Teil 5 von 6 · ~12 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 5: Staffel 5: Flucht ohne Grenzen
eigene Agenda gehabt, eine, die sich mit der Agenda der Bösen überschnitten hatte, aber
nicht identisch gewesen war. Und irgendwann hatte sich diese Agenda von der von Nick
getrennt.
Was war der Auslöser?
Das war die Frage, die Thomas beschäftigte. Nicht weil die Antwort die Vergangenheit
änderte, sondern weil sie die Zukunft erklären konnte. Wenn man verstand, was Tobias
antrieb, konnte man vorhersagen, was er als nächstes tun würde.
Und in einer Situation, in der man nicht wusste, wer Freund und wer Feind war, war
Vorhersehbarkeit ein Vorteil.
Thomas schrieb eine Liste von Fragen, die er Tobias stellen würde, wenn er die Gelegenheit
hätte.
Die erste Frage war: Warum?
Die Nacht im Bunker
Es war drei Uhr morgens, und der Bunker war still.
Horst saß allein am Tisch und schaute auf die Karte, die Paul ausgebreitet hatte. Die Karte
zeigte die Stadt, mit Markierungen für bekannte Aufenthaltsorte von Personen auf Pauls
Liste. Die meisten Markierungen hatten Fragezeichen.
Er dachte an Nick.
Nicht mit Trauer, nicht mit Erleichterung. Mit einer Art von Nüchternheit, die er sich über
die Jahre angeeignet hatte. Nick war tot. Das war eine Tatsache. Was diese Tatsache
bedeutete, was sie für die Zukunft bedeutete, das war noch unklar.
Er dachte an Leon.
Leon schlief auf einer Matratze in der Ecke, das Notizbuch unter dem Kopf wie ein Kissen. Er
schlief tief und ruhig, wie Kinder schlafen, wenn sie erschöpft sind, ohne die Unruhe der
Erwachsenen, die auch im Schlaf weiterdachten.
Horst schaute seinen Sohn an und dachte: Ich hätte das nicht zulassen sollen.
Nicht das hier, nicht diese Nacht. Das alles. Die ganze Geschichte. Leon war dreizehn Jahre
alt und hatte Dinge erlebt, die Menschen in seinem Alter nicht erleben sollten. Er hatte
Gefahr gesehen und Gewalt und Tod, und er hatte das alles mit einer Reife verarbeitet, die
Horst gleichzeitig stolz machte und traurig.
Stolz, weil Leon stark war.
Traurig, weil er stark sein musste.
Horst stand auf und ging zu der Matratze. Er zog die Decke, die jemand gefunden hatte, ein
wenig höher über Leon. Leon bewegte sich nicht.
"Es tut mir leid", sagte Horst leise. Nicht laut genug, um Leon zu wecken. Nur laut genug,
um es gesagt zu haben.
Er ging zurück zum Tisch und schaute auf die Karte.
Sechzehn Personen.
Er würde sie alle aufhalten. Nicht durch Gewalt, wenn es sich vermeiden ließ. Durch
Klugheit, durch Planung, durch die Bereitschaft, länger durchzuhalten als die andere Seite.
Das war der Plan.
Er war nicht perfekt. Aber er war der einzige, den er hatte.
Und manchmal war das genug.
Viktor
Viktor Brandt lief.
Er wusste nicht, wohin. Er wusste nur, dass er nicht stillstehen konnte, weil Stillstehen
bedeutete, dass er denken musste, und Denken bedeutete, dass er verstehen musste, was
passiert war, und das wollte er nicht.
Sein Sohn war tot.
Nick war tot.
Das war der Gedanke, der nicht aufhörte. Nicht als Trauer, noch nicht, weil Trauer Zeit
brauchte und er keine Zeit hatte. Als Schock, als Unglaube, als die Unfähigkeit, eine Welt zu
verstehen, in der sein Sohn nicht mehr existierte.
Er hatte Nick aus dem Gefängnis befreit. Er hatte alles getan, was er tun konnte, um Nick zu
schützen, um ihm eine Chance zu geben, um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.
Und jetzt war Nick tot.
Tobias.
Der Name brannte in ihm. Tobias, der immer am Rand gestanden hatte, der nie ganz zu
verstehen gewesen war, der immer seine eigene Agenda gehabt hatte. Tobias, der sein
Schwert genommen und Nicks Leben beendet hatte, mit der Ruhe eines Menschen, der das
schon lange geplant hatte.
Viktor würde Tobias finden.
Das war kein Plan. Das war ein Versprechen, das er sich selbst gab, in der Dunkelheit der
Nacht, während er durch Straßen lief, die er nicht kannte, in einer Stadt, die ihm plötzlich
fremd war.
Er würde Tobias finden.
Und dann würde er verstehen.
Und dann würde er entscheiden, was als nächstes kam.
Morgen
Als die Sonne aufging, waren alle wach.
Nicht weil jemand sie geweckt hatte. Sondern weil der Schlaf zu Ende war, auf die Art, wie
Schlaf endet, wenn man weiß, dass der nächste Tag schwer wird.
Horst stand am Eingang des Bunkers und schaute auf die Straße. Die Stadt erwachte
langsam, mit dem Lärm von Autos und Vögeln und dem fernen Klingeln einer Straßenbahn.
Rafael kam neben ihn stehen. "Was jetzt?"
"Wir planen."
"Was planen wir?"
Horst dachte nach. "Wir haben sechzehn Personen auf der Liste. Nick ist gestrichen.
Fünfzehn bleiben." Er schaute auf die Straße. "Wir fangen mit Viktor an. Viktor ist
aufgewühlt und aufgewühlt bedeutet unvorsichtig. Unvorsichtig bedeutet Fehler. Und
Fehler bedeuten Spuren."
"Und Kevin?"
"Kevin ist klug und vorsichtig. Kevin warten wir ab." Horst schaute Rafael an. "Aber wir
beobachten ihn. Dafür ist Leon zuständig."
"Du lässt deinen dreizehnjährigen Sohn einen Erwachsenen überwachen."
"Ich lasse meinen dreizehnjährigen Sohn das tun, was er am besten kann." Horst machte
eine Pause. "Und er ist gut darin."
Rafael nickte. Er hatte keine Gegenargumente. Manchmal war die beste Antwort keine
Antwort.
Leon kam aus dem Bunker, das Notizbuch unter dem Arm. Er schaute auf die Straße, dann
auf Horst. "Wir fangen an?"
"Wir fangen an."
Leon öffnete sein Notizbuch. Er schrieb das Datum oben auf die Seite. Dann schrieb er
darunter: Viktor. Aufenthaltsort unbekannt. Zuletzt gesehen: gestern Nacht, Parkhaus.
Und dann begann er, zu denken.
Das war der Anfang.
Nicht das Ende. Nicht einmal das Ende des Anfangs. Aber ein Anfang, und manchmal war
das genug.
Vertiefung II – Jeder kämpft auf seine Weise
Leon und das Notizbuch
Leon hatte drei Notizbücher.
Das erste war für Fakten. Namen, Daten, Orte, Verbindungen. Alles, was er wusste oder
herausgefunden hatte, in einer Ordnung, die nur er verstand, aber die er jederzeit abrufen
konnte.
Das zweite war für Fragen. Dinge, die er nicht wusste, aber wissen wollte. Warum hatte
Tobias Nick getötet? Was wollte Kevin wirklich? Wo war Viktor jetzt? Was plante Lilith? Die
Fragen wurden mehr, nicht weniger, und das war in Ordnung, weil Fragen der Anfang von
Antworten waren.
Das dritte Notizbuch war für ihn selbst.
Das dritte Notizbuch zeigte er niemandem.
Darin schrieb er keine Fakten und keine Fragen. Er schrieb, was er fühlte, was er dachte, was
er sich wünschte. Er schrieb über seinen Vater, über die Angst, die er hatte, wenn Horst in
Gefahr war, über die Wut, die er manchmal fühlte, weil das alles nicht sein Leben sein sollte.
Er schrieb über die Schule, die er kaum noch besuchte, über Freunde, die er nicht mehr
hatte, über eine Normalität, die er sich manchmal so sehr wünschte, dass es wehtat.
Er schrieb auch über die Dinge, die ihn überraschten. Wie Rafael ihm einmal erklärt hatte,
wie man eine Frequenz verschlüsselte, geduldig und ohne Herablassung, als wäre es
selbstverständlich, dass ein Dreizehnjähriger das wissen wollte. Wie Esther ihm einmal ein
Buch gegeben hatte, ein echtes Buch, nicht digital, und gesagt hatte: Das musst du lesen.
Wie Thomas ihm einmal gezeigt hatte, wie man eine Tür öffnete, ohne einen Schlüssel zu
haben, und dabei gelacht hatte, weil Leon beim ersten Versuch fast die Tür kaputt gemacht
hatte.
Diese Menschen waren nicht seine Familie. Aber sie waren etwas.
Er wusste noch nicht, was. Aber er würde es herausfinden.
Die Frage, die Horst nicht stellte
Horst hatte eine Frage, die er nicht stellte.
Die Frage war: Ist das es wert?
Er stellte sie nicht, weil er die Antwort nicht hören wollte. Nicht weil er sie nicht kannte,
sondern weil das Aussprechen der Frage bedeutete, sie ernst zu nehmen, und wenn man sie
ernst nahm, musste man auch die Antwort ernst nehmen.
Die Antwort war: Ich weiß es nicht.
Er wusste, warum er kämpfte. Er kämpfte, weil die Alternative war, aufzugeben, und
Aufgeben bedeutete, dass die Menschen, die anderen schadeten, gewannen. Er kämpfte,
weil er Leon schützen wollte, weil er seine Freunde schützen wollte, weil er glaubte, dass es
eine Welt geben konnte, in der das alles nicht mehr notwendig war.
Aber er wusste nicht, ob das Kämpfen das Richtige war. Er wusste nicht, ob es einen
anderen Weg gab, einen, den er übersehen hatte. Er wusste nicht, ob die Kosten, die er und
die anderen zahlten, gerechtfertigt waren.
Das waren Fragen für ruhige Momente. Und ruhige Momente waren selten.
Er schob die Frage beiseite, wie er es immer tat, und konzentrierte sich auf das, was er tun
konnte: den nächsten Schritt planen, die nächste Entscheidung treffen, die nächste Gefahr
abwenden.
Das war genug. Es musste genug sein.
Stichzicke und Erdnusszicke
Stichzicke und Erdnusszicke saßen in einem Café und tranken Kaffee.
Das war ungewöhnlich. Sie saßen selten in Cafés. Sie saßen selten irgendwo, wo normale
Menschen saßen und normale Dinge taten. Aber heute war ein besonderer Tag, weil Nick tot
war, und das veränderte alles.
"Was jetzt?", fragte Erdnusszicke.
Stichzicke rührte in ihrem Kaffee. "Wir arbeiten weiter."
"Für wen?"
"Für uns selbst." Sie schaute ihn an. "Nick ist tot. Viktor ist aufgewühlt und unberechenbar.
Kevin ist jung und unerfahren. Lilith ist verschwunden." Sie machte eine Pause. "Wir sind
die Einzigen, die noch funktionieren."
"Das ist kein Plan."
"Nein. Aber es ist ein Ausgangspunkt." Sie trank ihren Kaffee. "Horst und seine Gruppe
haben Nick gestoppt. Das bedeutet, dass sie gut sind. Besser als wir dachten."
"Was bedeutet das für uns?"
Stichzicke schaute aus dem Fenster. "Das bedeutet, dass wir klüger sein müssen."
Erdnusszicke nickte. Er wusste, was das bedeutete. Es bedeutete, dass die nächste Runde
schwerer werden würde. Nicht weil sie es wollten, sondern weil das die Logik von
Konflikten war: jede Runde eskalierte, bis eine Seite aufhörte.
Und sie hatten nicht vor aufzuhören.
"Wir brauchen einen neuen Plan", sagte er.
"Ja."
"Was für einen?"
Stichzicke schaute ihn an. "Einen, den Horst nicht erwartet."
Lilith
Lilith war siebzehn Jahre alt und saß in einem Zimmer, das nach Farbe roch.
Sie malte. Das war das, was sie tat, wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte. Sie malte, weil
das Malen ihr half, die Dinge zu sortieren, die in ihrem Kopf waren, die Bilder und Gedanken
und Erinnerungen, die sich manchmal anfühlten wie ein Sturm.
Das Bild, das sie malte, war dunkel. Schwarz und Rot und ein wenig Weiß, das sich durch
das Schwarz kämpfte. Sie wusste nicht, was es bedeutete. Sie malte nicht mit Bedeutung.
Sie malte mit Gefühl.
Nick war tot.
Das war eine Tatsache, die sie noch nicht verarbeitet hatte. Nick war nicht ihr Freund
gewesen, nicht wirklich. Er hatte sie benutzt, wie er alle benutzte, für seine Zwecke, für
seinen Plan. Aber er hatte ihr auch etwas gegeben, das sie vorher nicht gehabt hatte: das
Gefühl, dass ihre Fähigkeiten nützlich waren, dass sie etwas konnte, das andere nicht
konnten.
Jetzt war er tot.
Und sie war allein.
Das war nicht neu. Sie war oft allein gewesen. Aber dieses Mal fühlte es sich anders an, weil
die Struktur, die ihr Leben in den letzten Jahren gegeben hatte, verschwunden war, und sie
nicht wusste, was an ihre Stelle trat.
Sie malte weiter.
Irgendwann würde sie wissen, was sie als nächstes tat. Irgendwann würde die Antwort
kommen, wie Antworten immer kamen: langsam, unangekündigt, in einem Moment, in
dem man nicht danach suchte.
Bis dahin malte sie.
Das Gespräch, das Rafael und Esther führten
Rafael und Esther saßen auf den Stufen vor dem Bunker und schauten auf die Straße.
"Wir bleiben?", fragte Esther.
"Was meinst du?"
"Hier. Mit diesen Menschen." Sie machte eine Pause. "Wir hatten keinen Auftrag. Wir sind
wegen der Nordkorea-Sache dabei geblieben, und dann wegen dem Parkhaus, und jetzt..."
Sie zuckte die Schultern. "Jetzt ist Nick tot, und es gibt immer noch fünfzehn andere auf der
Liste."
Rafael schaute auf die Straße. "Willst du gehen?"
"Ich frage, ob wir bleiben."
"Das ist nicht dieselbe Frage."
Esther schaute ihn an. "Nein. Aber die eine führt zur anderen."
Rafael dachte nach. Er war gut darin, Entscheidungen zu treffen, wenn er die Fakten hatte.
Aber das hier waren keine Fakten. Das war etwas anderes.
"Ich bleibe", sagte er schließlich.
"Warum?"
"Weil Horst mir vertraut hat, ohne zu fragen, wer ich bin." Er machte eine Pause. "Das
passiert nicht oft."
Esther nickte. "Mir auch."
Sie schwiegen eine Weile.
"Thomas?", fragte Rafael.
"Thomas bleibt, wo ich bleibe." Esther schaute ihn an. "Das war immer so."
Rafael nickte. Er wusste das. Thomas und Esther waren seit Jahren zusammen, nicht
romantisch, sondern auf eine Art, die tiefer war als das: zwei Menschen, die sich
entschieden hatten, aufeinander zu vertrauen, und diese Entscheidung nie bereut hatten.
"Dann bleiben wir", sagte Rafael.
"Dann bleiben wir."
Sie schwiegen wieder, und das Schweigen war gut, weil es die Art von Schweigen war, das
keine Worte brauchte.
Die Liste wächst
Am Abend des zweiten Tages hatte Paul eine neue Information.
Er kam in den Bunker, wo alle saßen, und legte einen Ausdruck auf den Tisch. "Viktor hat
sich bewegt."
Alle schauten auf den Ausdruck.
"Er ist in der Stadt. Er hat eine Wohnung gemietet, unter einem falschen Namen, aber das
Muster stimmt mit ihm überein." Paul zeigte auf eine Adresse. "Hier."
"Woher weißt du das?", fragte Jason.
"Ich habe die Datenbanken der Vermieter analysiert. Neue Mieter in den letzten zwei Tagen,
die bar bezahlt haben. Das ist ungewöhnlich. Ich habe die Namen überprüft, und einer
davon ist zu neu, zu sauber, zu perfekt." Er schaute auf den Ausdruck. "Viktor ist gut darin,
sich zu verstecken. Aber er ist nicht gut darin, keine Spuren zu hinterlassen."
Horst schaute auf die Adresse. "Was wollen wir tun?"
"Beobachten", sagte Paul. "Nicht konfrontieren. Noch nicht. Wir wollen wissen, was er
plant, bevor wir handeln."
Horst nickte. Das war klug. Viktor war aufgewühlt und bewaffnet und hatte nichts mehr zu
verlieren. Das war eine gefährliche Kombination.
"Wer übernimmt die Beobachtung?", fragte Maria.
"Ich", sagte Rafael. "Ich bin gut darin, nicht aufzufallen."
"Ich auch", sagte Esther.
"Wir beide", sagte Rafael.
Horst schaute sie an. "Gut. Morgen früh. Und vorsichtig."
Rafael nickte. "Immer."
Leon schrieb in sein Notizbuch: Viktor – Adresse bekannt. Beobachtung beginnt morgen.
Dann schrieb er darunter: Nächster Schritt.
Und dann: Wir sind noch nicht fertig.
Das war keine Klage. Das war eine Feststellung.
Und irgendwie, in diesem Moment, in diesem Bunker, mit diesen Menschen, fühlte es sich
wie das Richtige an.
Der Brief, den niemand schrieb