Drei Wochen nach der Rückkehr aus der Parallelwelt saß Horst allein in seinem Arbeitszimmer.
Es war spät — nach Mitternacht, die Wohnung still, Saskia schlief, Leon schlief. Horst saß am Schreibtisch und schaute auf den Bildschirm, auf dem sein TikTok-Kanal geöffnet war. Er hatte seit drei Wochen nichts gepostet. Das war ungewöhnlich — er postete normalerweise täglich, manchmal mehrmals täglich. Aber in den letzten drei Wochen hatte er jeden Abend vor dem Bildschirm gesessen und nichts gefunden, das er sagen wollte.
Was sagte man nach etwas wie dem, was sie erlebt hatten?
Er konnte es nicht erzählen. Nicht öffentlich, nicht auf TikTok, nicht einmal andeutungsweise. Es war zu groß, zu seltsam, zu weit weg von dem, was die Menschen verstehen konnten. Eine Parallelwelt, ein Superhelden-Team, eine biologische Waffe, ein toter Alex, der gleichzeitig lebte. Das war keine Geschichte für TikTok.
Aber es war eine Geschichte.
Horst öffnete ein neues Dokument auf seinem Computer. Er schaute auf den leeren Bildschirm. Dann begann er zu schreiben.
Er schrieb nicht für TikTok. Er schrieb nicht für seine Follower. Er schrieb für sich selbst — für den Moment, in dem er alles aufschreiben musste, weil es sonst irgendwo in ihm stecken blieb und ihn nicht loslassen würde.
Er schrieb über das Portal. Über die Parallelwelt. Über das Superhelden-Team. Über Nick und die schwarze Masse. Über Alex, der gestorben war, und Alex, der lebte. Über den Parallelwelt-Alex, der das Portal geöffnet hatte, damit sie nach Hause kommen konnten.
Er schrieb stundenlang. Die Uhr zeigte drei Uhr morgens, dann vier Uhr morgens. Er schrieb, bis er alles aufgeschrieben hatte, was er wusste, was er gesehen hatte, was er gefühlt hatte.
Als er fertig war, lehnte er sich zurück und schaute auf das Dokument. Dreißig Seiten. Alles.
Er speicherte es unter einem Namen, den er noch nie benutzt hatte: *Parallelwelt.*
Dann schloss er den Computer und ging schlafen.
Am nächsten Morgen, beim Frühstück, schaute Saskia ihn an. „Du siehst besser aus."
„Ja", sagte Horst. „Ich habe gut geschlafen."
„Endlich." Sie stellte seinen Kaffee vor ihn hin. „Was hast du gestern Nacht gemacht?"
„Geschrieben."
„Wofür?"
„Für mich."
Saskia nickte. Sie fragte nicht weiter. Das war Saskia — sie wusste, wann sie fragen musste und wann sie es lassen konnte.
Horst trank seinen Kaffee und schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien, die Straße war ruhig, das Leben ging weiter. Ein normaler Morgen in einer normalen Welt.
Er dachte an den Parallelwelt-Alex. An das Foto, das an der Wand des Hauptquartiers hing. An die Worte, die darunter standen: *Zwei Welten. Eine Wahrheit: Zusammenhalt ist stärker als jede Superkraft.*
Er trank seinen Kaffee und dachte daran, dass das stimmte.
# EPILOG DES SONDERBANDES
## Eine Welt, die nicht vergisst
Irgendwo in einer Parallelwelt, in einem Hauptquartier, das von außen wie ein gewöhnliches Wohnhaus aussah, hing an der Wand ein Foto.
Es war kein professionelles Foto. Es war ein Schnappschuss, aufgenommen von Moritz' Tablet in den Stunden nach Nicks Verhaftung, in dem kurzen Moment der Erleichterung, bevor die Erschöpfung ankam: Horst, Jason, Paul, Maria und die fünf Mitglieder des Superhelden-Teams, alle zusammen, alle lächelnd, alle erschöpft. Jemand hatte Kaffee in der Hand. Jemand anderes hatte die Augen halb geschlossen. Niemand hatte posiert. Es war einfach ein Moment, festgehalten.
Darunter hatte der Parallelwelt-Alex mit einem schwarzen Stift in seiner präzisen Handschrift geschrieben:
*„Zwei Welten. Eine Wahrheit: Zusammenhalt ist stärker als jede Superkraft."*
Das Foto hing dort, und es würde immer dort hängen — eine Erinnerung an einen Tag, an dem zwei Welten sich berührt hatten, und an einen Alex, der gegangen war, damit andere bleiben konnten.
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## Was aus ihnen wurde
In der Hauptwelt lebte Alex weiter. Er wusste nicht, was in der Parallelwelt passiert war. Er wusste nicht, dass eine Version von ihm gestorben war. Er saß vor seinen Monitoren und tippte und entdeckte und grinste — und das war gut so.
Manche Dinge muss man nicht wissen.
Manche Opfer trägt man allein.
Und manche Versprechen hält man, ohne dass jemand davon weiß.
Horst kehrte zu seinem normalen Leben zurück. Er postete weiter auf TikTok. Er trank Kaffee mit Saskia. Er spielte mit Leon. Er traf sich mit Jason, Paul, Maria und Alex und redete über normale Dinge — über das Wetter, über Filme, über Pläne für das Wochenende. Er redete nicht über die Parallelwelt. Er redete nicht über den anderen Alex. Er trug es in sich, still und allein, wie man Dinge trägt, die zu groß sind, um sie auszusprechen.
Aber manchmal, wenn er allein war, schaute er auf seine Hände und dachte an das türkise Licht des Portals. An die Wärme der anderen Welt. An das Superhelden-Team, das in einer anderen Dimension weiterkämpfte.
Er dachte daran, dass die Welt größer war als er gedacht hatte. Viel größer. Unendlich größer.
Das war ein guter Gedanke.
Jason wurde nicht ruhiger. Er war nie ruhig — das war nicht seine Art. Aber er wurde nachdenklicher. Er begann, Fragen zu stellen, die er früher nicht gestellt hatte. Fragen über Stärke, über Mut, über den Unterschied zwischen dem, was man konnte, und dem, was man tat. Er fand keine einfachen Antworten. Aber er fand, dass das Fragen selbst wichtig war.
Er dachte manchmal an Sawo. An den jungen Mann mit dem roten Norweger-Pullover, der unverwundbar war und trotzdem Angst hatte. An das, was Sawo gesagt hatte: *Das ist das Respektabelste, was ich je gesehen habe.* Jason hatte nicht verstanden, warum das so viel bedeutete. Aber mit der Zeit verstand er es.
Paul schrieb. Er schrieb alles auf, was er erlebt hatte — nicht für andere, sondern für sich selbst. Dreißig Seiten, vierzig, fünfzig. Er schrieb über das Portal, über die Parallelwelt, über das Superhelden-Team, über Nick und die schwarze Masse, über Alex, der gestorben war, und Alex, der lebte. Er schrieb über Horst, der ohne Superkräfte eine Welt zusammenhielt. Über Jason, der immer da war. Über Maria, die Sandwiches mitgebracht hatte.
Er schrieb es auf, weil er wusste, dass Geschichten wichtig sind. Dass die Dinge, die man erlebt, nicht verschwinden sollten. Dass der andere Alex verdiente, erinnert zu werden.
Er speicherte die Datei unter einem Namen, den er noch nie benutzt hatte: *Parallelwelt.*
Er würde sie nie veröffentlichen. Aber er würde sie nie löschen.
Maria dachte an Ziegelstein. An das Gespräch über Einsamkeit und Geschwindigkeit. An das, was sie gesagt hatte: *Wir sind füreinander schnell. Wenn jemand fällt, sind wir da.* Sie hatte es in dem Moment gesagt, ohne groß nachzudenken — es war einfach wahr gewesen. Aber in den Wochen danach dachte sie oft daran.
Sie war nicht schnell. Sie hatte keine Superkräfte. Aber sie war da. Das war das Einzige, was zählte.
Sie rief ihre Freunde öfter an. Sie schickte öfter Nachrichten. Sie sagte öfter, was sie dachte, was sie fühlte, was sie wollte. Kleine Dinge. Wichtige Dinge.
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## Die Parallelwelt danach
In der Parallelwelt arbeitete das Superhelden-Team weiter.
Tim patrouillierte unsichtbar durch die Stadt und passte auf, dass niemand fiel, ohne dass jemand da war, um zu helfen. Er dachte manchmal an Paul — an das Gespräch über Beobachtung und Geduld. Er würde ihn vermissen. Das war eine unerwartete Erkenntnis, aber eine echte.
Moritz entwickelte neue Technologien. Das Frühwarnsystem. Das universelle Gegenmittel. Die Luftfilter für die Lüftungssysteme der Stadt. Er arbeitete, weil er immer arbeitete, weil das Lösen von Problemen das war, wofür er gemacht war. Aber er dachte manchmal an Maria, die neben ihm gesessen hatte, die ganze Nacht, ohne zu schlafen, ohne zu klagen. Er dachte daran, dass das eine Fähigkeit war, die seltener war als Superkräfte.
Sawo schützte die Schwachen. Er patrouillierte durch die Stadt, nicht in einem Kostüm, sondern als er selbst, und half, wo er helfen konnte. Kleine Dinge, wichtige Dinge. Er dachte an Jason und an das, was Jason gesagt hatte: *Wir hören auch nie auf.* Er versuchte, dasselbe zu sein.
Ziegelstein war überall gleichzeitig. Er rettete und half und war da, bevor etwas passierte. Er dachte an Maria und an das Gespräch über Einsamkeit. Er sah die Welt jetzt anders — nicht als jemand, der schneller war als alle anderen, sondern als jemand, der für alle anderen da war.
Und der Parallelwelt-Alex saß manchmal in der Nacht vor dem Grab des anderen Alex und hielt sein Versprechen.
Er würde es nicht vergessen.
Für immer.
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## Eine letzte Anmerkung
Dieser Sonderband ist eine Geschichte über das, was wäre, wenn. Was wäre, wenn Horst und seine Freunde durch ein Portal in eine Parallelwelt gerieten? Was wäre, wenn Nick ihnen folgte? Was wäre, wenn zwei Welten sich berühren würden?
Die Antwort ist: Es wäre eine Geschichte über Zusammenhalt. Über Menschen, die füreinander da sind, egal in welcher Welt, egal unter welchen Umständen. Über die Stärke, die nicht aus Superkräften kommt, sondern aus dem Vertrauen, das man in die Menschen hat, die man liebt.
Alex aus der Hauptwelt ist in der Parallelwelt gestorben. Aber er hat nicht umsonst gelebt. Er hat eine Welt gerettet, die er nicht kannte, für Menschen, die er nicht kannte, weil es das Richtige war. Das war Alex. Das wird immer Alex sein.
Und in der Hauptwelt lebt er weiter. Er sitzt vor seinen Monitoren und tüftelt und entdeckt und grinst. Er weiß nicht, was passiert ist. Er braucht es nicht zu wissen.
Manche Geschichten trägt man allein.
Manche Versprechen hält man, ohne dass jemand davon weiß.
Und manche Menschen leben in zwei Welten gleichzeitig — in der Welt, in der sie sind, und in der Erinnerung derer, die sie kannten.
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> **⚠️ ERINNERUNG:** Dieser Sonderband ist ein eigenständiges „Was wäre wenn"-Abenteuer. Die Ereignisse haben **keine Auswirkungen auf die Hauptgeschichte** (Staffeln 1–7). Alex lebt in der Hauptwelt weiter. Nick sitzt im Gefängnis. Alles ist wie in der Hauptgeschichte.
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### Helden aus der Hauptwelt | Charakter | Rolle | Schicksal im Sonderband | |-----------|-------|------------------------| | Kaiser Horst | Anführer | Überlebt, kehrt heim | | Jason | Kämpfer und Freund | Überlebt, kehrt heim | | Paul | Stratege | Überlebt, kehrt heim | | Maria | Emotionale Stütze | Überlebt, kehrt heim | | **Alex (Hauptwelt)** | Technikexperte | **Stirbt durch Nicks schwarze Masse** |
### Das Parallelwelt-Superhelden-Team | Charakter | Fähigkeit | Schicksal im Sonderband | |-----------|-----------|------------------------| | Alex (Parallelwelt) | Telekinese + Zeitmanipulation | Überlebt, öffnet Portal für Helden | | Tim | Unsichtbarkeit | Überlebt | | Moritz | Superintelligenz + Telekinese | Überlebt, entwickelt Gegenmittel | | Sawo | Superstärke + Unverwundbarkeit | Überlebt | | Ziegelstein | Superschnelligkeit | Überlebt |
### Antagonist | Charakter | Waffe | Schicksal im Sonderband | |-----------|-------|------------------------| | Nick Lustig | Schwarze Masse (biologische Waffe) | Verhaftet in der Parallelwelt; verliert Fähigkeit dauerhaft |
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*Ende des Sonderbandes „Was wäre wenn – Die Parallelwelt-Saga"*