Band 2 · Staffel 6 · Teil 12.848 Wörter · ~15 Min.

Teil 1: Die Roboter

Nicks Roboter-Armee greift an. Alle neun Helden werden gefangen genommen. Lilith verhört jeden einzeln.

Teil 1 von 6 · ~15 Minuten Lesezeit

Band 2 – Staffel 6: Staffel 6: Die Roboter

Band 2 – Staffel 6: „Das Ende des Anfangs"

Teil 6.1 – Die Roboter

Der Morgen nach Nicks Tod begann nicht mit Stille. Er begann mit Metall.

Kaiser Horst hörte es zuerst – ein rhythmisches Stampfen, das den Boden unter seinen

Füßen leicht vibrieren ließ. Er lag auf dem Rücken in einem verlassenen Lagerhaus am

Stadtrand, das Dach über ihm löchrig genug, um den grauen Himmel in Streifen zu sehen.

Neben ihm schliefen Jason, Paul, Maria, Alex, Leon und die drei Neuen – Rafael, Esther und

Thomas. Alle erschöpft. Alle verletzt. Alle noch am Leben, aber nur knapp.

Horst richtete sich auf. Sein rechter Arm schmerzte dort, wo Tobias ihn getroffen hatte. Der

Verband, den Maria notdürftig angelegt hatte, war bereits durchgeblutet. Er ignorierte den

Schmerz und lauschte.

Das Stampfen wurde lauter.

„Aufwachen", sagte er leise. Dann lauter: „Alle aufwachen. Jetzt."

Jason öffnete die Augen als Erster. Er sah Horsts Gesichtsausdruck und brauchte keine

Erklärung. Er stieß Paul an, der neben ihm lag. Paul stöhnte, rollte sich auf die Seite und

griff instinktiv nach dem Messer, das er immer bei sich trug.

„Was ist das?", flüsterte Esther. Sie kniete bereits und hielt den Atem an.

„Roboter", sagte Rafael. Er stand schon am Fenster, den Vorhang einen Spalt breit zur Seite

geschoben. „Mindestens sechs. Vielleicht mehr. Sie kommen von Norden."

Horst trat neben ihn. Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Es waren keine gewöhnlichen Maschinen. Nick hatte sie vor Jahren entwickeln lassen –

Prototypen, die nie offiziell existiert hatten, finanziert durch Gelder, die niemand

zurückverfolgen konnte. Sie waren etwa zwei Meter groß, aus mattem Stahl gefertigt, mit

Gelenken, die sich wie menschliche Knie beugten. Ihre Köpfe waren flach und breit,

ausgestattet mit Kameras statt Augen. Auf ihrer Brust leuchtete ein rotes Dreieck – Nicks

Zeichen.

Horst hatte von diesen Maschinen gehört. Gerüchte, hauptsächlich. Andeutungen in

Gesprächen, die Nick nie zu Ende geführt hatte. Er hatte nie geglaubt, dass sie wirklich

existierten. Jetzt standen sie vor ihm, und die Wirklichkeit war schlimmer als das Gerücht.

Die Roboter bewegten sich mit einer Effizienz, die keine menschliche Müdigkeit kannte.

Kein Zögern, keine Unsicherheit. Jede Bewegung war berechnet, jeder Schritt präzise. Sie

kommunizierten miteinander – Horst sah, wie kurze Lichtsignale zwischen ihnen

wechselten, rot und grün, in einem Rhythmus, den er nicht entschlüsseln konnte. Sie

koordinierten sich. Sie planten.

„Das Dach", sagte Thomas plötzlich. Er hatte das Fenster im Obergeschoss nicht vergessen.

„Wenn wir nach oben kommen—"

„Sie werden uns folgen", sagte Rafael. „Schau dir ihre Gelenke an. Die können Treppen

steigen."

Thomas sah hin. Rafael hatte recht. Die Knie der Roboter waren so konstruiert, dass sie

Stufen nehmen konnten, ohne zu verlangsamen. Wahrscheinlich auch Leitern.

„Dann bleibt nur die Hintertür", sagte Horst. „Und wir müssen jetzt gehen, bevor sie das

Gebäude vollständig umstellt haben."

Er sah die anderen an. Alle verletzt, alle erschöpft. Aber alle auf den Beinen.

„Zusammen", sagte er. „Wir gehen zusammen. Niemand bleibt zurück."

Es war kein Versprechen, das er mit Sicherheit halten konnte. Aber er machte es trotzdem.

„Er ist tot und seine Maschinen laufen noch", murmelte Leon. Er stand hinter Horst und

starrte durch das Fenster. „Wer hat sie aktiviert?"

„Viktor", sagte Paul sofort. „Er hat Zugang zu allem, was Nick je gebaut hat. Wahrscheinlich

hat er sie schon vor Tagen aktiviert, als Absicherung für den Fall, dass Nick stirbt."

„Wie viele Ausgänge hat dieses Gebäude?", fragte Thomas. Er war bereits auf den Beinen

und überblickte den Raum mit dem ruhigen Blick eines Mannes, der in solchen Situationen

nicht in Panik verfiel.

„Drei", sagte Rafael. „Vordertür, Hintertür, und ein Fenster im Obergeschoss, das auf ein

Flachdach führt."

„Die Vordertür ist schon abgeschnitten", sagte Rafael. „Sie kommen von Norden. Das ist die

Richtung der Vordertür."

„Hintertür", sagte Horst. „Jetzt."

Sie bewegten sich schnell, aber nicht schnell genug. Als sie die Hintertür erreichten, stand

bereits einer der Roboter davor. Er war allein, aber das reichte. Sein Arm hob sich – nicht

mit einer Waffe, sondern mit einem Gerät, das Horst nicht kannte. Ein kurzes Summen,

dann ein Blitz.

Jason traf es zuerst. Der Stromstoß warf ihn rückwärts gegen die Wand. Er sackte zu Boden,

zuckte einmal, dann lag er still.

„Jason!", schrie Maria.

„Nicht stehenbleiben!", rief Horst.

Aber es war zu spät für geordneten Rückzug. Die Roboter kamen von allen Seiten. Einer

durch die Vordertür, die sie aufgebrochen hatten. Zwei durch die Seitenfenster, die sie

einfach eingedrückt hatten. Der Stahl ihrer Körper ließ die Holzrahmen splitternd bersten.

Rafael versuchte, einen der Roboter mit einem Eisenrohr zu treffen, das er vom Boden

aufgehoben hatte. Der Schlag hallte metallisch durch den Raum, aber der Roboter reagierte

kaum. Er griff Rafaels Arm, drehte ihn mit mechanischer Präzision und warf ihn zur Seite.

Rafael prallte gegen einen Tisch und blieb keuchend liegen.

Paul schaffte es, hinter einen der Roboter zu gelangen und versuchte, die Kabelverbindung

an seinem Rücken zu trennen. Er fand die richtige Stelle – eine Wartungsöffnung, die Nick

offenbar nicht vollständig gesichert hatte – und riss daran. Der Roboter verlangsamte sich,

aber fiel nicht aus. Er drehte sich und traf Paul mit einem Arm, der wie ein Hammer

niederfuhr.

Horst sah, wie einer nach dem anderen seiner Freunde zu Boden ging. Maria versuchte,

Leon zu schützen, und wurde dabei selbst getroffen. Thomas kämpfte länger als die

anderen – er war groß und stark und wusste, wie man Schläge absorbierte – aber am Ende

traf auch ihn ein Stromstoß, der ihn in die Knie zwang.

Esther war die Letzte, die noch stand. Sie hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und

beobachtete die Roboter mit einem Ausdruck, der nicht Angst war, sondern Konzentration.

Sie suchte nach einem Muster, nach einer Schwäche. Aber bevor sie etwas finden konnte,

traf sie der Stromstoß von hinten.

Horst selbst fiel als Letzter. Er sah noch, wie der Boden auf ihn zukam, und dann war alles

schwarz.

Als er aufwachte, war er gefesselt.

Nicht mit Seilen oder Handschellen, sondern mit Metallbändern, die seine Handgelenke

und Knöchel an einen Stuhl fixierten. Der Stuhl war an den Boden geschraubt. Der Raum

um ihn herum war kahl – weiße Wände, eine einzelne Glühbirne an der Decke, kein Fenster.

Er hörte Stimmen. Leise, aber erkennbar. Seine Freunde.

Er drehte den Kopf und sah, dass sie alle im selben Raum waren. Jeder auf einem eigenen

Stuhl, jeder gefesselt. Jason hatte eine Platzwunde an der Stirn, aus der noch leicht Blut

sickerte. Maria hielt den Kopf gesenkt, aber ihre Augen waren offen. Paul starrte an die

Decke. Leon saß ruhig, fast zu ruhig, als hätte er sich bereits damit abgefunden.

Und dann öffnete sich die Tür.

Lilith trat ein.

Sie war siebzehn Jahre alt und sah aus wie jemand, der es gewohnt war, Räume zu betreten

und sofort die Kontrolle zu übernehmen. Ihr Haar war kurz geschnitten, ihr Blick kalt und

präzise. In ihrer Hand hielt sie ein Gerät, das Horst sofort erkannte – dasselbe, das die

Roboter benutzt hatten.

„Guten Morgen", sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, fast freundlich. „Ihr habt gut geschlafen."

„Was willst du?", fragte Horst.

„Antworten", sagte Lilith. „Und wenn ihr mir keine gebt, bekomme ich sie trotzdem." Sie

hob das Gerät. „Nur auf einem anderen Weg."

Was folgte, war eine Stunde, die sich wie ein Tag anfühlte. Lilith befragte jeden einzeln.

Wenn die Antwort ihr nicht gefiel – oder wenn gar keine kam – betätigte sie das Gerät. Der

Stromstoß war nicht stark genug, um dauerhaften Schaden anzurichten. Er war stark

genug, um unerträglich zu sein.

Horst beobachtete Lilith, während sie die anderen befragte. Er suchte nach Zeichen von

Unsicherheit, nach Momenten, in denen ihre Kontrolle nachließ. Er fand keine. Sie war

siebzehn Jahre alt und verhörte neun Erwachsene mit der Ruhe eines Menschen, der das

schon hundert Mal getan hatte. Das sagte ihm mehr über ihre Vergangenheit als jedes

Gespräch es hätte tun können.

Aber er sah auch etwas anderes. Wenn sie Leon befragte, veränderte sich ihr Ton minimal.

Kaum merklich. Eine Nuance, die jemand, der sie nicht genau beobachtete, übersehen

hätte. Sie war interessiert an ihm. Nicht als Druckmittel. Persönlich interessiert.

Das war eine Information, die er sich merkte.

Als sie zu ihm kam, sah sie ihn lange an, bevor sie sprach. „Du bist Kaiser Horst", sagte sie

schließlich. „Ich habe viel über dich gehört."

„Nichts Gutes, nehme ich an."

Ein kleines Lächeln. „Kommt darauf an, von wem." Sie hob das Gerät. „Ich werde dir eine

Frage stellen. Nur eine. Und ich möchte eine ehrliche Antwort."

„Frag."

„Warum kämpfst du weiter? Nick ist tot. Tobias ist verschwunden. Ihr habt alles verloren.

Warum gibst du nicht auf?"

Horst sah sie an. Er dachte an Alex. An Jason. An Leon. An alle, die neben ihm saßen und

warteten.

„Weil ich nicht allein bin", sagte er.

Lilith betrachtete ihn einen Moment. Dann senkte sie das Gerät. Sie stellte keine weiteren

Fragen.

Horst antwortete nicht. Jason antwortete nicht. Paul antwortete nicht.

Maria antwortete nicht, aber sie schrie. Einmal. Dann biss sie die Zähne zusammen und

schwieg.

Leon antwortete nicht und schrie nicht. Er sah Lilith an, während das Gerät ihn traf, und

sagte danach: „Du wirst nicht bekommen, was du willst."

Lilith betrachtete ihn einen Moment lang. Dann lächelte sie leicht. „Interessant."

Rafael, Esther und Thomas – die Neuen, die Lilith noch nicht kannte – wurden als Letzte

befragt. Lilith war neugierig auf sie. Sie stellte andere Fragen, persönlichere. Woher sie

kamen. Was sie mit Horsts Gruppe verband. Ob sie bereit wären, die Seiten zu wechseln.

Keiner von ihnen antwortete.

Am Ende verließ Lilith den Raum ohne ein weiteres Wort. Die Tür fiel ins Schloss. Die

Glühbirne brannte weiter.

„Alle okay?", flüsterte Horst.

Schweigen. Dann, einer nach dem anderen: „Ja." „Ja." „Ich lebe." „Ja." „Ja." „Ja." „Ja." „Ja."

„Ja."

Neun Stimmen. Alle noch da.

„Gut", sagte Horst. „Dann fangen wir an zu denken."

Teil 6.2 – Getrennt

Lilith ließ sie nicht zusammen. Das war ihr erster Fehler – oder vielleicht ihr erster

bewusster Schachzug. Sie trennte sie.

Am nächsten Morgen kamen die Roboter wieder. Diesmal nicht, um zu kämpfen, sondern

um zu transportieren. Jeder Held wurde einzeln aus dem Raum geführt und in eine andere

Zelle gebracht. Horst versuchte, sich zu wehren, aber die Metallbänder an seinen

Handgelenken ließen keinen Spielraum. Er wurde durch einen langen Korridor geführt,

vorbei an Türen, hinter denen er die gedämpften Stimmen seiner Freunde hörte, und dann

in einen Raum gesperrt, der noch kahler war als der erste.

Allein.

Die Stunden vergingen langsam. Horst saß auf dem Boden, den Rücken gegen die Wand,

und dachte. Er dachte an Nick, der jetzt tot war. An Tobias, der ihn getötet hatte – nicht aus

Loyalität zu den Helden, sondern aus einem persönlichen Hass, der tiefer ging als alles, was

Horst je verstanden hatte. An Viktor, der irgendwo da draußen war und Nicks Roboter

kontrollierte. An Sandra, die mit Kevin zusammenarbeitete. An Kevin, der Leons Stiefbruder

war und trotzdem – oder vielleicht deswegen – auf der falschen Seite stand.

Er dachte an Alex. Alex, der immer der Ruhigste von ihnen war, der immer wusste, was zu

sagen war, wenn die anderen nicht mehr weiter wussten.

Er dachte an das, was noch kommen würde.

In der Zelle nebenan – obwohl Horst das nicht wissen konnte – saß Jason und zählte die

Risse in der Wand. Es war keine sinnlose Beschäftigung. Es war eine Methode, den Verstand

zu beschäftigen und gleichzeitig den Raum zu kartieren. Siebenundzwanzig Risse. Drei

davon verliefen von der Decke bis zum Boden. Einer davon war breit genug, um einen

Finger hineinzustecken.

Jason steckte den Finger hinein und drückte. Die Wand gab nicht nach. Aber er hörte etwas

– ein leises Klopfen, rhythmisch, von der anderen Seite.

Er klopfte zurück.

Das Klopfen antwortete. Drei kurze Schläge, eine Pause, zwei kurze Schläge. Ein Muster.

Jason kannte dieses Muster. Es war ein Code, den sie vor Monaten vereinbart hatten, für

genau solche Situationen.

Er klopfte zurück: vier kurze Schläge. Ich bin hier. Ich bin okay.

Die Antwort kam sofort: drei kurze Schläge, eine Pause, drei kurze Schläge. Wir planen.

Jason lehnte den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Ein kleines Lächeln erschien

auf seinem Gesicht. Sie waren getrennt. Sie waren gefangen. Aber sie kommunizierten.

Paul hatte das Glück – wenn man es so nennen konnte – in einer Zelle gelandet zu sein, die

eine Lüftungsöffnung hatte. Sie war klein, kaum groß genug für einen Arm, und mit einem

Metallgitter gesichert. Aber durch sie konnte er hören, was im Korridor gesprochen wurde.

Er hörte Liliths Stimme. Und eine andere Stimme, die er nicht sofort erkannte – tief, ruhig,

mit einem leichten Akzent. Er lauschte.

„...die Freunde sind nutzlos", sagte die fremde Stimme. „Wir sollten sie eliminieren."

„Noch nicht", sagte Lilith. „Sie sind Druckmittel. Solange wir sie haben, wird Horst

kooperieren."

„Horst kooperiert nicht."

„Er wird. Gib ihm Zeit." Eine Pause. „Außerdem interessiert mich der Junge. Leon. Er ist

anders als die anderen."

„Inwiefern?"

„Er hat keine Angst. Das ist entweder sehr mutig oder sehr dumm. Ich möchte

herausfinden, was es ist."

Die Stimmen entfernten sich. Paul blieb reglos liegen und verarbeitete, was er gehört hatte.

Lilith hatte einen Verbündeten, den er nicht kannte. Jemand mit einer tiefen Stimme und

einem Akzent. Jemand, der bereit war, sie alle zu töten.

Er begann, einen Plan zu entwickeln.

Maria träumte.

Sie wusste, dass sie träumte, weil die Welt um sie herum zu klar war – zu detailliert, zu still.

Sie stand in einem Feld, das sie nicht kannte, unter einem Himmel, der zwischen Blau und

Grau wechselte. Und dann sah sie die anderen.

Horst stand zwanzig Meter entfernt. Jason saß auf dem Boden. Paul lief auf sie zu. Leon

stand am Rand des Feldes und sah in die Ferne. Rafael, Esther und Thomas standen

zusammen, leise miteinander redend. Alex war da, und er lächelte.

„Wir treffen uns hier", sagte Paul, als er sie erreichte. „Jeder von uns hat denselben Traum."

„Das ist nicht möglich", sagte Maria.

„Und doch", sagte Paul. Er sah ruhig aus, ruhiger als sie ihn je gesehen hatte. „Vielleicht ist

es nicht wirklich ein Traum. Vielleicht ist es etwas anderes. Aber wir sind alle hier, und wir

haben Zeit."

„Zeit wofür?"

„Um zu planen."

Horst trat zu ihnen. Sein Gesicht war ernst, aber seine Stimme war fest. „Ich habe eine Idee."

Sie hörten zu. In diesem Traum, der vielleicht kein Traum war, planten sie ihre Flucht.

Teil 6.3 – Die Flucht

Sie flohen nicht gleichzeitig. Das wäre zu riskant gewesen – zu laut, zu offensichtlich. Sie

flohen nacheinander, in einer Reihenfolge, die sie im Traum festgelegt hatten.

Paul war der Erste.

Er hatte drei Tage gebraucht, um das Gitter der Lüftungsöffnung zu lockern. Nicht mit

Werkzeug – er hatte keines – sondern mit Geduld. Er hatte die Schrauben immer wieder

gedreht, millimeterweise, bis sie locker genug waren, um mit den Fingern herausgezogen

zu werden. Das Metall hatte seine Fingerkuppen aufgescheuert, aber er hatte nicht

aufgehört.

Am dritten Abend, als die Geräusche im Korridor auf ein Minimum gesunken waren, zog er

das Gitter heraus. Die Öffnung war eng – er musste den Atem anhalten und sich mit den

Schultern hindurchzwängen – aber er schaffte es. Der Lüftungsschacht führte durch das

Gebäude, und Paul kroch durch ihn, so leise er konnte, bis er eine Öffnung fand, die in einen

unbewachten Korridor führte.

Er ließ sich fallen, landete lautlos auf den Füßen, und begann, die anderen zu befreien.

Er fand Horst zuerst. Die Tür zu seiner Zelle war mit einem elektronischen Schloss gesichert,

aber Paul hatte im Schacht ein Kabel gefunden, das er mitgenommen hatte. Er brauchte

vier Minuten, um das Schloss zu überbrücken. Dann war Horst frei.

Zusammen fanden sie Jason. Dann Maria. Dann Leon.

Rafael, Esther und Thomas waren in einem anderen Teil des Gebäudes untergebracht. Horst

und Paul gingen allein, während Jason, Maria und Leon auf sie warteten. Der Weg war

länger und gefährlicher – sie mussten an zwei Robotern vorbei, die reglos in den Korridoren

standen. Im Schlafmodus, wie Paul vermutete. Aber nicht ausgeschaltet.

Sie bewegten sich so langsam, dass es schmerzte. Jeder Schritt wurde abgewogen. Jedes

Geräusch wurde registriert.

Sie fanden Rafael als Letzten. Er war in einem Raum am Ende eines Korridors, der eigentlich

gesichert sein sollte – aber das Schloss war defekt. Vielleicht war es immer defekt gewesen.

Vielleicht hatte Rafael selbst dafür gesorgt. Er sah nicht überrascht aus, als die Tür aufging.

„Ich habe auf euch gewartet", sagte er leise.

Sie versammelten sich in einem Lagerraum, der nach Maschinenöl roch. Neun Menschen,

alle verletzt, alle erschöpft, alle mit demselben Ziel.

„Ausgang?", fragte Horst.

„Norden", sagte Rafael. „Ich habe das Gebäude durch die Lüftungsöffnungen kartiert. Es

gibt einen Ausgang im Norden, der nicht von Robotern bewacht wird. Wahrscheinlich, weil

er als zu klein gilt."

„Wie klein?"

„Klein genug, dass wir uns ducken müssen."

„Gut genug."

Die Flucht selbst dauerte sieben Minuten. Sieben Minuten, in denen jeder Atemzug zu laut

klang und jeder Schritt eine Ewigkeit dauerte. Zweimal hörten sie Roboter in der Nähe – das

charakteristische Stampfen, das Horst inzwischen im Schlaf hören würde. Zweimal blieben

sie reglos stehen, bis die Geräusche sich entfernten.

Dann der Ausgang. Eine Metalltür, die von außen nicht zu öffnen war, aber von innen einen