Band 2 · Staffel 1 · Teil 11.474 Wörter · ~8 Min.

Teil 1: Drei Jahre später

Horst macht seinen ersten großen Livestream seit dem Ende von allem. Die Gruppe trifft sich wieder.

Teil 1 von 6 · ~8 Minuten Lesezeit

Band 2 – Staffel 1: Staffel 1: Die Rückkehr des Bösen

Teil 1: Drei Jahre später

Kapitel 1: Der Morgen vor dem Livestream

Drei Jahre. Sechsunddreißig Monate. Eintausendneunhundertfünfundneunzig Tage. Horst

hatte aufgehört, die Tage zu zählen, irgendwann im zweiten Jahr, als er gemerkt hatte, dass

das Zählen ihn nicht weiterbrachte. Es hielt ihn in der Vergangenheit fest, ließ ihn immer

wieder zurückblicken auf das, was gewesen war, anstatt nach vorne zu schauen auf das,

was sein konnte.

Die Wohnung, in der er jetzt lebte, war kleiner als die alte, aber heller. Er hatte sie bewusst

so gewählt. Die alte Wohnung hatte zu viele Ecken gehabt, zu viele Schatten, zu viele

Erinnerungen, die sich in den Wänden festgesetzt hatten wie Feuchtigkeit. Diese hier war

neu, sauber, unbelastet. Ein weißes Blatt.

Er saß am Schreibtisch und schaute auf den Bildschirm vor ihm. In drei Stunden würde der

Livestream beginnen. Sein erster großer Livestream seit dem Ende von allem. Er hatte

kleinere gemacht in den vergangenen Monaten, kurze Auftritte, vorsichtige Schritte zurück

in die Öffentlichkeit. Aber dieser hier war anders. Dieser hier hatte ein Ziel.

Die Wahrheit. Die ganze Wahrheit.

Er hatte lange mit sich gerungen, ob er das tun sollte. Dr. Renz hatte ihm geraten, es zu tun.

Jason hatte gesagt: 'Wenn du es nicht tust, tut es jemand anderes, und dann bestimmst du

nicht mehr, wie die Geschichte erzählt wird.' Maria hatte geschwiegen, was bei ihr

bedeutete, dass sie zustimmte, aber Bedenken hatte, die sie noch nicht in Worte fassen

konnte. Luca hatte gesagt: 'Ich bin dabei, egal was du entscheidest.' Das war das Wichtigste

gewesen. Nicht die Argumente, nicht die Strategien. Sondern das: Ich bin dabei.

Horst stand auf, streckte sich, trat ans Fenster. Die Stadt lag unter ihm, geschäftig und

gleichgültig, wie Städte es immer waren. Irgendwo da draußen saß Nick Lustig in seiner

Gefängniszelle und wartete auf das Ende seiner Strafe. Irgendwo da draußen lebten

Menschen, die glaubten, dass die Geschichte vorbei war. Horst wusste es besser.

Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Jason: 'Bin in einer Stunde da. Ronaldo und

Haaland kommen auch. Messi schreibt, er ist schon unterwegs.' Horst lächelte. Die

Fußballspieler. Drei Jahre zuvor hätte er sich nicht vorstellen können, dass Cristiano

Ronaldo, Erling Haaland, Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez zu seinen engsten

Verbündeten gehören würden. Aber die Ereignisse von Band 1 hatten Verbindungen

geschaffen, die tiefer gingen als Fanschaft oder Bewunderung. Nick hatte sie alle

manipuliert, hatte sie alle als Werkzeuge benutzt. Und das hatte sie zusammengebracht.

Kapitel 2: Das Wiedersehen

Um achtzehn Uhr war Horsts Wohnung voll. Jason kam als Erster, wie immer, mit einem

Kaffee in der Hand und dem Ausdruck eines Menschen, der bereits seit Stunden wach war

und darüber nachgedacht hatte, was heute Abend passieren würde. Paul kam kurz danach,

seinen Laptop unter dem Arm, die Augen hinter der Brille konzentriert und wachsam. Maria

brachte selbstgebackene Muffins, was alle überraschte, weil Maria normalerweise keine Zeit

zum Backen hatte, und was alle freute, weil Marias Muffins legendär waren.

Alex kam mit Luca zusammen. Die beiden hatten sich in den vergangenen Jahren

angefreundet, eine Freundschaft, die aus gemeinsamen Erfahrungen gewachsen war, aus

dem Wissen, dass man denselben Sturm überlebt hatte. Luca sah ruhiger aus als früher,

gefestigter. Er hatte in den vergangenen Jahren viel über mentale Gesundheit gesprochen,

öffentlich, in Podcasts und Interviews, und das hatte ihm etwas gegeben, das er vorher

nicht gehabt hatte: einen Sinn.

Knossi kam mit einer Tüte Chips und der Entschuldigung, der Stau sei unglaublich gewesen,

was alle ignorierten. Monte und Speed kamen zusammen, beide mit Gaming-Laptops unter

dem Arm, weil sie nie irgendwo hingingen, ohne ihre Laptops. Paluten, der in den

vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten strategischen Köpfe der Gruppe geworden

war, kam pünktlich auf die Minute, was für ihn typisch war.

Und dann kamen die Fußballspieler.

Ronaldo betrat die Wohnung mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der es

gewohnt war, in Räumen die größte Präsenz zu sein, aber er tat es ohne Arroganz. Er hatte

in den vergangenen Jahren gelernt, was es bedeutete, verletzlich zu sein, was es bedeutete,

manipuliert worden zu sein, und das hatte ihn verändert. Er umarmte Horst fest, klopfte

ihm auf den Rücken. 'Heute Abend', sagte er, 'sagen wir die Wahrheit.'

Haaland kam hinter ihm, groß und breit, mit einem Grinsen, das die ganze Wohnung

aufhellte. Er hatte eine Flasche Wasser dabei und trank sie in einem Zug leer, was Knossi

dazu veranlasste zu sagen, dass er sich Sorgen um Haalands Flüssigkeitshaushalt mache.

Messi kam leise und ruhig, wie er immer war, schüttelte jedem die Hand, setzte sich in eine

Ecke und beobachtete. Neymar kam mit einem Lachen, das ansteckend war, und Suárez

kam als Letzter, mit einem Ausdruck, der sagte, dass er bereit war für alles, was kommen

würde.

Dr. Renz war per Video zugeschaltet. Er erschien auf einem großen Bildschirm, den Paul

aufgestellt hatte, ruhig und professionell, mit einem weißen Hemd und dem Hintergrund

seines Labors. Dr. Wagner, Horsts Anwalt und Berater, saß in einer Ecke und machte Notizen.

'Gut', sagte Horst, als alle da waren. 'Dann fangen wir an.'

Kapitel 3: Der Livestream

Der Livestream begann um zwanzig Uhr. Paul hatte das Setup perfektioniert, jeden Kabel,

jede Verbindung dreimal überprüft. 'Niemand hackt uns heute', hatte er gesagt, mit der

ruhigen Bestimmtheit eines Menschen, der weiß, wovon er spricht.

Als Horst auf den Startknopf drückte, waren zehntausend Menschen dabei. Innerhalb von

zehn Minuten waren es dreißigtausend. Horst sprach ruhig und klar, ohne

Ausschweifungen, ohne Dramatik. Er erzählte, was passiert war. Nicht die Version, die die

Boulevardpresse erzählt hatte. Seine Version. Die wahre Version.

Dann übergab er das Wort an Dr. Renz.

Der Wissenschaftler sprach mit der Präzision eines Menschen, der sein Leben damit

verbracht hatte, Dinge zu erklären. 'Was in den vergangenen Jahren als übernatürlich

wahrgenommen wurde', sagte er, 'war das Ergebnis hochentwickelter Technologie.

Hologramme, die mit Laserprojektoren erzeugt wurden und dreidimensionale Bilder

erzeugten, die für das menschliche Auge nicht von der Realität zu unterscheiden waren.

Chemische Verbindungen, die über die Luft oder das Trinkwasser verabreicht wurden und

die Wahrnehmung manipulierten, Halluzinationen erzeugten, das Zeitgefühl verzerrten.

Drohnen, die mit Lautsprechern ausgestattet waren und Stimmen aus dem Nichts zu

kommen schienen. Es war alles Technik. Hochentwickelte, teure, sorgfältig geplante

Technik. Aber keine Magie. Keine Parallelwelten. Keine übernatürlichen Kräfte.'

Die Zuschauerzahl hatte die hunderttausend überschritten. Der Kommentarbereich

explodierte.

Ronaldo sprach als Nächster. Er erzählte, wie Nick ihn manipuliert hatte, wie er geglaubt

hatte, dass er Dinge sah, die nicht real waren, wie er Entscheidungen getroffen hatte, die er

heute bereute. 'Ich wurde benutzt', sagte er, ohne Scham in der Stimme. 'Und ich sage das

öffentlich, weil ich möchte, dass jeder versteht: Es kann jedem passieren. Auch den

Stärksten.'

Haaland nickte neben ihm. Messi sprach kurz und präzise, wie er immer sprach. Neymar

war emotionaler, seine Stimme brach einmal kurz, was er mit einem Lachen überdeckte,

das nicht ganz echt war. Suárez sagte wenig, aber was er sagte, hatte Gewicht: 'Nick Lustig

hat uns alle als Figuren in seinem Spiel gesehen. Wir sind keine Figuren. Wir sind Menschen.'

Horst schloss den Livestream mit einem Satz, den er lange nicht hatte sagen wollen, weil er

nicht sicher gewesen war, ob er es sagen durfte: 'Nick Lustig wird in wenigen Monaten aus

dem Gefängnis entlassen. Ich weiß nicht, was er dann tun wird. Aber ich weiß, dass ich

bereit bin.'

Kapitel 4: Die Nachricht

Der Livestream war seit einer Stunde vorbei, als die erste Nachricht ankam. Horst saß noch

mit seinen Freunden zusammen, die Stimmung war gut, erleichtert, fast ausgelassen. Dann

vibrierte sein Handy. Eine unbekannte Nummer. Eine Sprachnachricht.

Er spielte sie ab. Die Stimme war verzerrt, elektronisch verfremdet, aber er erkannte sie

trotzdem. Drei Jahre hatten nicht ausgereicht, um diese Stimme zu vergessen.

Nick Lustig.

'Du dachtest, du bist fertig mit mir', sagte die Stimme. 'Du dachtest, dein kleiner Livestream

ändert etwas. Du hast die Wahrheit gesagt, ja. Aber nicht die ganze Wahrheit. Und die Teile,

die du verschwiegen hast, die werden dich einholen. Ich komme zurück. Und wenn ich

zurückkomme, bin ich besser vorbereitet als je zuvor.'

Horst legte das Handy auf den Tisch. Die Stille, die folgte, war schwer.

'Was war das?', fragte Jason.

'Eine Drohung', sagte Horst.

Paul hatte bereits seinen Laptop geöffnet. 'Die Nachricht wurde über ein verschlüsseltes

Netzwerk gesendet. Ich kann die Quelle nicht direkt zurückverfolgen, aber...' Er tippte

schnell. 'Die Metadaten zeigen, dass sie von innerhalb eines Gefängnisgebäudes gesendet

wurde.' Eine kurze Pause. 'Nick hat ein Handy im Gefängnis.'

'Das bedeutet, er hat Verbündete drinnen', sagte Paluten, der ruhig in seiner Ecke saß und

die Situation analysierte. 'Jemand hat ihm das Handy reingebracht. Jemand, der Zugang

hat.'

Ronaldo stand auf und trat ans Fenster. 'Was machen wir jetzt?'

'Wir warten', sagte Horst. 'Und wir bereiten uns vor.'

Aber das Warten dauerte nicht lange. Zwei Stunden später, kurz nach Mitternacht, klingelte

Pauls Laptop. Eine Eilmeldung. Horst las sie und spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Nick Lustig war aus dem Gefängnis ausgebrochen.