Band 2 · Staffel 5 · Teil 42.377 Wörter · ~12 Min.

Teil 4: Zuflucht

Eine temporäre Zuflucht wird gefunden. Aber wie lange hält sie?

Teil 4 von 6 · ~12 Minuten Lesezeit

Band 2 – Staffel 5: Staffel 5: Flucht ohne Grenzen

Dann sagte Jason: "Nick ist tot."

"Ja."

"Tobias hat Nick getötet."

"Ja."

"Warum?"

Horst schaute auf das Gebäude. "Ich weiß es nicht."

Das war die Wahrheit. Er wusste es nicht. Er hatte Tobias beobachtet, er hatte seine

Bewegungen verfolgt, er hatte gewusst, dass Tobias zweifelte. Aber er hatte nicht gewusst,

dass Tobias so weit gehen würde.

"Was passiert jetzt?", fragte Esther.

"Viktor ist noch da", sagte Rafael. "Und er ist wütend."

"Die siebzehn anderen sind noch da", sagte Paul.

"Kevin ist noch da", sagte Leon.

Horst schaute auf seine Gruppe. Neun Menschen, erschöpft, verstört, ohne Wohnungen,

ohne Plan für das, was als nächstes kam.

"Wir gehen zurück zum Bunker", sagte er. "Wir schlafen. Und morgen früh machen wir einen

neuen Plan."

"Einen Plan für was?", fragte Thomas.

"Für das, was nach Nick kommt." Horst schaute auf das Gebäude, aus dem noch immer

Schüsse zu hören waren, Viktors Schüsse, die ins Leere gingen. "Nick war das Zentrum.

Jetzt ist das Zentrum weg. Das bedeutet, dass die anderen sich neu organisieren werden.

Das bedeutet, dass wir Zeit haben. Nicht viel. Aber genug."

"Genug für was?"

"Genug, um einen besseren Plan zu machen als den letzten."

Sie fuhren zurück zum Bunker.

Leon saß neben Horst im Auto und schaute aus dem Fenster. Die Stadt zog an ihnen vorbei,

Straßenlaternen und Schaufenster und Menschen, die keine Ahnung hatten, was in dieser

Nacht passiert war.

"Hast du Angst?", fragte Horst.

"Ja", sagte Leon.

"Ich auch."

"Ich weiß." Eine Pause. "Ich habe Tobias nie gemocht. Aber ich habe nicht gedacht, dass er

das tun würde."

"Ich auch nicht."

"Glaubst du, dass er es bereut?"

Horst dachte nach. "Ich weiß es nicht. Vielleicht. Vielleicht nicht." Er schaute seinen Sohn

an. "Manche Entscheidungen bereut man. Manche nicht. Das hängt davon ab, warum man

sie getroffen hat."

"Warum hat er es getan?"

"Das ist die Frage, die ich mir auch stelle."

Sie schwiegen den Rest der Fahrt.

Im Bunker angekommen, setzte sich jeder irgendwo hin. Jason lehnte an der Wand und

schloss die Augen. Paul öffnete seinen Laptop. Maria saß auf dem Boden und schaute an die

Decke. Alex stand in der Ecke und sagte nichts.

Rafael, Esther und Thomas saßen zusammen und sprachen leise.

Leon öffnete sein Notizbuch und schrieb.

Horst setzte sich in die Mitte des Raumes und schaute auf seine Gruppe.

Sie hatten Nick verloren. Nicht durch einen eigenen Plan, nicht durch einen Sieg. Durch

Tobias, der eine Entscheidung getroffen hatte, die niemand erwartet hatte.

Das war kein Sieg. Das war ein Schock.

Und Schocks brauchten Zeit, um verarbeitet zu werden.

"Schlafen", sagte Horst. "Alle. Morgen früh reden wir."

Niemand widersprach.

Die Lichter gingen aus.

Und im Dunkel des alten Bunkers, der nach Beton und altem Öl roch, schliefen neun

Menschen, die nicht wussten, was als nächstes kam.

Aber sie wussten, dass sie zusammen waren.

Und das war genug.

Alle Namen und Charaktere in dieser Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen

Personen sind nicht beabsichtigt.

Vertiefung – Die Stille nach dem Sturm

Was Jason nicht sagte

Jason saß auf dem Betonboden des Bunkers und schaute an die Wand.

Er hatte nicht geschlafen. Nicht wirklich. Er hatte die Augen geschlossen und die Stunden

vergehen lassen, aber Schlaf war das nicht. Schlaf bedeutete Ruhe, und Ruhe war etwas,

das er gerade nicht finden konnte.

Nick war tot.

Das war der Gedanke, der nicht verschwand. Nick war tot, und Tobias hatte ihn getötet, und

Jason wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Nicht weil er Nick vermisste. Sondern

weil er sich vorgestellt hatte, wie das Ende aussehen würde, viele Male, in vielen Varianten,

und keine dieser Varianten hatte so ausgesehen.

Er hatte sich vorgestellt, dass sie Nick aufhielten. Dass sie ihn vor Gericht brachten. Dass die

Gerechtigkeit auf eine Art kam, die man anfassen konnte, die Beweise hatte und Urteile und

Konsequenzen.

Stattdessen: ein Schwert, ein Herzschlag, Stille.

Das war keine Gerechtigkeit. Das war nur ein Ende.

Jason wusste, dass er das akzeptieren musste. Er wusste, dass das Ende manchmal so

aussah, nicht wie im Film, nicht mit einem langen Monolog und einem befriedigenden

Abschluss, sondern schnell und unvollständig und verwirrend. Er wusste das.

Aber Wissen und Fühlen waren verschiedene Dinge.

Er hörte Schritte und schaute auf. Maria setzte sich neben ihn, ohne zu fragen, ob er

Gesellschaft wollte. Das war Marias Art. Sie fragte nicht. Sie war einfach da.

"Du schläfst nicht", sagte sie.

"Nein."

"Ich auch nicht."

Sie schwiegen eine Weile. Das war in Ordnung. Mit Maria war Schweigen immer in Ordnung.

"Ich dachte, ich würde mich besser fühlen", sagte Jason schließlich.

"Wenn Nick tot ist?"

"Ja."

Maria schaute an die Wand. "Ich auch."

"Aber?"

"Aber es fühlt sich nicht besser an. Es fühlt sich nur anders an." Sie machte eine Pause.

"Vielleicht ist das normal."

"Vielleicht."

"Oder vielleicht", sagte Maria, "ist das der Punkt, an dem man merkt, dass das Ziel nicht das

Ende war. Dass das Ziel das war, was danach kommt."

Jason schaute sie an. "Was kommt danach?"

Maria zuckte die Schultern. "Das wissen wir noch nicht. Aber wir sind noch hier. Das ist ein

Anfang."

Jason lehnte den Kopf gegen die Wand. Er schloss die Augen. Diesmal war es wirklich Schlaf.

Was Paul analysierte

Paul hatte eine Liste.

Er hatte immer Listen. Das war sein Weg, die Welt zu verstehen: Dinge aufschreiben,

kategorisieren, priorisieren. Wenn die Dinge auf einer Liste standen, hatten sie eine

Reihenfolge. Und Reihenfolge bedeutete Kontrolle, oder zumindest das Gefühl von

Kontrolle, was manchmal dasselbe war.

Die Liste sah so aus:

Noch aktive Bedrohungen:

1. Viktor Brandt – Nicks Vater, bewaffnet, aufgebracht, Aufenthaltsort unbekannt

2. Tobias – Nicks Mörder, Aufenthaltsort unbekannt, Motivation unklar

3. Kevin Brandt – Sandras Sohn, aktiver Informant, Aufenthaltsort bekannt (Sandras

Wohnung oder Umgebung)

4. Stichzicke – Aufenthaltsort unbekannt, letzte bekannte Aktivität: Zerstörung der

Wohnungen

5. Erdnusszicke – Aufenthaltsort unbekannt, letzte bekannte Aktivität: Zerstörung der

Wohnungen

6. Lilith – 17 Jahre alt, Aufenthaltsort unbekannt, zuletzt gesehen: vor sechs Monaten

7. Weitere neun Personen aus Nicks Netzwerk – Aufenthalte und Aktivitäten unbekannt

Das war die Liste. Sieben Hauptbedrohungen, neun Nebenbedrohungen. Sechzehn

Personen, die entweder aktiv gegen die Helden arbeiteten oder es in naher Zukunft tun

würden.

Nick war von der Liste gestrichen.

Das war ein Fortschritt. Aber es war kein Sieg.

Paul schaute auf die Liste und dachte nach. Das Problem war nicht die Anzahl. Das Problem

war die Unbekanntheit. Sieben von sechzehn Personen hatten unbekannte Aufenthaltsorte.

Das bedeutete, dass sie überall sein konnten. Das bedeutete, dass jeder Schritt, den die

Helden taten, beobachtet werden konnte, ohne dass sie es wussten.

Er brauchte mehr Informationen.

Er öffnete seinen Laptop und begann zu arbeiten. Nicht mit Ungeduld, nicht mit Frustration.

Mit der ruhigen Konzentration eines Menschen, der weiß, dass Informationen Zeit

brauchen, und der bereit ist, diese Zeit zu investieren.

Irgendwo in den Daten war ein Muster. Es gab immer ein Muster. Man musste nur lange

genug suchen.

Was Maria plante

Maria hatte einen Plan.

Nicht den Plan, den sie der Gruppe präsentiert hatte. Einen anderen, einen persönlichen,

einen, den sie noch niemandem gesagt hatte, weil sie nicht sicher war, ob sie ihn umsetzen

würde.

Sie wollte mit Tobias reden.

Tobias hatte Nick getötet. Das war eine Tatsache. Aber Tobias hatte auch, in einem anderen

Leben, ein Freund gewesen, oder zumindest jemand, der auf der gleichen Seite gestanden

hatte. Er hatte Alex bedroht, ja. Er hatte Dinge getan, die nicht zu entschuldigen waren. Aber

er hatte auch Nick getötet, in einem Moment, der nicht geplant gewesen war, oder vielleicht

doch geplant, aber auf eine Art, die Maria nicht verstand.

Warum?

Das war die Frage, die sie nicht losließ. Nicht: Warum hat er es getan? Sondern: Was hat ihn

dazu gebracht, in diesem Moment, auf diese Art?

Wenn sie das verstand, verstand sie vielleicht mehr. Über Tobias, über Nick, über die

Dynamiken, die all das möglich gemacht hatten.

Sie schrieb eine Nachricht auf ein Stück Papier. Keine digitale Nachricht, weil digitale

Nachrichten Spuren hinterließen. Ein Stück Papier, das sie über einen Umweg zu Tobias

bringen würde, wenn sie herausfinden konnte, wo er war.

Die Nachricht war kurz: Ich will reden. Keine Falle. Nur reden.

Sie faltete das Papier und steckte es in ihre Tasche.

Vielleicht würde sie es nie abschicken. Vielleicht war es eine schlechte Idee. Aber manchmal

musste man schlechte Ideen haben, bevor man gute hatte.

Was Alex verstand

Alex verstand, dass er sich entschuldigen musste.

Nicht bei Tobias. Nicht wegen dem, was Tobias getan hatte. Sondern bei Horst, bei Jason,

bei Maria, bei Paul. Bei allen, die er in den letzten Jahren mit seiner Unberechenbarkeit

belastet hatte, mit seinen Momenten der Schwäche, mit den Entscheidungen, die er

getroffen hatte, ohne an die Konsequenzen für andere zu denken.

Er war nicht gut darin, sich zu entschuldigen. Das wusste er. Er wusste auch, warum: weil

eine Entschuldigung bedeutete, zuzugeben, dass man falsch gelegen hatte, und das war für

ihn immer schwerer gewesen als für andere.

Aber er war auch nicht gut darin, mit der Schuld zu leben. Und die Schuld war in letzter Zeit

schwerer geworden, nicht leichter.

Er saß neben Leon, der in sein Notizbuch schrieb, und schaute ihm zu. Leon schrieb schnell

und konzentriert, mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der das schon immer

getan hatte.

"Was schreibst du?", fragte Alex.

Leon schaute auf. "Alles."

"Alles?"

"Was passiert ist. Was passiert. Was passieren könnte." Er machte eine Pause. "Wenn man

alles aufschreibt, sieht man Muster, die man sonst nicht sieht."

Alex nickte. Er dachte: Das ist klug. Das ist sehr klug für jemanden, der dreizehn ist.

"Siehst du ein Muster?", fragte er.

Leon schaute auf sein Notizbuch. "Ja."

"Was für eines?"

"Dass wir immer gewinnen, wenn wir zusammenarbeiten. Und immer verlieren, wenn wir

es nicht tun." Er schaute Alex an. "Das klingt einfach. Aber es ist schwerer, als es klingt."

Alex schaute ihn an. "Ja", sagte er. "Das ist es."

Was Rafael über die Zukunft dachte

Rafael hatte keine Heimat.

Das war keine Klage, nur eine Tatsache. Er war aufgewachsen in einem Land, das er

verlassen hatte, weil es keine Zukunft für ihn gehabt hatte. Er hatte in verschiedenen

Ländern gelebt, verschiedene Sprachen gelernt, verschiedene Identitäten angenommen. Er

war gut darin geworden, sich anzupassen, so gut, dass er manchmal vergaß, wer er

ursprünglich gewesen war.

Aber hier, in diesem Bunker, mit diesen Menschen, hatte er etwas gefunden, das er lange

nicht gehabt hatte: eine Gruppe, der er vertraute.

Das war ungewöhnlich für ihn. Er vertraute normalerweise niemandem vollständig.

Vertrauen war ein Risiko, und Risiken mussten kalkuliert werden. Aber Horst hatte ihm

vertraut, ohne zu fragen, woher er kam oder was er getan hatte. Esther hatte ihm vertraut.

Thomas hatte ihm vertraut. Und dieses Vertrauen hatte etwas in ihm ausgelöst, das er nicht

ganz benennen konnte, aber das sich anfühlte wie Verantwortung.

Er wollte diese Menschen nicht enttäuschen.

Das war neu für ihn. Nicht das Gefühl selbst, aber die Stärke davon. Er hatte sich um

Menschen gesorgt, ja, aber nie so, dass es seine Entscheidungen beeinflusst hätte. Jetzt war

das anders.

Er schaute auf Esther, die am anderen Ende des Bunkers saß und etwas las. Sie hatte ihm

einmal gesagt, dass sie Bücher mitnahm, wohin sie auch ging, weil Bücher die einzigen

Dinge waren, die immer gleich blieben, egal wo man war. Er hatte das damals nicht ganz

verstanden. Jetzt verstand er es besser.

Manche Dinge blieben gleich. Und das war gut.

Was Esther über Kevin wusste

Esther hatte Kevin beobachtet.

Nicht so wie Leon, nicht mit Notizbuch und Diagrammen. Sondern mit der Intuition einer

Person, die viele Menschen in vielen Situationen gesehen hatte und gelernt hatte, das

Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.

Kevin war gefährlich. Das war offensichtlich. Aber er war gefährlich auf eine Art, die sich von

den anderen unterschied. Nick war gefährlich gewesen, weil er Macht wollte. Viktor war

gefährlich, weil er seinen Sohn liebte und jetzt seinen Sohn rächte. Stichzicke und

Erdnusszicke waren gefährlich, weil sie es konnten und wollten.

Kevin war gefährlich, weil er glaubte, dass er recht hatte.

Das war die gefährlichste Art von Gefährlichkeit. Menschen, die glaubten, dass sie recht

hatten, ließen sich nicht durch Argumente aufhalten. Sie ließen sich nicht durch

Konsequenzen aufhalten. Sie ließen sich nur aufhalten, wenn sie selbst erkannten, dass sie

falsch lagen, oder wenn man sie physisch daran hinderte, weiterzumachen.

Esther hatte Kevin einmal gesehen, kurz, aus der Distanz, als er Sandras Wohnung verlassen

hatte. Er hatte die Kopfhörer getragen und geradeaus geschaut, mit der Konzentration

eines Menschen, der ein Ziel hat und alles andere ausblendet.

Sie hatte gedacht: Dieser Mann wird nicht aufhören.

Und sie hatte recht gehabt.

Was sie noch dachte: Es gibt einen Weg, ihn aufzuhalten, der nicht Gewalt ist. Wenn man

versteht, warum jemand tut, was er tut, kann man manchmal den Grund entfernen, statt

die Person.

Kevins Grund war Horst. Kevins Grund war die Überzeugung, dass Horst schuld war an

allem, was seiner Mutter passiert war.

Was wäre, wenn man Kevin zeigte, dass das nicht stimmte?

Nicht durch Argumente. Durch Fakten. Durch Dinge, die er nicht ignorieren konnte.

Esther schrieb sich eine Notiz. Nicht in ein Notizbuch wie Leon, sondern auf die Innenseite

ihres Handgelenks, mit einem Kugelschreiber, weil das die Dinge waren, die sie nicht

vergessen wollte.

Die Notiz lautete: Kevin – Wahrheit.

Was Thomas über Tobias dachte

Thomas hatte Tobias nicht gesehen, bevor es passiert war.

Das störte ihn.

Er war gut darin, Bedrohungen zu erkennen, bevor sie sich materialisierten. Das war eine

Fähigkeit, die er über Jahre entwickelt hatte, durch Erfahrung und Aufmerksamkeit und die

Bereitschaft, unangenehme Möglichkeiten zu denken. Er sah Dinge, die andere nicht sahen.

Er bemerkte Details, die andere überahen.

Aber Tobias hatte er nicht gesehen.

Das bedeutete entweder, dass Tobias außergewöhnlich gut darin war, sich zu verstecken.

Oder dass Thomas einen blinden Fleck hatte, eine Kategorie von Bedrohungen, die er nicht

erkannte, weil er nicht nach ihnen suchte.

Er dachte nach, welche Kategorie das sein könnte.

Tobias war kein Feind gewesen, nicht im klassischen Sinne. Er hatte auf der falschen Seite

gestanden, ja, aber er hatte auch Dinge getan, die nicht in das Muster eines einfachen

Feindes passten. Er hatte Alex bedroht, aber nicht getötet. Er hatte Horst gejagt, aber nie

direkt angegriffen. Er hatte sich immer am Rand gehalten, nie im Zentrum.

Und dann hatte er Nick getötet.

Warum?

Thomas hatte keine Antwort. Aber er hatte eine Hypothese: Tobias hatte immer seine