten. Was wir tun, wenn wir
zusammenarbeiten.
Wir sind noch nicht fertig. Aber wir sind noch hier.
Ich liebe dich.
Esther
Sie faltete den Brief und gab ihn Rafael.
Rafael sah sie an. „Er wird ihn bekommen."
„Ich weiß." Sie sah ihn an. „Danke."
Rafael nickte und steckte den Brief ein.
Vertiefung: Thomas und das Haus
Thomas hatte das Haus repariert.
Das war keine Kleinigkeit. Das Haus hatte mehr Probleme gehabt, als er zunächst gedacht
hatte – nicht nur die kleinen Dinge, die er sofort gesehen hatte, sondern tiefere Probleme.
Leitungen, die nicht richtig verlegt waren. Wände, die Feuchtigkeit hatten. Ein Dach, das an
einer Stelle undicht war.
Er hatte alles repariert.
Es hatte drei Wochen gedauert. Er hatte Werkzeug gekauft, Materialien besorgt, Fragen
gestellt – an Rafael, der die Sprache kannte, und an Nachbarn, die freundlich waren und
keine Fragen stellten.
Am Ende des dritten Monats war das Haus besser als am Anfang.
Er stand im Garten und sah auf das Haus und dachte: Das ist gut. Das ist etwas, das ich
getan habe.
Er war kein Mensch, der viel über sich selbst nachdachte. Er war ein Mensch, der handelte.
Aber manchmal, in Momenten wie diesem, erlaubte er sich einen Moment der Reflexion.
Er dachte: Ich bin gut darin, Dinge zu reparieren.
Er dachte: Vielleicht ist das das, was ich bin. Jemand, der Dinge repariert.
Er dachte: Das ist nicht schlecht.
Er ging ins Haus und begann, das Abendessen vorzubereiten.
Vertiefung: Der Plan nimmt Form an
Am Ende des zweiten Monats hatte Paul einen Plan.
Nicht den endgültigen Plan. Aber die Grundstruktur. Die Elemente, die zusammenpassen
mussten, damit es funktionierte.
Er präsentierte ihn an einem Abend, als alle im Wohnzimmer saßen. Er hatte keine
Präsentation, keine Karten, keine Hilfsmittel. Er sprach einfach.
„Gregor Weiland ist nicht erreichbar", sagte er. „Nicht direkt. Aber er hat eine
Schwachstelle."
„Welche?", fragte Horst.
„Viktor." Paul sah ihn an. „Viktor hat Informationen über Gregor. Informationen, die Gregor
vernichten würden, wenn sie öffentlich würden. Viktor benutzt diese Informationen als
Versicherungspolice."
„Das wissen wir."
„Ja. Aber wir wissen jetzt auch, wo diese Informationen sind." Paul sah auf den Laptop.
„Nick hat sie. Er hat sie vor seinem Tod gesammelt. Viktor wollte sie, als Nick zurückkam.
Aber Nick hat sie nicht herausgegeben."
Stille.
„Nick hat sie noch?", fragte Jason.
„Ja."
„Und wenn wir sie haben?"
„Dann haben wir ein Druckmittel gegen Gregor. Nicht gegen Viktor – gegen Gregor selbst."
Paul sah die anderen an. „Wenn Gregor weiß, dass wir die Informationen haben, hat er eine
Wahl: Er kann versuchen, uns zu stoppen, oder er kann aufhören."
„Warum sollte er aufhören?"
„Weil die Informationen ihn ruinieren würden. Nicht nur seinen Ruf. Alles." Paul sah Horst
an. „Gregor ist kein Mensch, der Risiken eingeht, die er nicht kontrollieren kann. Wenn er
weiß, dass die Informationen existieren und dass wir sie haben, wird er verhandeln."
Stille.
Horst dachte nach. Dann: „Wie kommen wir an Nick?"
„Das ist das Problem", sagte Paul. „Nick ist in Europa. Wir sind in Brasilien. Und Nick weiß,
dass wir ihn suchen."
„Dann brauchen wir jemanden, der Nick nicht erwartet."
Alle sahen sich an.
Dann sagte Alex: „Ich gehe."
Alle sahen ihn an.
„Du bist noch nicht—", begann Maria.
„Ich bin stark genug." Alex sah sie an. „Und Nick erwartet mich nicht. Er denkt, ich bin tot.
Oder so gut wie tot."