Band 2 · Staffel 4 · Teil 32.440 Wörter · ~13 Min.

Teil 3: Die Falle

Eine Falle wird gestellt. Nicht alle entkommen unversehrt.

Teil 3 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit

Band 2 – Staffel 4: Staffel 4: Der Schatten des Unbekannten

bezahlbar war. Horst hatte die Nachricht bekommen. Er hatte geantwortet: Ich gestehe

nicht. Findet einen anderen Weg.

Das war typisch Horst. Das war auch das Problem.

An einem Dienstagnachmittag, drei Wochen nach Moins erstem Besuch, kamen alle

Freunde gleichzeitig in den Bunker. Nicht weil sie freigelassen worden waren, sondern weil

Moin sie freigelassen hatte, alle fünf, gleichzeitig, ohne Erklärung.

Sie kamen in den Bunker, und Leon sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Nicht an ihren

Gesichtern, die müde waren und blass, wie man nach drei Wochen in einer Zelle aussah.

Sondern an ihren Augen. An der Art, wie sie ihn anschauten.

"Jason", sagte Leon.

Jason schaute ihn an. "Wo ist dein Vater?"

"Im Gefängnis. Das weißt du."

"Ich weiß, was er getan hat."

Leon schaute ihn an. "Was meinst du damit?"

"Die Dokumente—"

"Die Dokumente sind gefälscht", sagte Leon. "Ich kann es beweisen. Ich habe—"

"Du bist dreizehn", sagte Jason. "Du verstehst das nicht."

Das war das Moment, in dem Leon verstand, was passiert war. Er schaute von Jason zu Paul

zu Maria zu Alex, und er sah es in allen vier Gesichtern: den Zweifel, die Distanz, die

veränderte Überzeugung.

Moin hatte sie bearbeitet. Drei Wochen lang. Und es hatte funktioniert.

"Hört mir zu", sagte Leon. "Ich weiß, was ihr denkt. Ich weiß, was euch gezeigt wurde. Aber

es ist alles gefälscht. Ich kann es beweisen."

"Wie?", fragte Paul.

"Das Deepfake-Video. Ich habe eine Inkonsistenz gefunden. Eine echte, keine, die behoben

werden kann. In Frame 847, wenn Horsts Gesicht sich nach links dreht, gibt es eine

Beleuchtungsanomalie, die—"

"Das reicht nicht", sagte Jason.

"Es reicht, wenn man es einem Experten zeigt. Paul, du kannst das überprüfen. Du weißt,

wie man—"

"Ich habe drei Wochen in einer Zelle gesessen", sagte Paul. Seine Stimme war ruhig, aber

kalt. "Ich habe Dokumente gelesen, die zeigen, dass dein Vater mich absichtlich in diese

Situation gebracht hat. Ich bin bereit, mir deine Analyse anzuhören. Aber ich bin nicht

bereit, alles zu vergessen, was ich gesehen habe."

Leon schaute sie alle an. Vier Menschen, die er kannte, die er mochte, die er für verlässlich

gehalten hatte. Vier Menschen, die jetzt anders waren.

Er holte tief Luft.

"Okay", sagte er. "Dann zeige ich euch alles. Schritt für Schritt. Und ihr entscheidet dann."

Er öffnete den Computer. Er zeigte ihnen die Analyse. Er erklärte jeden Schritt, jede

Inkonsistenz, jeden Beweis. Er sprach ruhig und präzise, weil er wusste, dass Emotionen

hier nicht halfen.

Es dauerte zwei Stunden.

Am Ende saß Paul schweigend vor dem Bildschirm und schaute auf die Daten.

"Er hat recht", sagte Paul schließlich. "Das Video ist ein Deepfake. Die Inkonsistenz ist real

und nicht behebbar."

Stille.

"Und die Dokumente?", fragte Jason.

"Wenn das Video gefälscht ist, sind die Dokumente wahrscheinlich auch gefälscht", sagte

Paul. "Ich brauche Zeit, um sie zu überprüfen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch."

Jason schaute auf seine Hände. Er sagte nichts. Aber Leon sah, wie sich etwas in seinem

Gesicht veränderte, langsam, wie Eis, das taut.

Maria stand auf und ging zur Tür. Sie blieb stehen, den Rücken zur Gruppe, und sagte: "Ich

brauche einen Moment."

Alex saß am Tisch und schaute auf den Boden. Er sagte gar nichts.

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Bunkers.

Moin stand im Eingang. Er trug diesmal eine Ghostface-Maske, weiß und glatt, mit den

leeren Augenlöchern. Er stand ruhig, die Hände in den Taschen der grauen Jacke.

"Ich sehe, ihr habt euch wieder gefunden", sagte er. Seine Stimme war durch die Maske

leicht verzerrt, aber erkennbar.

Jason sprang auf. Er war schnell, sehr schnell, und er war auf Moin zu, bevor die anderen

reagiert hatten. Aber Moin war schneller. Er wich zur Seite, und Jason traf die Türzarge, und

Moin hatte bereits Abstand gewonnen.

"Interessant", sagte Moin. "Ihr seid schneller, als ich dachte."

"Wer bist du?", fragte Jason.

"Das habe ich Leon schon erklärt. Ich bin Moin."

"Das ist kein Name."

"Nein", sagte Moin. "Es ist ein Pseudonym."

Er schaute in die Runde. Alle fünf standen jetzt, alle angespannt, alle bereit.

"Ich werde euch etwas sagen", sagte Moin. "Ihr habt drei Wochen damit verbracht, euren

besten Freund zu hassen. Das war nicht zufällig. Das war ein Test. Und ihr habt ihn

bestanden, weil ihr euch selbst befreit habt."

"Ein Test?", sagte Maria. Ihre Stimme war kalt.

"Ja. Ich wollte sehen, ob ihr stark genug seid."

"Stark genug wofür?", fragte Paul.

Moin schaute ihn an. "Das erkläre ich euch, wenn die Zeit gekommen ist."

Er drehte sich um, um zu gehen.

Leon bewegte sich. Er war nicht so schnell wie Jason, aber er war näher an der Tür, und er

hatte nicht auf einen Angriff gezielt, sondern auf die Maske. Er griff nach ihr, und seine

Finger fanden Halt, und er zog.

Die Maske löste sich.

Moin drehte sich sofort um, mit einer Geschwindigkeit, die überraschend war, und sein

Gesicht war für eine Sekunde sichtbar, eine einzige Sekunde, bevor er sich wieder

abwandte und durch die Tür verschwand.

Eine Sekunde war genug.

Leon hatte sein Gesicht gesehen.

Er kannte ihn nicht. Das war das Erste, was er dachte. Er kannte dieses Gesicht nicht. Es war

das Gesicht eines Mannes, vielleicht vierzig Jahre alt, mit einem Narbe über der linken

Augenbraue, mit dunklen Augen, die für diese eine Sekunde weit aufgerissen gewesen

waren, überrascht, bevor er sich abgewandt hatte.

Ein Fremder. Kein Gesicht, das Leon kannte.

Aber Paul kannte es.

Paul stand reglos und schaute auf die Tür, durch die Moin verschwunden war, und sein

Gesicht war weiß.

"Paul?", sagte Leon.

Paul antwortete nicht sofort. Er schaute noch einen Moment auf die Tür, dann drehte er sich

um.

"Ich kenne ihn", sagte Paul.

Alle schauten ihn an.

"Wer ist er?", fragte Jason.

Paul schluckte. "Das ist eine lange Geschichte."

Wortanzahl nach Teil 4.5: ca. 13.200 Wörter (kumulativ)

Teil 4.6 – Die Rettung

Die lange Geschichte, die Paul erzählte, dauerte zwanzig Minuten.

Der Mann, der sich Moin nannte, hieß in Wirklichkeit Gregor Weiland. Er war ein ehemaliger

Geheimdienstanalytiker, der vor sieben Jahren aus dem Dienst entlassen worden war, nach

einem Vorfall, der nie vollständig aufgeklärt worden war. Paul kannte ihn, weil Paul vor

Jahren, in einer anderen Phase seines Lebens, für eine Organisation gearbeitet hatte, die

mit dem Geheimdienst kooperiert hatte, und weil Gregor Weiland damals sein Kontakt

gewesen war.

"Er ist kein gewöhnlicher Krimineller", sagte Paul. "Er ist jemand, der weiß, wie man

Informationen manipuliert, wie man Menschen beeinflusst, wie man Systeme ausnutzt. Er

hat das jahrelang professionell gemacht."

"Warum will er Horst vernichten?", fragte Jason.

"Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie er denkt. Und ich weiß, dass er immer einen Grund

hat, der über das Offensichtliche hinausgeht."

"Was ist das Offensichtliche?"

"Dass er von jemandem bezahlt wird. Von Nick, von Viktor, von dem Financier. Aber Gregor

arbeitet nicht für Geld allein. Er arbeitet für Geld und für etwas anderes."

"Was?"

Paul schaute auf seine Hände. "Ich weiß es nicht. Aber ich werde es herausfinden."

Das war der Moment, in dem sie aufhörten, über Moin zu reden, und anfingen, über Horst

zu reden. Über den Plan, ihn aus dem Gefängnis zu bekommen.

Das Hochsicherheitsgefängnis, in dem Horst saß, war nicht uneinnehmbar. Kein Gefängnis

war uneinnehmbar, wenn man die richtigen Informationen hatte und die richtigen

Werkzeuge. Paul hatte beides, oder konnte beides bekommen.

Die Planung dauerte vier Tage. Vier Tage, in denen sie im Bunker saßen und Pläne machten

und verwarf und neue Pläne machten. Vier Tage, in denen Leon dabei war und zuhörte und

gelegentlich Fragen stellte, die gut waren.

Der Plan, den sie schließlich hatten, war nicht elegant. Er war riskant und kompliziert und

hatte mehrere Punkte, an denen er scheitern konnte. Aber er war der beste Plan, den sie

hatten.

Der erste Schritt war, in das Gefängnis zu kommen. Nicht durch die Haupttür, nicht als

Besucher, sondern durch einen Nebeneingang, der für Lieferungen benutzt wurde und der,

nach Pauls Analyse, für sieben Minuten täglich unbeobachtet war, zwischen dem Ende der

Mittagspause der Wächter und dem Beginn der Nachmittagsschicht.

Sieben Minuten. Das war nicht viel.

Jason und Maria übernahmen den ersten Teil. Sie kamen als Lieferanten, mit einem

Lieferwagen, den Alex besorgt hatte, und mit Dokumenten, die Paul gefälscht hatte, und sie

kamen in das Gebäude.

Der zweite Schritt war, zu Horsts Zelle zu kommen. Das war schwieriger, weil das

Hochsicherheitsgefängnis mehrere Sicherheitsstufen hatte und weil jede Stufe eigene

Protokolle hatte. Paul hatte einen Weg gefunden, durch einen Wärter, der bezahlbar war,

nicht den gleichen Wärter wie vorher, einen anderen, den Paul durch andere Kanäle kannte.

Der Wärter brachte sie zu Horsts Zelle. Er wartete draußen, nervös, die Augen auf den Gang

gerichtet.

Horst saß auf seiner Pritsche, als die Tür aufging. Er schaute auf, und er sah Jason und

Maria, und für einen Moment sagte er nichts.

Dann sagte er: "Ihr solltet nicht hier sein."

"Wir wissen", sagte Jason. "Komm."

"Es gibt einen Plan?"

"Ja."

"Einen guten?"

"Einen ausreichenden."

Horst stand auf. Er war dünner geworden in den Wochen im Gefängnis, und er hatte Ringe

unter den Augen, aber er bewegte sich wie immer, ruhig und präzise.

Sie gingen. Durch den Gang, durch eine Tür, durch einen Korridor, durch eine weitere Tür.

Der Wärter führte sie, schweigend, die Augen geradeaus.

Dann gingen die Alarme an.

Nicht wegen ihnen, nicht direkt. Sondern wegen eines anderen Vorfalls, in einem anderen

Teil des Gefängnisses, den Paul nicht vorhergesehen hatte. Ein Gefangener in Block D hatte

einen Wärter angegriffen, und das hatte einen allgemeinen Alarm ausgelöst, und jetzt

waren alle Wächter in Bewegung.

"Lauf", sagte Jason.

Sie liefen. Durch Korridore, die plötzlich voller Menschen waren, Wächter, die in die andere

Richtung liefen, Gefangene, die in ihre Zellen gebracht wurden. Jason und Maria und Horst

liefen gegen den Strom, und das war auffällig, aber es gab keine andere Option.

Die Flucht aus dem Gefängnis war das Schlimmste, was Horst je erlebt hatte. Nicht wegen

der körperlichen Anstrengung, sondern wegen der Hilflosigkeit, wegen des Gefühls, dass

jede Tür die letzte sein könnte, dass jeder Wächter, den sie passierten, der sein könnte, der

sie aufhielt.

Aber sie kamen durch. Durch den Liefereingang, in den Lieferwagen, weg vom Gefängnis.

Alex fuhr. Er fuhr schnell und schweigend, und er schaute nicht in den Rückspiegel, bis sie

weit genug weg waren.

Dann schaute er in den Rückspiegel und sah Horst.

"Ich habe einen Brief geschrieben", sagte Alex. "An die Gefängnisleitung. Ich habe gesagt,

dass du mich zu illegalen Aktivitäten gezwungen hast."

Stille.

"Wurde er abgeschickt?", fragte Horst.

"Nein. Aber ich habe ihn geschrieben."

Horst schaute ihn an, durch den Rückspiegel. "Ich weiß."

"Du weißt es?"

"Paluten hat mir erzählt, was passiert ist. Was Moin euch gezeigt hat."

Alex schaute auf die Straße. "Es tut mir leid."

"Du hast es nicht abgeschickt."

"Ich habe es geschrieben."

"Ich weiß", sagte Horst. "Und ich verstehe, warum. Du warst drei Wochen allein in einer

Zelle mit Lügen. Das verändert einen."

Alex sagte nichts mehr. Aber seine Hände auf dem Lenkrad entspannten sich ein wenig.

Zuhause, im Bunker, wartete Leon. Er hatte die ganze Zeit gewartet, ohne zu schlafen, ohne

zu essen, mit dem Handy in der Hand und dem Blick auf die Tür.

Als Horst hereinkam, stand Leon auf. Er sagte nichts. Er ging auf seinen Vater zu und

umarmte ihn, fest, ohne Worte, und Horst umarmte ihn zurück, und das war alles, was nötig

war.

Dann begann die Arbeit.

Paul arbeitete drei Tage lang, ohne zu schlafen, an dem Beweis, dass das Deepfake-Video

gefälscht war. Er hatte Leons Analyse als Grundlage und baute darauf auf, mit Werkzeugen,

die er jetzt wieder hatte, und mit der Präzision, die Paul auszeichnete.

Am dritten Tag hatte er genug.

Er übergab die Beweise an einen Anwalt, der sie an das Gericht weiterleitete. Das Gericht

brauchte eine Woche, um die Beweise zu prüfen. Dann wurde der Haftbefehl gegen Horst

aufgehoben.

Horst war frei. Legal, offiziell, mit einem Dokument, das bestätigte, dass die Beweise gegen

ihn gefälscht gewesen waren.

Aber der Mörder war nicht gefunden worden. Das war das Problem. Das Gericht wusste,

dass das Video gefälscht war. Es wusste, dass Horst unschuldig war. Aber es wusste nicht,

wer das Video gefälscht hatte, wer den Mann getötet hatte, wer hinter allem steckte.

Nick war noch frei. Viktor war noch frei. Gregor Weiland, Moin, war noch frei.

Und alle siebzehn Bedrohungen, die Paul an die Wand gehängt hatte, waren noch aktiv.

Sie standen im Bunker und schauten auf die Wand, auf die siebzehn Namen und

Bezeichnungen, und sie wussten, dass es noch lange nicht vorbei war.

Aber sie standen zusammen. Alle sechs, Horst und Jason und Paul und Maria und Alex und

Leon, und das war mehr, als sie drei Wochen vorher gehabt hatten.

"Was jetzt?", fragte Leon.

Horst schaute auf die Wand. Er schaute auf die siebzehn Namen. Er schaute auf seinen

Sohn.

"Jetzt fangen wir an", sagte er.

Wortanzahl nach Teil 4.6: ca. 17.800 Wörter (kumulativ)

Ende von Band 2, Staffel 4: Der Schatten des Unbekannten

Alle Namen und Charaktere in dieser Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen

Personen sind nicht beabsichtigt.

Vertiefung der Szenen

Horsts Gedanken im Hochsicherheitsgefängnis

Die Zelle war drei Meter lang und zwei Meter breit. Das war nicht viel Platz, aber es war

genug, um zu gehen, wenn man kleine Schritte machte. Horst machte jeden Morgen

hundert Schritte, hin und her, weil Bewegung wichtig war und weil die Alternative war, auf

der Pritsche zu liegen und zu denken, und zu viel Denken in einer Zelle ohne Ablenkung war

gefährlich.

Er dachte trotzdem. Er konnte nicht anders.

Er dachte an Leon. An das Frühstück, das er jeden Morgen gemacht hatte, Eier und Toast

und Orangensaft, und an die Art, wie Leon gegessen hatte, schweigend meistens, aber da.

Er fragte sich, ob Leon jetzt aß. Ob Paluten dafür sorgte, dass Leon aß.

Er dachte an das Deepfake-Video. Er hatte es nicht gesehen, aber er wusste, dass es

existierte, weil der Anwalt, der ihm zugewiesen worden war, ihm davon erzählt hatte. Ein

Video, das ihn beim Töten zeigte. Er versuchte, sich vorzustellen, wie gut es sein musste, um

überzeugend zu sein, und er kam zu dem Schluss, dass es sehr gut sein musste, weil die

Polizei es als Beweis akzeptiert hatte.

Wer hatte das gemacht? Nick hatte die Ressourcen. Viktor hatte die Verbindungen. Der

Financier hatte das Geld. Aber wer hatte die Technologie?

Er dachte an Moin. Leon hatte ihm von Moin erzählt, durch Palutens Botschaft, und er hatte

versucht, sich ein Bild zu machen. Ein Mann, der sich Moin nannte. Ein Mann, der sie

beobachtet hatte. Ein Mann, der einen Plan hatte, der über das Offensichtliche hinausging.

Das war das Beunruhigende. Nicht die siebzehn bekannten Bedrohungen. Sondern der eine

Unbekannte.

Er machte seine hundert Schritte und dachte nach.