Teil 3 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 3: Staffel 3: Die Rückkehr der Finsternis
hatte es ausgesehen. Er war charmant gewesen, klug, aufmerksam, der Typ Mann, der
zuhörte und Fragen stellte und der Sandra das Gefühl gegeben hatte, gesehen zu werden. Er
hatte ihr nicht sofort gesagt, wer er war. Er hatte Wochen gewartet, Monate, hatte eine
Freundschaft aufgebaut, die sich wie etwas Echtes angefühlt hatte.
Dann hatte er ihr gesagt, wer er war. Und dann hatte er ihr gesagt, was er von ihr wollte.
Nicht viel, hatte er gesagt. Nur Informationen. Über Leon. Über Horsts Routinen. Über den
Bunker. Kleine Dinge, die keinem schadeten.
Sandra hatte nein gesagt. Dann hatte sie ja gesagt, weil Frank Metzger die Art von Mensch
war, der Wege fand, ein Nein in ein Ja zu verwandeln, und weil Sandra in einem Moment der
Schwäche war, in dem sie das nicht erkannt hatte.
Sie hatte kleine Dinge gesagt. Wann Leon zur Schule ging. Welche Route Jason fuhr. Wo der
Bunker ungefähr war, nicht die genaue Adresse, aber die Gegend.
Sie hatte nicht gewusst, dass diese Informationen für Leons Entführung benutzt werden
würden. Das war die Wahrheit, und es war eine Wahrheit, die sie in den Tagen nach der
Entführung nicht schlafen ließ.
Aber es gab noch etwas anderes. Etwas, das Sandra getan hatte, das sie nicht zugeben
konnte, das sie nicht zugeben wollte, das sie in Momenten der Schwäche und des
Schmerzes und der Wut getan hatte, und das sie jetzt bereute mit einer Intensität, die sie
kaum ertrug.
Sie hatte einen Plan gemacht. Nicht Viktor Lustiegs Plan, nicht Nicks Plan, ihren eigenen
Plan, einen Plan, der in ihrem Kopf entstanden war in den langen, schlaflosen Nächten, in
denen sie an Leon dachte und an Horst und an das Leben, das sie hätte haben können, und
das sie nicht hatte.
Der Plan war einfach und schrecklich: Leon sollte verschwinden. Nicht sterben, das hatte
sie sich nicht vorstellen können, oder hatte sie sich gesagt, dass sie es sich nicht vorstellen
konnte. Aber verschwinden, irgendwo hingehen, wo Horst ihn nicht finden konnte, wo Leon
bei ihr sein konnte, wo sie ein neues Leben anfangen konnten, weit weg von allem.
Sie hatte Kontakt aufgenommen mit jemandem, den Frank Metzger ihr genannt hatte.
Einem Mann, der solche Dinge arrangierte. Sie hatte Geld überwiesen, nicht viel, aber
genug, um zu zeigen, dass sie es ernst meinte. Sie hatte Informationen gegeben.
Und dann hatte sie gewartet.
Was sie nicht gewusst hatte, war, dass Paul Horsts Gruppe war. Was sie nicht gewusst hatte,
war, dass Paul Netzwerke überwachte, Transaktionen verfolgte, Kommunikation
analysierte. Was sie nicht gewusst hatte, war, dass Paul gut war in dem, was er tat, sehr gut,
besser als die meisten Menschen, die versuchten, Dinge zu verbergen.
Paul fand die Überweisung. Er fand die Kommunikation. Er fand den Mann, den Sandra
kontaktiert hatte. Und er fand Sandra.
Er sagte es Horst an einem Abend, kurz, direkt, ohne Ausschmückung, weil Paul wusste,
dass Ausschmückung in diesem Moment falsch gewesen wäre.
Horst saß still. Er sagte nichts. Er schaute auf den Tisch.
"Horst", sagte Paul.
"Ich habe gehört", sagte Horst.
"Sie hat nicht gewusst, dass Viktor—"
"Ich weiß." Horst stand auf. Er ging zur Wand und legte die Hand flach dagegen, eine Geste,
die er manchmal machte, wenn er sich erden musste. "Ich weiß, dass sie es nicht gewusst
hat."
"Was willst du tun?"
Horst dachte nach. Er dachte an Sandra, die er einmal geliebt hatte, die er vielleicht noch
immer auf eine Art liebte, die nichts mit Romantik zu tun hatte, sondern mit der Tatsache,
dass sie die Mutter seines Sohnes war. Er dachte an Leon, der bei Viktor war. Er dachte an
den Plan, den Sandra gemacht hatte, und an die Frage, ob er sie dafür hassen sollte.
Er konnte sie nicht hassen. Das war das Problem. Er konnte wütend sein, und er war
wütend, aber er konnte sie nicht hassen.
"Ich spreche mit ihr", sagte er.
"Das ist keine gute Idee."
"Ich weiß." Horst nahm die Hand von der Wand. "Ich tue es trotzdem."
Er fuhr allein zu Sandras Wohnung. Er klingelte. Sie öffnete die Tür, und er sah sofort, dass
sie wusste, warum er da war. Ihr Gesicht war weiß, ihre Augen rot, die Augen einer Frau, die
geweint hatte und die wusste, dass sie etwas getan hatte, das nicht rückgängig zu machen
war.
"Ich weiß, was du getan hast", sagte Horst.
"Horst—"
"Ich bin nicht hier, um zu schreien. Ich bin nicht hier, um dich zu bestrafen." Er schaute sie
an. "Ich bin hier, weil Leon bei Viktor Lustieg ist, und weil ich ihn zurückhole, und weil ich
wollte, dass du das weißt."
Sandra schluckte. "Ich habe nicht gewusst—"
"Ich weiß." Er unterbrach sie nicht grob, aber bestimmt. "Du hast nicht gewusst, was mit
den Informationen passiert. Aber du hast sie gegeben. Das ist die Wahrheit."
Sie schwieg.
"Was du geplant hast", sagte er, "mit dem Mann, den Metzger dir genannt hat. Das werde
ich nicht ignorieren. Aber ich werde es auch nicht jetzt lösen. Jetzt hole ich Leon zurück.
Danach reden wir."
Er drehte sich um und ging.
Er war auf der Treppe, als er Sandras Stimme hörte: "Horst."
Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um.
"Es tut mir leid."
Er antwortete nicht. Er ging weiter.
Was er nicht wusste, war, dass Sandra in den Stunden nach seinem Besuch eine
Entscheidung traf. Sie rief Frank Metzger an. Sie sagte ihm, dass sie nicht mehr mitmachte,
dass sie alles abbrach, dass sie keine Informationen mehr geben würde. Frank Metzger
hörte zu. Dann sagte er ihr, dass das keine Option war.
Sandra legte auf. Sie saß in ihrer Wohnung und dachte nach. Dann tat sie etwas, das sie
nicht erwartet hatte zu tun: Sie rief die Polizei an.
Sie sagte nicht alles. Sie sagte nicht, was sie selbst getan hatte. Aber sie sagte, was Frank
Metzger getan hatte, was Viktor Lustieg getan hatte, was sie wusste. Sie gab Informationen,
die die Polizei nicht hatte, Informationen, die Pauls Bild ergänzten und die die Ermittlungen
in eine Richtung lenkten, die Viktor nicht erwartet hatte.
Und dann, weil sie wusste, dass Frank Metzger herausfinden würde, dass sie geredet hatte,
und weil sie wusste, was das bedeutete, packte sie eine Tasche und verließ ihre Wohnung.
Sie rief Horst an. Er antwortete beim zweiten Klingeln.
"Ich habe mit der Polizei geredet", sagte sie.
Eine Pause. "Was hast du gesagt?"
"Was ich wusste. Über Metzger. Über Viktor."
"Sandra—"
"Ich weiß, dass das Konsequenzen hat. Ich weiß, dass Metzger es herausfinden wird." Ihre
Stimme war ruhig, ruhiger als er erwartet hatte. "Aber ich konnte nicht mehr. Ich konnte
nicht mehr so tun, als wäre das in Ordnung."
Horst schwieg einen Moment. Dann sagte er: "Wo bist du jetzt?"
"Auf der Straße. Ich habe eine Tasche gepackt."
"Komm in den Bunker."
"Horst—"
"Komm in den Bunker", sagte er noch einmal. "Das ist kein Angebot. Das ist eine
Anweisung."
Sie kam.
Was in den folgenden Stunden passierte, war kompliziert und schmerzhaft und notwendig.
Sandra saß im Bunker und erzählte, was sie wusste, alles, auch die Dinge, die sie selbst
belasteten. Paul hörte zu und machte Notizen. Maria brachte Tee, weil Maria immer Tee
brachte, wenn jemand etwas Schwieriges sagte. Jason stand an der Wand und schaute aus
dem Fenster.
Horst saß ihr gegenüber und hörte zu. Er sagte wenig. Er fragte manchmal nach Details. Er
unterbrach sie nicht.
Als sie fertig war, sagte er: "Danke."
Sie schaute ihn an. "Dafür, dass ich dir gesagt habe, was ich getan habe?"
"Dafür, dass du es gesagt hast. Das war nicht einfach."
Sie schwieg. Dann sagte sie: "Ich will Leon zurück."
"Ich auch."
"Ich meine—" Sie schluckte. "Ich will, dass er in Sicherheit ist. Das ist alles. Ich will nicht—"
Sie brach ab.
"Ich weiß", sagte Horst. "Ich weiß, was du willst."
Er stand auf. Er hatte noch etwas zu tun, bevor der Einsatz beginnen konnte.
Frank Metzger hatte herausgefunden, dass Sandra geredet hatte. Das war schneller
gegangen, als Horst erwartet hatte, was bedeutete, dass Metzger Quellen in der Polizei
hatte, was bedeutete, dass die Situation gefährlicher war als gedacht. Metzger hatte Sandra
eine Nachricht geschickt: Du hast einen Fehler gemacht.
Sandra hatte die Nachricht Horst gezeigt. Horst hatte sie Paul gegeben. Paul hatte Metzgers
Aufenthaltsort innerhalb von zwei Stunden ermittelt.
Aber Metzger war nicht das Problem, das Horst am meisten beschäftigte. Metzger war ein
Werkzeug. Das Problem war Viktor.
Und Viktor hatte, wie Paul herausgefunden hatte, in den letzten Stunden seine
Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Das Lagerhaus war jetzt stärker bewacht. Die Zugänge
waren gesichert. Viktor wusste, dass Horst kommen würde, und Viktor hatte sich
vorbereitet.
"Er wartet auf mich", sagte Horst.
"Ja", sagte Paul.
"Dann gehen wir."
Teil 3.5 – Stichzicke und Erdnusszicke
Der Angriff kam nicht von Viktor.
Das war das Erste, was Horst später dachte, wenn er an diesen Tag zurückdachte: dass er
sich auf Viktor konzentriert hatte, auf das Lagerhaus, auf den Plan, und dass er dabei
vergessen hatte, was er eigentlich wissen musste, nämlich dass Viktor nicht allein handelte
und dass die Menschen, die Viktor unterstützten, ihre eigenen Pläne hatten.
Stichzicke und Erdnusszicke. Das waren die Namen, die Jason ihnen gegeben hatte, weil
Jason manchmal Namen vergab, die blieben, und weil diese beiden Frauen Namen
verdienten, die man sich merkte. Ihr richtiger Name war Kira Steiner und Nora Bauer, zwei
Frauen, die in Nicks erstem Netzwerk eine Rolle gespielt hatten, die nie verhaftet worden
waren, weil sie immer gerade außerhalb der Reichweite der Beweise geblieben waren.
Kira Steiner, Stichzicke, war eine Frau Mitte dreißig, die mit Messern umgehen konnte auf
eine Art, die Horst beim ersten Mal, als er sie gesehen hatte, erschreckt hatte. Nicht weil sie
bedrohlich aussah, sondern weil sie so ruhig war, so präzise, so methodisch. Sie war die
Frau, die in Band 1 mehrere Angriffe koordiniert hatte, die nie direkt zugeordnet werden
konnten.
Nora Bauer, Erdnusszicke, war der Name, den Jason ihr gegeben hatte, weil sie bei ihrem
ersten Treffen Erdnüsse gegessen hatte, und weil Jason manchmal Dinge tat, die keinen
Sinn ergaben, aber trotzdem blieben. Nora war die Planerin, die Frau, die Szenarien
durchdachte, die Frau, die Schwachstellen fand. Sie war nicht so direkt wie Kira, aber sie
war gefährlicher auf eine andere Art.
Sie hatten gewartet. Das war Horst später klar. Sie hatten gewartet, bis Horst und seine
Gruppe sich auf Viktor konzentrierten, bis alle Ressourcen und alle Aufmerksamkeit auf das
Lagerhaus gerichtet waren, und dann hatten sie gehandelt.
Es passierte auf dem Weg zum Lagerhaus. Horst, Jason und Paul fuhren in zwei Autos, Horst
allein im ersten, Jason und Paul im zweiten, weil das der Plan war. Alex und Maria waren
auf der anderen Seite der Stadt, für die Ablenkung. Ronaldo und Haaland waren in der
Nähe des Lagerhauses, für den Notfall.
Das erste Auto wurde in einer engen Straße gestoppt. Nicht durch Fahrzeuge, sondern
durch Menschen. Vier Menschen, die aus Hauseingängen traten und die Straße blockierten.
Horst bremste. Er schaute in den Rückspiegel. Zwei weitere Menschen hinter ihm.
Er rief Jason an. "Wir haben ein Problem."
"Ich sehe es", sagte Jason. Sein Auto war hundert Meter hinter Horsts gestoppt worden, auf
die gleiche Art.
Horst stieg aus. Er wusste, dass das vielleicht falsch war, aber er wusste auch, dass im Auto
zu bleiben keine Option war.
Kira Steiner stand in der Mitte der Straße. Sie hatte die Hände in den Taschen und schaute
ihn an. "Horst."
"Kira."
"Du weißt, dass du nicht zum Lagerhaus kommst."
"Das werden wir sehen."
Sie zog die Hände aus den Taschen. Sie hatte kein Messer, was Horst überraschte, bis er
verstand, dass das Messer nicht für ihn war. Es war für Jason.
Was in den nächsten Minuten passierte, war schnell und brutal und chaotisch. Horst
kämpfte gegen zwei der Männer, die ihn umringt hatten, und er hielt sich, weil er gut war
und weil er trainiert hatte, aber er war zu viert gegen einen, und das war zu viel. Jason
kämpfte auf seiner Seite der Straße, und Jason war sehr gut, besser als Horst in mancher
Hinsicht, aber Nora Bauer hatte einen Plan gehabt, und der Plan hatte funktioniert.
Kira hatte Jason nicht mit dem Messer angegriffen. Sie hatte jemand anderen angegriffen.
Sie hatte Paul angegriffen, der aus dem Auto gestiegen war, weil Paul nicht kämpfte, weil
Paul der Mann mit dem Laptop war, und weil Kira das wusste.
Paul wurde zweimal getroffen, einmal am Arm, einmal an der Seite. Er fiel nicht sofort, was
Horst später sagte, dass Paul stärker war als er aussah. Aber er fiel.
Jason sah es. Jason ließ alles fallen und rannte zu Paul. Das war der Moment, auf den Nora
gewartet hatte. Zwei der Männer, die Jason bekämpft hatte, griffen von hinten an.
Horst sah es. Er schrie Jasons Namen. Zu spät.
Jason wurde getroffen. Nicht mit einem Messer, sondern mit etwas Hartem, einem Schlag
gegen den Kopf, der ihn zu Boden brachte. Er fiel neben Paul.
Horst kämpfte sich durch die Männer, die ihn hielten, mit einer Kraft, die aus Panik kam,
und er erreichte Jason und Paul, aber Kira und Nora und die anderen waren bereits weg,
verschwunden in die Hauseingänge, als hätten sie nie existiert.
Er kniete neben Jason. Jason war bewusst, aber sein Blick war unscharf. Paul lag auf dem
Rücken und presste die Hand auf die Wunde an seiner Seite.
Horst rief den Notruf. Dann rief er Ronaldo an. "Ich brauche euch. Jetzt. Nicht das
Lagerhaus. Hier."
Er gab die Adresse. Dann legte er das Handy weg und hielt Pauls Hand, weil das das Einzige
war, was er in diesem Moment tun konnte.
"Ich bin okay", sagte Paul. Seine Stimme war ruhig, was bedeutete, dass er Schmerzen hatte
und sie nicht zeigte.
"Ich weiß", sagte Horst. "Sei still."
"Die Wunde ist nicht—"
"Paul. Sei still."
Paul war still.
Jason richtete sich auf. Er schaute Horst an. "Leon."
"Ich weiß."
"Du musst—"
"Ich weiß." Horst schaute ihn an. "Aber ich lasse euch nicht hier."
"Ronaldo kommt."
"Ich weiß."
"Dann geh."
Horst schaute auf Paul, der die Augen geschlossen hatte, nicht weil er bewusstlos war,
sondern weil er sich konzentrierte, weil Paul sich immer konzentrierte. Dann schaute er auf
Jason, der einen Bluterguss an der Schläfe hatte und der trotzdem aufrecht saß.
"Ich gehe nicht", sagte Horst.
"Horst—"
"Ich gehe nicht, bis Ronaldo hier ist."
Ronaldo kam in vier Minuten. Haaland war bei ihm. Sie kamen mit einem Fahrzeug, das
groß genug war, und sie halfen, Paul und Jason hineinzubringen. Ronaldo schaute Horst an.
"Wir bringen sie ins Krankenhaus. Du gehst zum Lagerhaus."
"Ich—"
"Du gehst zum Lagerhaus." Ronaldo legte ihm die Hand auf die Schulter. "Das ist der Plan.
Wir passen auf sie auf."
Horst schaute auf Paul und Jason. Paul hatte die Augen geöffnet und schaute ihn an. Jason
nickte.
"Geh", sagte Jason.
Horst ging.
Er fuhr allein zum Lagerhaus. Er fuhr durch die Stadt, die in der Abenddämmerung lag, und
er dachte an Paul und Jason und an das, was passiert war, und er dachte an Kira und Nora
und daran, dass sie gewusst hatten, was sie taten, und dass sie es gut gemacht hatten.
Er dachte an Leon.
Er parkte das Auto zwei Straßen vom Lagerhaus entfernt und ging den Rest zu Fuß. Er hatte
kein Backup mehr, keine Ablenkung, keinen zweiten Eingang. Er hatte nur sich selbst und
den Plan, der jetzt halb zerstört war.
Er klingelte an der Tür des Lagerhauses.
Viktor Lustieg öffnete persönlich.