Band 2 · Staffel 6 · Teil 62.154 Wörter · ~11 Min.

Teil 6: Alex' Opfer

Sandra greift an. Alex wird schwer verletzt für Leon. Schwur im Bunker. Nick erwacht.

Teil 6 von 6 · ~11 Minuten Lesezeit

Band 2 – Staffel 6: Staffel 6: Die Roboter

„Wir brauchen einen Plan", sagte er.

„Wir brauchen zuerst einen Ort", sagte Maria.

„Beides."

Rafael trat vor. „Ich kenne diese Gegend. Nicht gut, aber ein bisschen." Er sah sich um.

„Zwei Straßen nördlich gibt es eine U-Bahn-Station. Die ist zu dieser Zeit geschlossen, aber

ich kenne einen Weg hinein."

„Führe uns."

Sie folgten Rafael durch die Nacht. Er bewegte sich sicher, ohne zu zögern, und führte sie

durch Wege, die kein normaler Mensch kannte. Eine Unterführung, die nach Urin roch. Ein

Hof, der von zwei Gebäuden eingeschlossen war. Eine Tür, die nicht verschlossen war,

obwohl sie es hätte sein sollen.

Die U-Bahn-Station war dunkel und still. Die Züge fuhren nicht. Aber sie hatten Wände und

ein Dach und Dunkelheit, die sie verbarg.

Sie setzten sich auf den Boden des Bahnsteigs und atmeten.

„Alle okay?", fragte Horst.

Die Antworten kamen langsamer als das letzte Mal. Erschöpfter. Aber sie kamen.

„Okay."

„Okay."

„Ich lebe."

„Okay."

„Okay."

„Okay."

„Okay."

„Okay."

Acht Stimmen. Und dann, nach einer Pause, die zu lang war: „Okay."

Leon. Immer als Letzter, immer mit dieser Pause, als würde er sich selbst fragen, ob es

stimmte, bevor er es sagte.

Horst sah ihn an. Leon sah zurück. Ein kurzes Nicken.

„Gut", sagte Horst. „Dann fangen wir an."

Vertiefung: Sandras Begegnung mit Maria

Maria fand Sandra nicht durch Zufall.

Sie hatte Rafaels Hilfe gehabt – Rafael kannte Wege, Menschen zu finden, die nicht

gefunden werden wollten. Er hatte Kontakte, die Fragen stellten, ohne selbst Fragen zu

beantworten. Er hatte drei Tage gebraucht, um einen Hinweis zu finden.

Ein Hotel. Eine Stadt, die nicht weit war. Ein Name, der nicht Sandras echter Name war,

aber den Rafael trotzdem erkannte.

Maria ging allein. Horst hatte darauf bestanden, dass Rafael mitging, aber Maria hatte

darauf bestanden, allein zu gehen. Am Ende hatte Horst nachgegeben – mit der Bedingung,

dass Rafael in der Nähe blieb, ohne einzugreifen, es sei denn, es wurde notwendig.

Sie klopfte an die Hoteltür.

Sandra öffnete. Sie sah Maria an, und für einen Moment war ihr Gesicht ausdruckslos.

Dann, sehr langsam, veränderte es sich. Nicht zu Feindseligkeit. Zu etwas Komplizierterem.

„Du", sagte Sandra.

„Ich", sagte Maria. „Darf ich reinkommen?"

Stille. Dann trat Sandra zur Seite.

Das Hotelzimmer war ordentlich, fast steril. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Auf dem Tisch eine

Kaffeetasse. Keine persönlichen Gegenstände. Kein Gepäck, das sichtbar war.

Maria setzte sich auf den Stuhl. Sandra blieb stehen.

„Warum bist du hier?", fragte Sandra.

„Weil ich glaube, dass du noch eine Wahl hast."

Sandra sah sie an. „Du kennst mich nicht."

„Ich kenne dich besser, als du denkst." Maria sah sie an. „Ich habe dein Gesicht gesehen, als

Alex starb. Du hast das nicht gewollt."

Stille.

„Was ich will oder nicht will, ist irrelevant", sagte Sandra schließlich.

„Nein, ist es nicht." Maria lehnte sich vor. „Was du willst, ist das Einzige, was relevant ist.

Weil du noch entscheiden kannst."

„Ich habe bereits entschieden."

„Du kannst neu entscheiden."

Sandra sah sie lange an. Dann setzte sie sich auf das Bett. Sie sah auf die Kaffeetasse.

„Leon", sagte sie schließlich.

„Ja."

„Er ist okay?"

Maria zögerte. Dann: „Er ist am Leben. Er ist erschöpft. Er trauert." Sie machte eine Pause.

„Er schreibt über Alex."

Sandra schloss die Augen.

„Er hat mir nie erzählt, dass er schreibt", sagte sie.

„Ich weiß."

Stille.

„Was willst du von mir?", fragte Sandra.

„Informationen. Über Kevin. Über Viktor. Über das, was ihr geplant habt." Maria sah sie an.

„Und vielleicht etwas anderes."

„Was?"

„Die Chance, deinem Sohn zu zeigen, dass du noch weißt, wer du bist."

Sandra sah sie an. Lange. Dann: „Das ist nicht fair."

„Nein", sagte Maria. „Aber es ist wahr."

Stille.

Sandra stand auf, ging zum Fenster, sah hinaus. Die Straße war leer.

„Ich brauche Zeit", sagte sie schließlich.

„Wie viel?"

„Ich weiß nicht." Sie drehte sich um. „Komm morgen wieder."

Maria nickte. Sie stand auf und ging zur Tür.

„Maria", sagte Sandra.

Sie drehte sich um.

„Sag ihm..." Sandra zögerte. „Sag ihm, dass es mir leid tut."

Maria nickte. Sie sagte nichts. Sie ging.

Vertiefung: Die letzten Stunden vor Nicks Erwachen

Das Labor war kälter als sonst.

Der Doktor hatte die Temperatur gesenkt – eine Vorsichtsmaßnahme, die er nicht erklärte,

aber die Viktor akzeptierte. Viktor verstand Vorsichtsmaßnahmen. Er hatte sein Leben

damit verbracht, sie zu treffen.

Er stand am Rand des Raums und sah auf Nick.

Nick sah aus wie jemand, der schlief. Nicht wie jemand, der tot gewesen war. Das war das

Erstaunliche an der Medizin, die der Doktor entwickelt hatte – sie hinterließ keine

sichtbaren Spuren. Nick sah aus wie Nick. Blass, vielleicht. Ruhiger als gewöhnlich. Aber

Nick.

Viktor dachte an die Jahre, die sie zusammen verbracht hatten. Nick war kein einfacher

Mensch gewesen – er war fordernd, manchmal schwierig, manchmal unberechenbar. Aber

er war loyal gewesen. Auf seine Art.

Viktor fragte sich, ob das nach dem Aufwachen noch so sein würde.

Menschen, die zurückkehrten – das war Viktors Erfahrung aus den wenigen Fällen, die er

kannte – waren manchmal verändert. Nicht immer dramatisch. Manchmal nur in Nuancen.

Eine andere Priorität hier, eine andere Reaktion dort. Kleine Verschiebungen, die sich zu

etwas Größerem addierten.

Er würde sehen.

Der Monitor zeigte eine stabile Herzfrequenz. Die Gehirnaktivität nahm zu – langsam, aber

stetig. Der Doktor hatte gesagt: morgen früh. Viktor glaubte ihm.

Er verließ das Labor und ging in den Korridor.

Draußen wartete sein Fahrer.

„Fahren wir", sagte Viktor.

„Wohin?"

Viktor dachte nach. Dann: „Nirgendwo. Wir warten hier."

Er ging zurück in das Zimmer, das er sich eingerichtet hatte, und setzte sich. Er würde

warten. Er war gut darin, zu warten.

Er hatte sein ganzes Leben damit verbracht.

Vertiefung: Alex' letzte Stunden

Alex hatte gewusst, dass etwas nicht stimmte.

Nicht weil er prophetisch war oder weil er Zeichen gesehen hatte. Sondern weil er gut

zuhörte. Er hatte Sandras Verhalten beobachtet – die kleinen Veränderungen, die anderen

nicht aufgefallen waren. Die Art, wie sie Leon ansah. Die Art, wie sie Fragen stellte, die zu

präzise waren, um zufällig zu sein.

Er hatte es Horst gesagt. Horst hatte zugehört und genickt und gesagt, dass sie vorsichtig

sein würden.

Vorsichtig war nicht genug gewesen.

Am Abend vor dem Angriff hatte Alex in seinem Notizbuch geschrieben. Er schrieb selten –

das war Leons Domäne – aber manchmal, wenn die Gedanken zu laut wurden, half es, sie

aufzuschreiben.

Er schrieb: Ich mache mir Sorgen um Leon. Er ist siebzehn und verhält sich wie dreißig. Das

ist nicht normal. Das ist nicht gut.

Er schrieb: Ich mache mir Sorgen um Horst. Er trägt zu viel allein. Er denkt, dass er das

muss. Er denkt, dass das seine Aufgabe ist. Aber niemand kann alles allein tragen.

Er schrieb: Ich mache mir Sorgen um mich selbst. Das ist seltsam. Ich mache mir selten

Sorgen um mich selbst. Aber heute Abend ist etwas anders.

Er schrieb: Vielleicht ist es die Erschöpfung. Vielleicht ist es die Anspannung. Vielleicht ist es

etwas anderes.

Er schrieb: Wenn etwas passiert – wenn ich das hier nicht mehr lesen kann – dann hoffe ich,

dass jemand anderes es liest. Und dass sie verstehen, dass ich das hier getan habe, weil ich

es wollte. Nicht weil ich musste. Weil ich wollte.

Er schloss das Notizbuch.

Am nächsten Tag stand er im Park und sah die Waffe auf Leon gerichtet. Und er bewegte

sich.

Nicht weil er nicht dachte. Sondern weil er dachte und trotzdem handelte.

Das war der Unterschied.

Vertiefung: Der Moment im Park – aus Leons Perspektive

Leon erinnerte sich an alles.

Er erinnerte sich an die Sonne, die tief stand und ihn blendete. Er erinnerte sich an den

Geruch von frisch gemähtem Gras. Er erinnerte sich an das Geräusch von Kindern, die

irgendwo in der Ferne spielten.

Er erinnerte sich an den Mann mit der Waffe.

Er hatte ihn nicht sofort gesehen. Er hatte Sandra gesehen, die auf ihn zukam, und er hatte

gedacht: Warum ist sie hier? Und dann hatte er den Mann neben ihr gesehen, und dann

hatte er die Waffe gesehen.

Alles danach war sehr schnell und sehr langsam gleichzeitig.

Er erinnerte sich an Alex, der sich bewegte. Er erinnerte sich an das Geräusch. Er erinnerte

sich an Alex, der fiel.

Er erinnerte sich, dass er schrie. Er wusste nicht, was er schrie. Er wusste nur, dass er schrie.

Er erinnerte sich, dass Horst ihn festhielt. Dass Horst etwas sagte, das er nicht hörte. Dass

Horst ihn wegzog, während die anderen den Mann mit der Waffe überwältigten.

Er erinnerte sich an Alex auf dem Boden.

Er erinnerte sich, dass er dachte: Das ist nicht real. Das kann nicht real sein.

Aber es war real.

Er trug diese Erinnerung wie einen Stein in der Brust. Nicht schwer genug, um ihn zu

lähmen. Aber schwer genug, um immer da zu sein.

Er würde sie immer tragen.

Das war das, was Alex ihm hinterlassen hatte. Nicht nur Mut. Nicht nur Worte. Sondern das

Gewicht einer Entscheidung, die jemand anderes für ihn getroffen hatte.

Er würde es würdig sein.

Das war das Einzige, was er tun konnte.

Vertiefung: Die Stille nach dem Schwur

Nach dem Schwur war es still.

Nicht die Stille der Erschöpfung oder der Hoffnungslosigkeit. Eine andere Stille. Die Stille

von Menschen, die etwas beschlossen haben und jetzt wissen, was sie tun müssen.

Horst saß am Tisch und sah auf die Karte. Er sah auf die Namen und die Punkte und die

Linien. Er sah auf das große Bild.

Er dachte: Wir sind acht. Gegen wie viele?

Er wusste die Antwort nicht genau. Viktor hatte Ressourcen. Gregor hatte Ressourcen.

Stichzicke und Erdnusszicke hatten ein Netzwerk. Lilith hatte Roboter und Fähigkeiten, die

er noch nicht vollständig verstand.

Acht gegen viele.

Aber acht, die zusammenarbeiteten. Acht, die sich vertrauten. Acht, die wussten, wofür sie

kämpften.

Das war nicht nichts.

Er dachte an die Geschichte, die er kannte – nicht seine eigene Geschichte, sondern die

Geschichte von Menschen, die gegen Übermacht gekämpft hatten. Nicht immer erfolgreich.

Manchmal verloren sie. Manchmal verloren sie alles.

Aber manchmal gewannen sie.

Er stand auf und ging zu Leon.

„Ich möchte etwas sagen", sagte er.

Leon sah auf.

„Alex hat gesagt, dass du stark bist. Stärker, als du weißt." Horst sah ihn an. „Ich glaube das

auch."

Leon schwieg einen Moment. Dann: „Woher weißt du das?"

„Weil ich dich beobachte. Seit Monaten." Horst setzte sich neben ihn. „Du hast Dinge

durchgemacht, die andere zerbrochen hätten. Du bist nicht zerbrochen."

„Ich bin fast zerbrochen."

„Fast ist nicht dasselbe."

Leon sah ihn an. Dann, sehr leise: „Ich habe Angst, dass ich es noch werde."

„Das wirst du nicht."

„Woher weißt du das?"

„Weil du hier bist. Weil du weiter machst." Horst sah ihn an. „Weil du geschrieben hast,

anstatt aufzugeben."

Leon sah auf sein Notizbuch. Dann: „Das ist nicht viel."

„Es ist alles."

Stille.

„Danke", sagte Leon schließlich.

„Nichts zu danken."

Sie saßen noch eine Weile, bevor Leon das Notizbuch aufschlug und weiterschrieb.

Horst sah ihm zu und dachte: Das ist gut. Das ist richtig.

Er stand auf und ging zurück zur Karte.

Morgen würden sie weitermachen.

Vertiefung: Das Ende des Anfangs

Die Nacht verging.

Im Bunker schliefen die meisten. Paul saß am Monitor. Jason lag auf seinem Feldbett. Maria

stand am Eingang und sah auf den Himmel.

Der Himmel begann sich langsam aufzuhellen. Nicht dramatisch – kein Sonnenaufgang, der

alles vergoldete. Nur das langsame Grauer des frühen Morgens, das Dunkel in Dämmerung

verwandelte.

Maria sah zu und dachte an nichts Bestimmtes. Sie ließ die Gedanken kommen und gehen.

Alex. Leon. Horst. Sandra. Die Zukunft, die sie noch nicht kannte.

Sie dachte: Wir sind noch hier.

Das war nicht selbstverständlich. Das war nie selbstverständlich.

Sie dachte: Was kommt als Nächstes?

Sie wusste es nicht genau. Sie wusste, dass es schwer sein würde. Sie wusste, dass es

gefährlich sein würde. Sie wusste, dass sie vielleicht wieder verlieren würden, bevor sie

gewannen.

Aber sie wussten jetzt, was sie wussten. Sie hatten einen Namen: Gregor Weiland. Sie hatten

einen Plan, der noch unvollständig war, aber existierte. Sie hatten einander.

Das war mehr als nichts.

Sie drehte sich um und ging zurück in den Bunker.

„Guten Morgen", sagte Paul, ohne vom Monitor aufzusehen.

„Guten Morgen", sagte Maria.

Sie setzte sich neben ihn und sah auf den Monitor. Signale, Frequenzen, Fragmente. Die

Welt, die draußen weiterging, während sie hier drinnen warteten.

„Irgendwas Neues?", fragte sie.

„Viktor bewegt sich." Paul sah sie an. „Heute Nacht."

Maria nickte. „Dann wecken wir die anderen."

„Noch nicht." Paul sah auf die Uhr. „Lass sie noch zwei Stunden schlafen. Sie brauchen es."

Maria dachte nach. Dann: „Okay. Zwei Stunden."

Sie saßen nebeneinander und beobachteten den Monitor.

Irgendwo, in einem kalten Labor, schlug ein Herz, das nicht mehr schlagen sollte.

Nick Lustig öffnete die Augen und sah an die Decke.

Er war zurück.

Und das Ende des Anfangs war zugleich der Anfang von etwas Neuem.

Ende von Band 2 – Staffel 6: „Das Ende des Anfangs"

Alle Namen in dieser Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein

zufällig.