Teil 5 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 6: Staffel 6: Die Roboter
Handwerker. Er hatte eine Ausbildung gemacht, dann noch eine, dann noch eine. Er konnte
Elektrik, Mechanik, Elektronik. Er konnte Dinge reparieren, die andere für kaputt hielten.
Im Bunker war er unentbehrlich.
Er hatte den Generator repariert, als er nach dem dritten Tag ausfiel. Er hatte das
Funksystem optimiert, das Paul gebaut hatte. Er hatte aus Teilen, die Rafael in einem
Baumarkt besorgt hatte, ein Abhörgerät gebaut, das funktionierte.
Er stellte keine großen Fragen. Er löste Probleme.
Aber manchmal, wenn er allein arbeitete, dachte er an das, was er gesehen hatte. An Alex.
An den Moment, der alles verändert hatte.
Er hatte Alex nicht gut gekannt. Er hatte ihn erst in Nordkorea kennengelernt, und dann war
alles so schnell gegangen. Aber er hatte gesehen, was Alex getan hatte. Und er hatte
verstanden, was das bedeutete.
Er arbeitete weiter.
Nicht weil er keine Gefühle hatte. Sondern weil Arbeit das war, was er tun konnte. Was er
gut konnte.
Er baute, reparierte, improvisierte.
Und er wartete auf den Moment, in dem er wirklich gebraucht wurde.
Vertiefung: Der Schwur
Am Abend des fünften Tages im Bunker versammelten sie sich alle.
Nicht weil jemand es geplant hatte. Es passierte einfach – einer nach dem anderen kam
zum Tisch, bis alle neun da waren. Horst, Jason, Paul, Maria, Leon, Rafael, Esther, Thomas.
Und der leere Platz, wo Alex gesessen hätte.
Niemand sprach zuerst.
Dann sagte Leon: „Ich möchte etwas sagen."
Alle sahen ihn an.
„Alex hat mir einmal gesagt, dass Mut bedeutet, trotz der Angst weiterzumachen." Er sah
auf den leeren Platz. „Ich habe Angst. Ich glaube, ihr alle habt Angst. Aber wir machen
weiter. Das ist das, was er uns hinterlassen hat."
Stille.
„Ich schwöre", sagte Leon, „dass ich nicht aufhöre, bis wir alle zur Verantwortung gezogen
haben. Alle."
Horst sah ihn an. Dann: „Ich auch."
Jason: „Ich auch."
Paul: „Ich auch."
Maria: „Ich auch."
Rafael: „Ich auch."
Esther: „Ich auch."
Thomas: „Ich auch."
Acht Menschen, die sich aneinander erinnerten, dass sie nicht allein waren.
Acht Menschen, die wussten, dass der Weg noch lang war.
Acht Menschen, die trotzdem weitermachten.
Und irgendwo, in einem kalten Labor, schlug ein Herz, das nicht mehr schlagen sollte.
Nick Lustig öffnete die Augen.
Vertiefung: Die Stunden der Gefangenschaft
Die Zeit in den Zellen hatte eine eigene Qualität. Sie war nicht wie normale Zeit – sie dehnte
sich und zog sich zusammen auf eine Art, die keinen Sinn ergab. Eine Stunde konnte sich
wie ein Tag anfühlen. Ein Tag konnte vergehen wie eine Stunde.
Horst hatte gelernt, mit dieser Zeitverzerrung umzugehen. Er hatte es früher schon geübt –
in Momenten der Erschöpfung, in Momenten der Gefahr, in Momenten, in denen er nicht
wusste, was als Nächstes kommen würde. Er hatte gelernt, den Geist zu beschäftigen, wenn
der Körper nicht konnte.
Er dachte an seine Geschichte. Nicht an die dramatischen Momente – die Kämpfe, die
Flucht, die Konfrontationen. Sondern an die kleinen Dinge. Das erste Mal, dass er Jason
getroffen hatte und sofort gewusst hatte, dass dieser Mann verlässlich war. Das erste Mal,
dass Paul ihm erklärt hatte, wie ein Funksystem funktionierte, mit einer Geduld, die Horst
überrascht hatte. Das erste Mal, dass Maria ihm gesagt hatte, was sie wirklich dachte –
direkt, ohne Umschweife, auf eine Art, die er zunächst als Unhöflichkeit missverstanden
hatte und die er jetzt als Respekt verstand.
Er dachte an Leon. Siebzehn Jahre alt, mit einem Notizbuch und einer Reife, die nicht
normal war für sein Alter. Horst hatte sich gefragt, was Leon durch gemacht haben musste,
um so zu werden. Er hatte nie gefragt. Vielleicht sollte er.
Er dachte an die Neuen. Rafael, der Wege kannte, die andere nicht kannten. Esther, die
Muster sah, wo andere nur Chaos sahen. Thomas, der Dinge baute und reparierte mit einer
Ruhe, die ansteckend war.
Er dachte: Ich bin nicht allein. Ich war nie allein.
Das war keine neue Erkenntnis. Aber in der Stille der Zelle fühlte sie sich neu an.
Leon schrieb in seinem Kopf, weil er kein Notizbuch hatte.
Er formulierte Sätze, die er sich merkte, und baute sie zu Absätzen. Es war eine Übung, die
er sich selbst beigebracht hatte – für Momente, in denen er kein Papier hatte, aber trotzdem
schreiben musste.
Er schrieb über Lilith.
Er schrieb: Sie ist siebzehn. Wie ich. Das ist das Erste, was ich gedacht habe, als ich sie
gesehen habe. Nicht: sie ist gefährlich. Nicht: sie ist mein Feind. Sondern: sie ist so alt wie
ich.
Er schrieb: Das macht es komplizierter. Ich weiß, dass es das nicht sollte. Aber es tut es
trotzdem.
Er schrieb: Sie hat mich anders angesehen als die anderen. Ich weiß nicht, was das
bedeutet. Ich weiß nicht, ob es etwas bedeutet.
Er schrieb: Ich habe keine Angst vor ihr. Das ist seltsam. Ich sollte Angst haben. Aber ich
habe keine.
Er schrieb: Vielleicht ist das, was Alex gemeint hat. Mut bedeutet, trotz der Angst
weiterzumachen. Aber was, wenn man keine Angst hat? Ist das dann Mut oder ist das
Dummheit?
Er schrieb: Ich weiß es nicht. Ich werde es herausfinden.
Er hörte auf zu schreiben und lehnte den Kopf gegen die Wand. Er hörte das Klopfen von
Jason, der immer noch kommunizierte. Er klopfte zurück.
Drei kurze Schläge. Ich bin hier.
Vertiefung: Viktor und seine Pläne
Viktor Lustig saß in einem Büro, das er sich selbst eingerichtet hatte, und las Berichte.
Er las Berichte über die Helden – wo sie gesehen worden waren, was sie getan hatten, was
sie planten. Er las Berichte über Lilith – ihre Verhöre, ihre Methoden, ihre Ergebnisse. Er las
Berichte über die Polizei-Manipulation, die Stichzicke und Erdnusszicke vorantrieben.
Er las Berichte über Nick.
Nick war wach. Das war früher als erwartet. Der Doktor hatte gute Arbeit geleistet.
Viktor legte die Berichte hin und dachte nach.
Nick war sein Sohn – nicht biologisch, aber in allem anderen. Er hatte ihn geformt, geführt,
unterstützt. Er hatte in Nick investiert – Zeit, Ressourcen, Vertrauen. Nick hatte ihn nicht
enttäuscht. Nick hatte verloren, aber das war nicht dasselbe wie enttäuschen.
Verlieren war menschlich. Verlieren war akzeptabel.
Was Viktor nicht akzeptieren konnte, war die Möglichkeit, dass Nick Informationen hatte,
die in die falschen Hände gerieten. Informationen über Gregor Weiland. Informationen, die
Gregor vernichten würde, wenn er wüsste, dass Nick sie hatte.
Viktor musste Nick sichern, bevor Gregor es tat.
Er stand auf und ging zur Tür.
„Bereitet das Fahrzeug vor", sagte er zu dem Mann, der draußen wartete. „Wir fahren heute
Nacht."
Vertiefung: Die Nacht vor dem Angriff
Die Nacht vor dem Angriff war still.
Im Bunker schliefen die meisten. Paul saß am Monitor und beobachtete die Signale, die
Thomas' Abhörgerät aufzeichnete. Jason lag auf seinem Feldbett und sah an die Decke.
Horst saß am Tisch und sah auf den Plan, den er in den letzten Tagen entwickelt hatte.
Er sah auf die Lücken.
Es gab immer Lücken. Jeder Plan hatte sie. Die Frage war nicht, ob es Lücken gab, sondern
ob man sie aushalten konnte. Ob man bereit war, trotz der Lücken zu handeln.
Er war bereit.
Er dachte an Alex. Er dachte an den Schwur, den sie geleistet hatten. Er dachte an die neun
Stimmen, die alle „Ich auch" gesagt hatten.
Er dachte: Das reicht.
Paul trat zu ihm. „Ich habe etwas."
Horst sah auf. „Was?"
„Viktor bewegt sich. Heute Nacht." Paul sah ihn an. „Er fährt zum Labor."
Stille.
„Dann ist das unsere Chance", sagte Horst.
„Ja."
„Wir müssen jetzt entscheiden."
„Ja."
Horst sah auf den Plan. Er sah auf die Lücken. Er sah auf das, was er hatte, und das, was er
nicht hatte.
Dann stand er auf.
„Alle wecken", sagte er. „Wir gehen jetzt."
Vertiefung: Das Gewicht des Verlusts
Es gab Momente, in denen der Verlust nicht abstrakt war. Momente, in denen er sich
anfühlte wie etwas Physisches – ein Gewicht auf der Brust, ein Druck hinter den Augen.
Maria kannte diese Momente. Sie hatte sie schon früher erlebt, in anderen Kontexten, aus
anderen Gründen. Sie wusste, dass sie vergingen. Dass das Gewicht nicht für immer blieb.
Aber sie wusste auch, dass es Spuren hinterließ.
Sie saß am Eingang des Bunkers und sah auf die Nacht. Der Himmel war bewölkt, kein Stern
zu sehen. Die Luft roch nach Regen.
Sie dachte an Alex.
Sie dachte an das erste Mal, dass sie ihn kennengelernt hatte. Er war ruhig gewesen,
aufmerksam, mit einem Humor, der trocken und präzise war. Er hatte sie zum Lachen
gebracht, in einem Moment, in dem sie nicht hatte lachen wollen. Das hatte sie überrascht.
Sie dachte an das letzte Mal, dass sie mit ihm gesprochen hatte. Es war kurz gewesen – ein
paar Sätze, nichts Bedeutungsvolles. Sie hatte nicht gewusst, dass es das letzte Mal sein
würde.
Das war das Schlimmste. Nicht der Verlust selbst, sondern die Tatsache, dass man nie
wusste, wann das letzte Mal war. Man konnte nicht wissen. Man konnte nur hoffen, dass
man das Wichtigste gesagt hatte, bevor es zu spät war.
Sie stand auf und ging zurück in den Bunker.
Sie hatte das Wichtigste nicht gesagt. Aber sie würde es in Erinnerung behalten. Sie würde
es weitertragen.
Das war das Einzige, was sie tun konnte.
Vertiefung: Gregor Weilands Welt
Gregor Weiland lebte in einem Haus am Genfer See, das von außen wie ein gewöhnliches
Landhaus aussah. Von innen war es etwas anderes.
Er war sechzig Jahre alt und hatte die letzten vierzig damit verbracht, ein System
aufzubauen, das er selbst nie beschrieben hatte. Er hatte keine Manifeste geschrieben,
keine Reden gehalten, keine Interviews gegeben. Er hatte gehandelt.
Er hatte Menschen finanziert. Menschen, die bereit waren, das zu tun, was er nicht selbst
tun konnte. Menschen, die Risiken eingingen, die er nicht eingehen wollte. Menschen, die
scheiterten – wie Nick – und Menschen, die erfolgreich waren.
Er saß am Fenster und sah auf den See. Das Wasser war ruhig, grau-blau in der
Abenddämmerung.
Er dachte an Nick.
Nick war ein Fehler gewesen. Nicht weil er gescheitert war – Scheitern war Teil des
Prozesses. Sondern weil er zu weit gegangen war. Gregor hatte Grenzen gesetzt, und Nick
hatte sie ignoriert. Das war inakzeptabel.
Aber Nick war jetzt zurück. Das war interessant.
Viktor hatte Nick zurückgebracht. Gregor wusste, warum. Viktor wollte die Informationen,
die Nick gesammelt hatte. Informationen über Gregor.
Das war ein Problem.
Gregor stand auf und ging zum Schreibtisch. Er öffnete eine Schublade und nahm ein
Telefon heraus – ein altes, einfaches Gerät, das er für bestimmte Gespräche benutzte.
Er wählte eine Nummer.
„Viktor bewegt sich", sagte er, als jemand abnahm. „Stellt sicher, dass er das Labor nicht
erreicht."
Er legte auf.
Er ging zurück zum Fenster und sah auf den See.
Das Wasser war immer noch ruhig.
Vertiefung: Die Flucht aus der Gefangenschaft –
Detailszenen
Paul kroch durch den Lüftungsschacht und zählte die Meter.
Er hatte sich die Struktur des Gebäudes eingeprägt, soweit er sie kannte. Drei Tage
Beobachtung durch die Lüftungsöffnung, drei Tage Zuhören, drei Tage Kartieren in seinem
Kopf. Er wusste, wo die Roboter patrouillierten. Er wusste, wann die Wachintervalle waren.
Er wusste, dass es ein Fenster von sieben Minuten gab, in dem der Korridor zwischen den
Zellen unbewacht war.
Sieben Minuten. Das reichte.
Er erreichte die erste Kreuzung im Schacht. Links führte zum Korridor, rechts zur
Außenwand. Er bog links ab.
Das Gitter am Ende des Schachts war mit zwei Schrauben gesichert. Er hatte die Schrauben
bereits gelockert – drei Tage Arbeit, millimeterweise. Er zog sie heraus, legte sie sorgfältig in
seine Tasche, und schob das Gitter zur Seite.
Der Korridor war leer.
Er ließ sich fallen, landete auf den Zehenspitzen, und wartete. Stille. Das Summen der
Beleuchtung. Das entfernte Stampfen eines Roboters, der sich entfernte.
Er bewegte sich.
Horsts Zelle war die dritte auf der linken Seite. Das Schloss war elektronisch – ein einfaches
System, das für einen normalen Einbruch ausreichte, aber nicht für jemanden, der wusste,
wie solche Systeme funktionierten. Paul wusste es. Er hatte das Kabel aus dem Schacht
mitgebracht und begann, die Verbindungen zu überbrücken.
Drei Minuten. Vier. Die Uhr in seinem Kopf tickte.
Das Schloss öffnete sich.
Horst stand auf der anderen Seite. Er sah Paul an und nickte. Kein Wort. Kein Ausdruck. Nur
das Nicken eines Mannes, der versteht.
Sie gingen weiter.
Jason war in der fünften Zelle. Maria in der siebten. Leon in der zweiten – sie hatten ihn nah
an Liliths Büro untergebracht, was Paul als Bestätigung seiner Theorie wertete: Lilith wollte
Leon in der Nähe haben.
Als Leon aus der Zelle trat, sah er Paul an. „Ich wusste, dass du es schaffst."
„Ich auch", sagte Paul trocken.
Sie bewegten sich schnell durch den Korridor, immer auf die Geräusche achtend. Einmal
hörten sie Schritte – schwere, mechanische Schritte – und drückten sich in eine Nische, bis
der Roboter vorbeiging. Er passierte sie in einem Abstand von zwei Metern. Keiner atmete.
Dann waren sie durch.
Rafael, Esther und Thomas waren in einem anderen Flügel. Horst und Paul gingen allein,
während die anderen warteten. Der Weg war länger – zwei Korridore, eine Treppe, ein
weiteres elektronisches Schloss. Paul arbeitete schnell. Horst stand hinter ihm und
beobachtete.
„Wie lange noch?", flüsterte Horst.
„Dreißig Sekunden."
„Wir haben weniger."
Paul arbeitete schneller.
Das Schloss öffnete sich in zwanzig Sekunden.
Rafael trat als Erster heraus. Er sah Horst an und sagte leise: „Ich hatte schon Schlimmeres."
„Ich weiß", sagte Horst. „Komm."
Sie versammelten sich im Korridor – alle neun, zum ersten Mal seit Tagen wieder
zusammen. Niemand sprach. Niemand musste sprechen. Sie sahen sich an, und das reichte.
Dann bewegten sie sich.
Der Ausgang war durch ein Fenster im Erdgeschoss – ein Fenster, das Paul als einzigen
unbewachten Ausgang identifiziert hatte. Es war klein, aber sie waren alle klein genug, um
hindurchzukommen. Oder fast alle.
Thomas war der Schwierigste. Er war groß und breit, und das Fenster war eng. Er zwängte
sich hindurch, mit Rafaels Hilfe von innen und Horsts Hilfe von außen, und landete auf dem
Boden mit einem Geräusch, das zu laut war.
Sie warteten.
Stille.
Dann bewegten sie sich weiter.
Vertiefung: Die Orientierungslosigkeit
Sie liefen, ohne zu wissen, wohin sie liefen.
Das war das Problem mit der Flucht: Man konnte planen, wie man herauskommt, aber nicht
immer, wohin man danach geht. Paul hatte einen Richtungssinn, der selten versagte – er
wusste, wo Norden war, er wusste ungefähr, wo sie sich befanden. Aber er wusste nicht, wo
der nächste sichere Ort war.
Sie liefen durch Straßen, die sie nicht kannten. Es war Nacht, die Straßen waren leer, aber
das war kein Trost. Leere Straßen bedeuteten keine Zeugen, aber sie bedeuteten auch keine
Deckung.
Horst führte sie in eine Seitengasse. Er sah sich um. Er sah Gebäude, Mülltonnen, eine
Straßenlaterne, die flackerte.