Teil 6 von 6 · ~12 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 5: Staffel 5: Flucht ohne Grenzen
Es gab einen Brief, den niemand schrieb, aber alle dachten.
Jason dachte ihn an seine Mutter, die er nie gekannt hatte: Ich bin noch hier. Ich kämpfe
noch. Ich weiß nicht, ob das das ist, was du dir gewünscht hättest. Aber es ist das, was ich
habe.
Maria dachte ihn an ihre Vergangenheit, an die Entscheidungen, die sie getroffen hatte,
bevor sie Horst und die anderen getroffen hatte: Ich bereue nicht. Aber ich würde manches
anders machen. Nicht weil es falsch war. Sondern weil ich jetzt mehr weiß.
Paul dachte ihn an die Zahlen und Daten und Analysen, die sein Leben füllten: Manchmal
reichen Fakten nicht. Manchmal muss man einfach vertrauen. Das ist das Schwierigste, was
ich je gelernt habe.
Alex dachte ihn an Tobias: Ich verstehe dich nicht. Ich werde dich vielleicht nie verstehen.
Aber ich hoffe, dass du irgendwann einen Weg findest, der nicht durch Dunkelheit führt.
Horst dachte ihn an Leon: Du solltest das alles nicht erleben müssen. Aber du bist stärker,
als du weißt. Stärker, als ich in deinem Alter war. Und ich bin stolz auf dich, auch wenn ich
das nicht oft genug sage.
Leon dachte ihn an die Zukunft: Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich bin bereit.
Die Briefe wurden nie geschrieben. Aber sie existierten trotzdem, in den Gedanken der
Menschen, die sie dachten, und manchmal war das genug.
Manchmal war das mehr als genug.
Vertiefung III – Die Flucht und der Kampf in der Tiefe
Die Nacht in Nordkorea
Die Nacht in Nordkorea war die längste, die Horst je erlebt hatte.
Nicht weil sie lang war, im Sinne von Stunden. Sondern weil jede Minute sich anfühlte wie
eine Stunde, weil jedes Geräusch eine Bedrohung sein konnte, weil die Dunkelheit keine
Ruhe war, sondern ein Zustand des ständigen Wartens.
Sie lagen in einem Graben, drei Meter von einer Straße entfernt, auf der regelmäßig
Fahrzeuge vorbeifuhren. Militärfahrzeuge, schwer und laut, mit Scheinwerfern, die die
Dunkelheit für Sekunden in grelles Licht verwandelten.
Leon lag neben Horst. Er atmete flach und ruhig, wie Horst es ihm erklärt hatte: flach, um
weniger Geräusch zu machen, ruhig, um den Herzschlag zu kontrollieren. Leon hatte es
sofort verstanden und sofort umgesetzt, mit der Anpassungsfähigkeit eines Menschen, der
gelernt hatte, dass Überleben manchmal bedeutete, sich schnell neue Fähigkeiten
anzueignen.
Horst schaute auf seinen Sohn und dachte: Das ist nicht richtig. Das sollte nicht sein Leben
sein.
Aber es war sein Leben. Jetzt, in diesem Moment, in diesem Graben, in diesem Land.
Das nächste Fahrzeug fuhr vorbei. Die Scheinwerfer strichen über den Graben, und Horst
drückte sich flacher in die Erde, und Leon tat dasselbe, ohne dass jemand etwas sagen
musste.
Das Fahrzeug fuhr weiter.
Stille.
Jason, der auf der anderen Seite von Leon lag, hob den Daumen. Das bedeutete: Alles klar.
Das bedeutete: Wir leben noch.
Horst hob ebenfalls den Daumen.
Sie warteten noch zwanzig Minuten, bis Rafael das Signal gab: ein kurzes, dreifaches
Drücken auf Horsts Arm. Das bedeutete: Jetzt. Das bedeutete: Wir bewegen uns.
Sie bewegten sich.
Nicht schnell, weil Schnelligkeit Lärm bedeutete. Langsam, geduckt, mit Pausen bei jedem
Geräusch, das nicht zu dem gehörte, was sie erwarteten. Rafael führte, weil Rafael wusste,
wohin sie gingen. Esther sicherte den Rücken. Thomas blieb in der Mitte, bei Leon, weil
Leon der war, den sie schützen mussten, auch wenn Leon das nicht hören wollte.
Der Weg zur Grenze war drei Kilometer lang. Drei Kilometer, die sich anfühlten wie dreißig.
Sie passierten einen Kontrollpunkt, indem sie ihn umgingen, durch ein Feld, das nach
nassem Boden roch und in dem Horsts Schuhe nach zwanzig Metern durchnässt waren. Sie
passierten einen Wachposten, indem sie warteten, bis der Wächter sich umdrehte, und
dann schnell und leise durch seinen Sichtbereich liefen.
Leon stolperte einmal. Horst fing ihn, bevor er fiel, eine Reflexbewegung, schnell und
lautlos. Leon schaute ihn an. Horst schaute zurück. Kein Wort. Kein Wort war nötig.
Sie erreichten die Grenze um vier Uhr morgens.
Die Grenze war ein Zaun, drei Meter hoch, mit Stacheldraht oben. Rafael hatte Werkzeug
dabei. Er arbeitete schnell und leise, und nach drei Minuten gab es eine Öffnung, gerade
groß genug für einen Menschen.
Jason ging zuerst. Dann Maria. Dann Paul. Dann Alex. Dann Leon. Dann Thomas. Dann
Esther. Dann Horst. Dann Rafael, der die Öffnung hinter sich so gut wie möglich wieder
verschloss, damit es nicht sofort auffiel.
Auf der anderen Seite: China.
Nicht sicher. Aber sicherer.
Horst kniete sich hin und legte eine Hand auf den Boden. Er wusste nicht, warum. Es war
eine Geste, die er nicht geplant hatte, die einfach passierte. Als wäre der Boden etwas, das
er begrüßen musste.
Leon schaute ihn an. "Bist du okay?"
"Ja." Horst stand auf. "Ich bin okay."
Leon nickte. Er glaubte ihm.
Der Moment vor dem Parkhaus
Sie standen vor dem Parkhaus und schauten es an.
Es war ein altes Gebäude, grau und abgenutzt, mit Graffiti an den unteren Wänden und
kaputten Fenstern in den oberen Stockwerken. Es sah nicht aus wie das Hauptquartier
eines Mannes, der Deutschland terrorisiert hatte. Es sah aus wie ein vergessenes Gebäude
in einer vergessenen Ecke der Stadt.
Aber Nick war dort drinnen. Das wussten sie.
"Ich habe ein schlechtes Gefühl", sagte Jason.
"Das hast du immer", sagte Maria.
"Und ich habe immer recht."
Maria schaute ihn an. "Nicht immer."
"Meistens."
Sie schwiegen. Das schlechte Gefühl war berechtigt. Das wussten alle. Das Parkhaus war
eine Falle, oder zumindest eine mögliche Falle, und in eine mögliche Falle zu gehen war
immer ein Risiko.
Aber Nick war dort drinnen. Und Nick würde nicht warten.
"Wir gehen rein", sagte Horst.
"Ja", sagte Jason.
"Ja", sagte Maria.
"Ja", sagten die anderen.
Nicht weil sie keine Angst hatten. Sondern weil die Angst nicht der Grund war, nicht zu
gehen.
Sie gingen rein.
Die Stunden nach dem Tod
Die Stunden nach Nicks Tod waren die verwirrendsten, die Horst je erlebt hatte.
Nicht wegen der Gefahr, obwohl die Gefahr real war. Nicht wegen der Flucht, obwohl die
Flucht anstrengend war. Sondern wegen der Stille danach, der Stille in seinem Kopf, die er
nicht erwartet hatte.
Er hatte erwartet, dass Nicks Tod etwas auslöste. Erleichterung, vielleicht. Oder Trauer,
oder Wut, oder irgendetwas, das er benennen konnte. Stattdessen war da nur Stille.
Er dachte: Ist das alles?
Und dann dachte er: Nein. Das ist nicht alles. Das ist erst der Anfang.
Weil Nick tot war, aber fünfzehn andere noch lebten. Weil Viktor jetzt außer Kontrolle war.
Weil Kevin seinen eigenen Plan hatte. Weil Stichzicke und Erdnusszicke weiterarbeiteten.
Weil Lilith irgendwo war und irgendwas plante.
Nick war ein Kapitel. Aber das Buch war noch nicht zu Ende.
Horst saß im Bunker und schaute auf die Wände und dachte: Wir haben einen langen Weg
vor uns.
Das war keine Klage. Das war eine Feststellung.
Und dann stand er auf und begann, den nächsten Schritt zu planen.
Was Kevin in dieser Nacht tat
Kevin saß in seiner Wohnung und schaute auf den Bildschirm.
Nick war tot. Das hatte er erwartet, nicht wann, aber dass es passieren würde. Nick war zu
sichtbar gewesen, zu laut, zu sehr im Mittelpunkt. Menschen, die im Mittelpunkt standen,
wurden getroffen.
Kevin stand nicht im Mittelpunkt.
Das war seine Stärke. Er arbeitete im Hintergrund, mit Informationen statt mit Gewalt, mit
Geduld statt mit Ungeduld. Er hatte Horst beobachtet, lange, und er kannte seine
Schwächen. Er kannte seine Stärken auch, aber Schwächen waren nützlicher.
Horsts größte Schwäche war Leon.
Kevin schaute auf ein Foto auf seinem Bildschirm. Leon, dreizehn Jahre alt, mit einem
Notizbuch unter dem Arm. Sein Halbbruder.
Das Wort fühlte sich seltsam an. Halbbruder. Als wäre die Hälfte weniger als das Ganze, als
wäre eine Verbindung, die durch Blut bestand, aber nicht durch Wahl, weniger real als eine,
die durch Wahl bestand, aber nicht durch Blut.
Kevin hatte Leon nie getroffen. Er wusste nicht, ob er ihn treffen wollte.
Was er wusste: Leon war Horsts Schwachstelle. Und Schwachstellen wurden ausgenutzt.
Er schloss das Foto.
Er öffnete eine neue Datei und begann zu schreiben.
Der Plan hatte viele Schritte. Der erste Schritt war Information. Der zweite Schritt war
Positionierung. Der dritte Schritt war Geduld.
Kevin war gut in Geduld.
Er würde warten.
Und dann würde er handeln.
Der Morgen danach
Der Morgen nach Nicks Tod war grau und still.
Die Stadt wachte auf, wie sie es immer tat, ohne Rücksicht auf das, was in der Nacht
passiert war. Autos fuhren, Menschen gingen, Vögel sangen.
Im Bunker saßen neun Menschen und tranken Kaffee, den Thomas gekocht hatte, aus
einem alten Topf auf einem alten Herd, der noch funktionierte, weil alte Dinge manchmal
länger hielten als neue.
Der Kaffee war stark und ein wenig bitter, und niemand beschwerte sich, weil starker
bitterer Kaffee manchmal genau das Richtige war.
Leon schrieb in sein Notizbuch.
Jason schaute aus dem kleinen Fenster auf die Straße.
Maria las in einem Buch, das Esther ihr gegeben hatte.
Paul analysierte Daten auf seinem Laptop.
Alex saß still und schaute auf nichts.
Rafael und Esther redeten leise miteinander.
Thomas reparierte eine Lampe, die nicht mehr richtig funktionierte.
Horst schaute auf die Karte.
Das war der Morgen nach Nicks Tod. Kein Triumph, keine Feier, kein Abschluss. Nur
Menschen, die weitermachten, weil Weitermachen das war, was man tat.
Und irgendwie, in diesem grauen stillen Morgen, mit dem starken bitteren Kaffee und dem
Licht, das durch das kleine Fenster fiel, war das genug.
Es war mehr als genug.
Es war alles.
Vertiefung IV – Einzelne Momente
Leon und Rafael
An einem Nachmittag, als die anderen schliefen oder beschäftigt waren, setzte sich Rafael
neben Leon.
Leon schaute auf. Er hatte erwartet, dass Rafael etwas wollte, eine Information, eine Frage,
irgendetwas Praktisches. Aber Rafael sagte nichts. Er setzte sich einfach hin und schaute
auf die Wand.
Nach einer Weile sagte Leon: "Du willst etwas sagen."
"Ja."
"Dann sag es."
Rafael schaute ihn an. "Du bist gut in dem, was du tust."
Leon wartete. Das war offensichtlich kein vollständiger Satz.
"Aber du machst dir zu viele Sorgen", sagte Rafael.
"Ich mache mir keine Sorgen."
"Du machst dir Sorgen um deinen Vater. Ich sehe es, wenn du ihn anschaust."
Leon schwieg. Das stimmte, und er wusste, dass es stimmte, und er wusste, dass Rafael es
wusste.
"Das ist normal", sagte Rafael. "Ich mache mir auch Sorgen um Menschen, die mir wichtig
sind." Er machte eine Pause. "Aber Sorgen helfen nicht. Vorbereitung hilft."
"Ich bereite mich vor."
"Ich weiß." Rafael schaute auf Leons Notizbuch. "Aber manchmal ist die beste Vorbereitung,
sich auszuruhen. Damit man klar denken kann, wenn es darauf ankommt."
Leon schaute ihn an. "Du sagst mir, ich soll schlafen."
"Ich sage dir, du sollst dir erlauben, manchmal nicht an alles zu denken." Rafael stand auf.
"Das ist schwerer, als es klingt."
Er ging. Leon schaute ihm nach. Dann schloss er sein Notizbuch. Und zum ersten Mal seit
Wochen saß er einfach da, ohne zu schreiben, ohne zu planen, ohne zu denken. Es war
seltsam. Aber es war auch gut.
Maria und Jason
Maria und Jason saßen auf dem Dach des Bunkers, weil das Dach der einzige Ort war, an
dem man den Himmel sehen konnte, ohne durch ein kleines Fenster zu schauen.
"Ich vermisse normale Dinge", sagte Jason.
"Was für Dinge?"
"Fernsehen. Schlechtes Fernsehen, das man nicht wirklich schaut, aber das im Hintergrund
läuft. Pizza, die zu heiß ist und die Zunge verbrennt. Das Geräusch von Regen, wenn man
drinnen ist und es draußen regnet." Er machte eine Pause. "Normale Dinge."
Maria nickte. "Ich vermisse Bücher."
"Du hast ein Buch."
"Ich vermisse eine Bibliothek. Viele Bücher. Die Möglichkeit, zwischen Büchern zu wählen."
Sie schaute auf den Himmel. "Ich vermisse die Möglichkeit."
Jason verstand das. Nicht die Bücher, aber die Möglichkeit. Das Gefühl, dass man wählen
konnte, dass das Leben Optionen hatte, nicht nur Notwendigkeiten.
"Wann ist das vorbei?", fragte er.
"Wenn wir es vorbei sein lassen."
"Das hat Horst auch gesagt."
"Horst hat recht."
Jason schaute auf den Himmel. Er war grau, wie immer, der deutsche Himmel, der selten
blau war und meistens grau, und das war in Ordnung, weil grau auch eine Farbe war, und
manchmal war grau das Ehrlichste.
"Ich glaube, wir schaffen das", sagte er.
"Ich auch", sagte Maria.
"Warum?"
Maria schaute ihn an. "Weil wir es bisher immer geschafft haben."
Jason lachte. Es war ein kurzes Lachen, aber es war echt. "Das ist kein Argument."
"Nein", sagte Maria. "Aber es ist das Einzige, was ich habe."
Sie schwiegen, und der Himmel war grau, und irgendwo in der Ferne fuhr eine
Straßenbahn, und das Geräusch war normal und vertraut und gut.
Das Ende des Anfangs
Drei Tage nach Nicks Tod hatte Paul eine neue Liste.
Sie war kürzer als die alte. Nicht weil weniger Bedrohungen existierten, sondern weil Paul
die Bedrohungen priorisiert hatte, nach Dringlichkeit und Gefährlichkeit und der
Wahrscheinlichkeit, dass sie als nächstes handelten.
Die Liste sah so aus:
Priorität 1: Viktor Brandt – aufgewühlt, bewaffnet, unberechenbar. Kevin Brandt – klug,
geduldig, hat einen Plan.
Priorität 2: Stichzicke und Erdnusszicke – aktiv, koordiniert, planen etwas.
Priorität 3: Lilith – Aufenthaltsort unbekannt, Motivation unklar. Tobias – Aufenthaltsort
unbekannt, Motivation unklar.
Beobachten: Neun weitere Personen aus Nicks Netzwerk.
Horst schaute auf die Liste. "Das ist handhabbar."
"Ja", sagte Paul.
"Nicht einfach. Aber handhabbar."
"Ja."
Horst schaute auf die Gruppe. Alle neun, die Alten und die Neuen, saßen um den Tisch und
schauten auf die Liste.
"Wir fangen mit Viktor an", sagte Horst. "Rafael und Esther beobachten ihn. Wenn er sich
bewegt, wissen wir es. Wenn er plant, wissen wir es." Er schaute auf Paul. "Kevin?"
"Leon überwacht seine Kommunikation. Wenn er sich bewegt, wissen wir es."
Leon nickte.
"Gut." Horst schaute auf die Gruppe. "Wir sind neun. Das ist mehr als wir waren. Wir haben
Informationen, die wir vorher nicht hatten. Wir haben einen Ort, der sicher ist." Er machte
eine Pause. "Wir sind nicht fertig. Aber wir sind besser aufgestellt als je zuvor."
Jason schaute ihn an. "Das klingt fast optimistisch."
"Das ist es." Horst schaute zurück. "Manchmal ist Optimismus das Klügste, was man sein
kann."
Jason nickte. Er glaubte ihm.
Und das war genug, um weiterzumachen. Das war mehr als genug.