Teil 4 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 3: Staffel 3: Die Rückkehr der Finsternis
Teil 3.6 – Die Flucht
Viktor Lustieg war kleiner, als Horst ihn in Erinnerung hatte. Das war der erste Gedanke, als
Horst ihn sah: dass dieser Mann kleiner war, als er in seinen Gedanken gewesen war. Er war
siebenundsechzig und sah es, ein kleiner Mann mit weißem Haar und einer ruhigen Art zu
stehen, die Hände vor dem Körper, entspannt, als wäre das hier ein normales Treffen.
"Horst", sagte Viktor.
"Viktor."
"Komm rein."
Horst trat ein. Das Lagerhaus war größer innen als außen, eine hohe Decke, schlechte
Beleuchtung, Regale an den Wänden, die leer waren. In der Mitte des Raumes standen
Stühle, zwei davon, einander gegenüber, als hätte Viktor das Treffen geplant wie ein
Gespräch.
Und auf einem dritten Stuhl, an der Wand, saß Leon.
Leon schaute Horst an. Er sagte nichts. Er sah nicht verletzt aus. Er sah ruhig aus, die
gleiche Ruhe wie auf dem Foto, die Ruhe, die Stärke war.
Horst schaute seinen Sohn an. Dann schaute er Viktor an. "Er kommt mit mir."
"Natürlich", sagte Viktor. "Das war immer der Plan." Er setzte sich auf einen der Stühle.
"Setz dich, Horst."
Horst setzte sich nicht. "Sag mir, was du willst."
"Ich will reden."
"Dann red."
Viktor schaute ihn an. Er schaute ihn lange an, auf eine Art, die nicht bedrohlich war,
sondern nachdenklich, als würde er etwas einschätzen. "Du weißt, warum ich das getan
habe."
"Ich glaube, ich weiß es."
"Mein Sohn sitzt im Gefängnis." Viktors Stimme war ruhig, fast tonlos. "Mein Sohn sitzt im
Gefängnis, weil du ihn dort hingebracht hast."
"Nick hat sich selbst dort hingebracht."
"Das glaubst du." Viktor schaute ihn an. "Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass mein Sohn
Fehler gemacht hat, ja. Aber ich glaube auch, dass du Entscheidungen getroffen hast, die
ihn dort hingebracht haben, und dass du das weißt."
Horst schwieg.
"Ich bin nicht hier, um dich zu töten", sagte Viktor. "Das wäre einfach. Das wäre auch
sinnlos. Tote Menschen können nicht leiden." Er schaute auf Leon. "Ich wollte, dass du
weißt, wie es sich anfühlt. Wenn jemand, den du liebst, weg ist. Wenn du nicht weißt, wo er
ist. Wenn du keine Kontrolle hast."
"Das weißt du jetzt", sagte Horst.
"Ja." Viktor nickte. "Ich weiß es jetzt. Und du weißt es auch."
Stille.
"Und jetzt?", sagte Horst.
"Jetzt gehst du mit deinem Sohn." Viktor stand auf. "Das ist alles."
Horst schaute ihn an. Er glaubte ihm nicht. Er glaubte nicht, dass das alles war, dass Viktor
Lustieg, der vier Jahre gewartet hatte, der ein Netzwerk aufgebaut hatte, der sieben
Menschen aus dem Gefängnis befreit hatte, einfach aufhörte, weil er seinen Punkt gemacht
hatte.
"Was ist der Preis?", fragte Horst.
Viktor schaute ihn an. "Kein Preis. Ich bin kein Händler."
"Dann was?"
"Ich will, dass du Nick in Ruhe lässt." Viktor sagte es ruhig, direkt. "Nicht für immer. Ich bin
nicht naiv. Aber für jetzt. Ich will, dass du aufhörst, ihn zu jagen, aufhörst, deine Leute auf
ihn anzusetzen, aufhörst, Beweise zu sammeln."
"Nick ist gefährlich."
"Ja." Viktor nickte. "Aber er ist mein Sohn. Und ich bitte dich, ihn in Ruhe zu lassen."
Horst dachte nach. Er dachte an Paul, der verletzt im Krankenhaus war. Er dachte an Jason.
Er dachte an Kira und Nora, die Viktor geholfen hatten. Er dachte an alles, was Viktor getan
hatte, und an die Frage, ob ein Versprechen, das er hier gab, etwas wert war.
Dann schaute er Leon an. Leon schaute zurück. Ruhig, abwartend, ohne Angst.
"Ich mache dir kein Versprechen", sagte Horst. "Nicht weil ich dich nicht respektiere.
Sondern weil ich weiß, dass Nick nicht aufhört. Und wenn Nick nicht aufhört, kann ich nicht
aufhören."
Viktor schaute ihn an. Dann nickte er, langsam. "Das ist ehrlich."
"Ja."
"Dann geh. Nimm deinen Sohn."
Horst ging zu Leon. Er legte die Hand auf Leons Schulter. Leon stand auf. Sie gingen zur Tür.
"Horst."
Er drehte sich um.
Viktor stand in der Mitte des Raumes, die Hände vor dem Körper, ruhig. "Ich werde nicht
aufhören. Das weißt du."
"Ich weiß."
"Und du wirst nicht aufhören."
"Nein."
Viktor nickte. "Dann wissen wir beide, wo wir stehen."
Horst öffnete die Tür. Er und Leon traten ins Freie.
Aber das Freie war nicht frei.
Kira Steiner stand vor dem Lagerhaus. Nora Bauer stand neben ihr. Und hinter ihnen, in
einem Halbkreis, standen sechs weitere Männer.
Horst blieb stehen. Leon blieb neben ihm stehen.
"Viktor hat gesagt, wir können gehen", sagte Horst.
"Viktor hat das gesagt", bestätigte Kira. "Ich nicht."
Horst verstand. Viktor hatte sein Wort gehalten. Kira und Nora hatten ihr eigenes Spiel
gespielt, ihr eigenes Interesse, das nicht Viktors Interesse war, sondern ihr eigenes. Sie
wollten nicht, dass Horst ging. Sie wollten etwas anderes.
"Was wollt ihr?", fragte Horst.
"Dasselbe, was wir immer wollten", sagte Nora. "Dass du verschwindest."
Was folgte, war kein Kampf. Es war eine Flucht. Horst wusste, dass er gegen acht Menschen
nicht kämpfen konnte, nicht allein, nicht mit Leon dabei. Er wusste, dass Kämpfen falsch
war.
Er schaute Leon an. "Lauf."
Leon lief.
Horst lief hinter ihm her. Er hörte Schritte hinter sich, Rufe, das Geräusch von Füßen auf
Asphalt. Er rannte, und Leon rannte, und sie rannten durch das Industriegebiet, durch
Gassen und zwischen Lagerhäusern hindurch, und Horst kannte den Weg nicht, aber Leon
schien ihn zu kennen, oder Leon lief instinktiv in die richtige Richtung, was Horst später
dazu brachte zu fragen, wie sein Sohn das gewusst hatte.
"Ich habe die Zeit hier genutzt", sagte Leon später, als sie in Sicherheit waren. "Ich habe mir
alles gemerkt. Jeden Ausgang, jeden Weg. Für den Fall."
Für den Fall. Dreizehn Jahre alt, und er hatte sich vorbereitet.
Die Flucht war nicht einfach. Sie war eine Reihe von Entscheidungen, die in
Sekundenbruchteilen getroffen werden mussten. Links oder rechts. Durch die Tür oder um
das Gebäude herum. Springen oder ducken.
An einem Punkt, in einem engen Korridor zwischen zwei Lagerhäusern, gab es eine Tür, die
verschlossen war. Horst versuchte sie aufzubrechen. Sie gab nicht nach. Leon schaute sich
um, fand einen Metallstab, der auf dem Boden lag, und reichte ihn Horst. Horst benutzte ihn
als Hebel. Die Tür gab nach.
An einem anderen Punkt gab es eine Mauer, zu hoch zum Klettern. Leon schaute sie an,
dann schaute er auf eine Palette, die an der Wand lehnte. Er schob sie heran. Horst stieg
drauf, zog sich hoch, zog Leon hoch.
An einem dritten Punkt gab es einen Hund, der bellte, an einer Kette, aber laut genug, um
ihre Verfolger auf sie aufmerksam zu machen. Leon schaute den Hund an, kniete sich hin,
streckte die Hand aus. Der Hund hörte auf zu bellen. Leon stand auf. Sie gingen weiter.
"Wie hast du das gemacht?", fragte Horst.
"Hunde bellen, wenn sie Angst haben", sagte Leon. "Ich habe ihm gezeigt, dass ich keine
Bedrohung bin."
Dreizehn Jahre alt.
Sie entkamen. Nicht elegant, nicht sauber, aber sie entkamen. Kira und Nora und die
anderen verloren sie irgendwo in dem Labyrinth des Industriegebiets, und als Horst und
Leon schließlich eine belebte Straße erreichten und ein Taxi anhielten, waren keine
Verfolger mehr zu sehen.
Im Taxi sagte Leon: "Wie geht es Jason?"
Horst schaute ihn an. "Woher weißt du—"
"Ich habe die Männer reden gehört, die mich bewacht haben. Sie haben über den Angriff
geredet." Leon schaute ihn an. "Wie geht es ihm?"
"Er ist verletzt. Aber er ist in Sicherheit."
"Und Paul?"
"Auch verletzt. Auch in Sicherheit."
Leon nickte. Er schaute aus dem Fenster. "Ich hätte früher fliehen sollen. Ich hatte eine
Möglichkeit, am zweiten Tag. Ich habe sie nicht genutzt."
"Warum nicht?"
"Weil ich nicht wusste, was draußen war. Ich wusste, was drinnen war. Draußen war
unbekannt." Er schaute Horst an. "Das war ein Fehler."
"Ja", sagte Horst. "Aber du hast es jetzt getan."
"Ja." Leon schaute wieder aus dem Fenster. "Beim nächsten Mal warte ich nicht."
Beim nächsten Mal. Als wäre es selbstverständlich, dass es ein nächstes Mal geben würde.
Horst legte die Hand auf Leons Schulter. Leon ließ es zu, was bedeutete, dass er es wollte,
weil Leon nicht zuließ, was er nicht wollte.
Im Krankenhaus war Paul bereits operiert worden. Die Wunde war tief gewesen, aber kein
lebenswichtiges Organ war getroffen worden. Er lag in einem Bett und schaute an die
Decke, als Horst und Leon hereinkamen. Er drehte den Kopf.
"Du hast ihn", sagte Paul.
"Ich habe ihn."
Paul schloss die Augen. "Gut."
Jason saß auf einem Stuhl neben Pauls Bett, den Kopf verbunden, das Gesicht blass, aber
wach. Er schaute Leon an. "Du siehst gut aus."
"Du nicht", sagte Leon.
Jason lachte. Es war kurz und schmerzhaft, weil Lachen mit einem Schlag gegen den Kopf
schmerzte, aber es war echt.
Maria stand an der Tür. Sie hatte geweint, was man an ihren Augen sah, aber sie weinte
nicht mehr. Sie schaute Horst an. Er schaute sie an. Keine Worte nötig.
Alex war nicht da. Alex war auf der anderen Seite der Stadt gewesen, für die Ablenkung, und
er war noch nicht zurück. Horst schickte ihm eine Nachricht: Wir sind alle in Sicherheit.
Alex antwortete nach einer Minute: Gott sei Dank.
Dann: Tobias war heute Abend in meiner Nähe. Ich habe ihn gesehen. Er hat mich gesehen.
Er ist gegangen.
Horst las die Nachricht. Er las sie noch einmal. Dann schickte er: Komm ins Krankenhaus.
Alex kam.
Er sah erschöpft aus und angespannt und erleichtert, alles gleichzeitig. Er umarmte Leon,
was Leon überraschte, weil Alex nicht der Typ war, der umarmte, aber Leon ließ es zu.
"Tobias", sagte Horst.
"Er war da. Er hat mich angeschaut." Alex schüttelte den Kopf. "Er hat nichts getan. Er hat
sich umgedreht und ist gegangen."
"Warum?"
"Ich weiß es nicht." Alex schaute ihn an. "Vielleicht wollte er nur sehen, wie es mir geht.
Vielleicht hat er Angst bekommen. Vielleicht—" Er brach ab. "Ich weiß es nicht."
Horst dachte nach. Tobias war ein Problem, das noch nicht gelöst war. Viktor war ein
Problem, das noch nicht gelöst war. Kira und Nora waren Probleme, die noch nicht gelöst
waren. Nick war das größte Problem, das noch nicht gelöst war.
Aber heute Abend waren alle in Sicherheit. Heute Abend war Leon zurück. Heute Abend war
das genug.
Er setzte sich auf einen Stuhl neben Pauls Bett und schaute auf seine Freunde und auf
seinen Sohn und dachte, dass das, was sie hatten, stärker war als das, was gegen sie stand.
Nicht weil sie stärker waren, nicht weil sie besser kämpften, sondern weil sie füreinander da
waren, weil sie nicht aufgaben, weil sie jeden Morgen aufstanden und weitermachten.
Das war genug. Für heute war das genug.
Leon setzte sich neben ihn. Er sagte nichts. Er saß einfach da, neben seinem Vater, in einem
Krankenhausraum, umgeben von Menschen, die für ihn in den Kampf gegangen waren.
Nach einer Weile sagte Leon: "Papa."
Horst schaute ihn an.
"Danke."
Horst legte den Arm um seinen Sohn. Leon lehnte sich an ihn. Und für einen Moment, in
diesem schlecht beleuchteten Krankenhausraum, mit dem Geruch von Desinfektionsmittel
und dem leisen Summen der Geräte, war die Welt in Ordnung.
Nur für einen Moment. Aber der Moment war echt.
Hinweis: Alle Namen und Charaktere in dieser Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit
realen Personen sind nicht beabsichtigt.
Vertiefung: Die Tage zwischen den Ereignissen
Die Stunden nach der Befreiung
Die Nacht, in der Viktor und die anderen aus dem Gefängnis kamen, war eine klare Nacht,
keine Wolken, der Mond fast voll. Horst erinnerte sich später an dieses Detail, weil er in
dieser Nacht lange wach geblieben war und aus dem Fenster des Bunkers geschaut hatte
und gedacht hatte, dass klare Nächte ihn immer beunruhigten. Klare Nächte bedeuteten,
dass man gesehen werden konnte.
Paul hatte ihm die Liste um vier Uhr dreißig morgens geschickt. Horst hatte sie gelesen,
hatte das Handy weggelegt, hatte es wieder aufgenommen, hatte die Liste noch einmal
gelesen. Sieben Namen. Sieben Menschen, die zusammen ein Netzwerk bildeten, das er
und seine Freunde über Jahre hinweg bekämpft hatten. Sieben Menschen, die jetzt frei
waren.
Er hatte nicht sofort die anderen angerufen. Er hatte eine Stunde gewartet, weil er wusste,
dass eine Stunde keinen Unterschied machte, und weil er die Zeit brauchte, um klar zu
denken. Er hatte Kaffee gemacht, hatte sich an den Tisch gesetzt, hatte das Bild von Leon
angeschaut, das auf dem Kühlschrank hing, ein Foto von Leons letztem Geburtstag, Leon
mit einem Stück Kuchen, das zu groß für ihn war, und einem Lächeln, das echt war.
Er hatte gedacht: Was würde Viktor als Erstes tun?
Die Antwort war einfach: Viktor würde Nick holen. Nicht sofort, nicht direkt, sondern auf
dem Umweg über einen Anwalt, über einen Verfahrensfehler, über die Lücken im System,
die Viktor in vier Jahren Gefängnis gelernt hatte zu finden. Viktor war geduldig. Viktor war
methodisch. Viktor würde nicht rennen. Viktor würde gehen.
Und dann hatte Horst gedacht: Was würde Viktor als Zweites tun?
Das war die schwierigere Frage. Viktor hatte kein Interesse an Macht um der Macht willen.
Viktor hatte kein Interesse an Geld, das er nicht brauchte. Viktor hatte ein einziges Interesse:
seinen Sohn. Und sein Sohn wollte Horst.
Also würde Viktor Horst geben, was Horst am meisten liebte.
Horst hatte das Foto von Leon angeschaut und gewusst, dass er recht hatte.
Er hatte Jason angerufen. Jason hatte beim ersten Klingeln abgenommen, was bedeutete,
dass Jason auch nicht geschlafen hatte.
"Ich weiß", hatte Jason gesagt, bevor Horst etwas sagen konnte.
"Wir müssen die Protokolle ändern."
"Ich weiß."
"Ab heute ist Leon nie allein."
"Ich weiß." Eine kurze Pause. "Ich übernehme die Schule."
"Jason—"
"Ich übernehme die Schule. Das ist nicht verhandelbar."
Horst hatte nicht widersprochen. Jason war der Beste von ihnen, wenn es darum ging,
jemanden zu beschützen, weil Jason die Fähigkeit hatte, gleichzeitig entspannt und
wachsam zu wirken, was bedeutete, dass er nicht auffiel, aber trotzdem alles sah.
Sie hatten die neuen Protokolle in den nächsten zwei Tagen entwickelt. Leon würde nie
allein zur Schule gehen. Jason würde ihn bringen und abholen. Einer der anderen würde in
der Nähe bleiben, wechselnd, damit kein Muster erkennbar war. Der Bunker würde seine
Sicherheitssysteme upgraden. Paul würde Viktors bekannte Kontakte und Netzwerke
überwachen.
Leon hatte die neuen Regeln ohne Widerspruch akzeptiert, was Horst überrascht hatte. Er
hatte erwartet, dass Leon protestieren würde, dass ein dreizehnjähriger Junge die ständige
Begleitung als Einschränkung empfinden würde. Aber Leon hatte die Regeln gehört, hatte
genickt, hatte gesagt: "Okay."
"Du bist nicht wütend?", hatte Horst gefragt.
"Warum sollte ich wütend sein?"
"Weil es einschränkend ist."
Leon hatte ihn angeschaut. "Ich verstehe, warum es nötig ist. Das ist nicht das Gleiche wie
es gut zu finden."
Dreizehn Jahre alt, und er trennte Verstehen von Akzeptanz. Horst hatte nicht gewusst, ob