Der Anruf von Jason war wie ein elektrischer Schlag, der Paul und Maria aus ihrer resignierten Lethargie riss. Die Nachricht, dass der Screenshot eine Fälschung war, war nicht nur eine Entlastung, sondern ein Weckruf. Sie hatten sich täuschen lassen. Während sie mit ihren verletzten Gefühlen und dem langsamen Auseinanderbrechen ihrer Gruppe beschäftigt waren, hatte der wahre Feind im Verborgenen agiert und sie wie Marionetten tanzen lassen. Die Scham mischte sich mit einer neuen, kalten Wut.
Sie trafen sich keine zehn Minuten später. Jason stand vor ihrer Tür, sein Gesicht war von Schuld und neuer Entschlossenheit gezeichnet. Die Begrüßung war kurz und intensiv. Es gab keine Vorwürfe, keine Rechtfertigungen. Eine einzige Umarmung zwischen den drei Freunden besiegelte die Wiedervereinigung. Sie hatten keine Zeit für Vergangenheitsbewältigung. Sie hatten einen Freund zu retten.
„Alex ist schon dabei, alles zu analysieren“, erklärte Jason, während sie zu ihrem Auto rannten. „Er sagt, Horsts gesamte digitale Umgebung ist kompromittiert. Jemand spielt Gott mit seinem Leben, und wir haben zugesehen.“
Sie riefen Alex an, der die Leitung zu Speed weitergab. „Es ist schlimmer, als ihr denkt“, sagte Speeds Stimme, die durch die Lautsprecher des Autos knisterte. „Wer auch immer das ist, er oder sie ist ein Genie. Die Manipulationen sind fast unsichtbar, in die tiefsten Ebenen der Software eingebettet. Es ist keine einfache Hacking-Attacke, es ist eine komplette Übernahme seiner Realität. Wir arbeiten an einem Weg, das System zu säubern, aber das braucht Zeit. Ihr müsst ihn da rausholen. Physisch. Trennt ihn von aller Technologie.“
Die Dringlichkeit in Speeds Stimme ließ ihnen keine Wahl. Sie wussten, dass sie nicht einfach bei Horst anklopfen konnten. Er war paranoid, misstrauisch und wurde von Isabella, der Schlange, bewacht. Sie brauchten einen Plan, um zu ihm durchzudringen.
„Wir müssen ihn schocken“, sagte Jason, während er das Steuer umriss und in Richtung von Horsts Wohngegend raste. „Wir müssen ihm etwas zeigen, das so real ist, dass es die digitalen Lügen durchbricht.“
Sie erinnerten sich an ein altes Codewort, ein alberner Insider-Witz aus der Zeit vor dem ganzen Wahnsinn, ein Wort, das nur sie vier kannten und das sie benutzten, wenn eine Situation absolut aussichtslos erschien. Es war ihr letzter Anker der gemeinsamen Vergangenheit.
Als sie vor Horsts Wohnung ankamen, zögerten sie. Sie wussten, dass sie auf Widerstand stoßen würden, nicht nur von Isabella, sondern auch von Horst selbst, der sie als Teil seiner Paranoia ansehen könnte. Doch die Angst um ihren Freund war größer als jede Furcht vor Zurückweisung. Sie waren wieder vereint, die Wächter von Kaiser Horst, und sie waren bereit, in den letzten, entscheidenden Kampf um seine Seele zu ziehen.