Band 2 · Staffel 6 · Teil 52.428 Wörter · ~13 Min.

Teil 5: Vier Jahre

Polizei-Manipulation läuft. Helden brauchen neuen Plan. Heinrich Brandt hilft.

Teil 5 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit

Band 2 – Staffel 6: Staffel 6: Die Roboter

Handwerker. Er hatte eine Ausbildung gemacht, dann noch eine, dann noch eine. Er konnte

Elektrik, Mechanik, Elektronik. Er konnte Dinge reparieren, die andere für kaputt hielten.

Im Bunker war er unentbehrlich.

Er hatte den Generator repariert, als er nach dem dritten Tag ausfiel. Er hatte das

Funksystem optimiert, das Paul gebaut hatte. Er hatte aus Teilen, die Rafael in einem

Baumarkt besorgt hatte, ein Abhörgerät gebaut, das funktionierte.

Er stellte keine großen Fragen. Er löste Probleme.

Aber manchmal, wenn er allein arbeitete, dachte er an das, was er gesehen hatte. An Alex.

An den Moment, der alles verändert hatte.

Er hatte Alex nicht gut gekannt. Er hatte ihn erst in Nordkorea kennengelernt, und dann war

alles so schnell gegangen. Aber er hatte gesehen, was Alex getan hatte. Und er hatte

verstanden, was das bedeutete.

Er arbeitete weiter.

Nicht weil er keine Gefühle hatte. Sondern weil Arbeit das war, was er tun konnte. Was er

gut konnte.

Er baute, reparierte, improvisierte.

Und er wartete auf den Moment, in dem er wirklich gebraucht wurde.

Vertiefung: Der Schwur

Am Abend des fünften Tages im Bunker versammelten sie sich alle.

Nicht weil jemand es geplant hatte. Es passierte einfach – einer nach dem anderen kam

zum Tisch, bis alle neun da waren. Horst, Jason, Paul, Maria, Leon, Rafael, Esther, Thomas.

Und der leere Platz, wo Alex gesessen hätte.

Niemand sprach zuerst.

Dann sagte Leon: „Ich möchte etwas sagen."

Alle sahen ihn an.

„Alex hat mir einmal gesagt, dass Mut bedeutet, trotz der Angst weiterzumachen." Er sah

auf den leeren Platz. „Ich habe Angst. Ich glaube, ihr alle habt Angst. Aber wir machen

weiter. Das ist das, was er uns hinterlassen hat."

Stille.

„Ich schwöre", sagte Leon, „dass ich nicht aufhöre, bis wir alle zur Verantwortung gezogen

haben. Alle."

Horst sah ihn an. Dann: „Ich auch."

Jason: „Ich auch."

Paul: „Ich auch."

Maria: „Ich auch."

Rafael: „Ich auch."

Esther: „Ich auch."

Thomas: „Ich auch."

Acht Menschen, die sich aneinander erinnerten, dass sie nicht allein waren.

Acht Menschen, die wussten, dass der Weg noch lang war.

Acht Menschen, die trotzdem weitermachten.

Und irgendwo, in einem kalten Labor, schlug ein Herz, das nicht mehr schlagen sollte.

Nick Lustig öffnete die Augen.

Vertiefung: Die Stunden der Gefangenschaft

Die Zeit in den Zellen hatte eine eigene Qualität. Sie war nicht wie normale Zeit – sie dehnte

sich und zog sich zusammen auf eine Art, die keinen Sinn ergab. Eine Stunde konnte sich

wie ein Tag anfühlen. Ein Tag konnte vergehen wie eine Stunde.

Horst hatte gelernt, mit dieser Zeitverzerrung umzugehen. Er hatte es früher schon geübt –

in Momenten der Erschöpfung, in Momenten der Gefahr, in Momenten, in denen er nicht

wusste, was als Nächstes kommen würde. Er hatte gelernt, den Geist zu beschäftigen, wenn

der Körper nicht konnte.

Er dachte an seine Geschichte. Nicht an die dramatischen Momente – die Kämpfe, die

Flucht, die Konfrontationen. Sondern an die kleinen Dinge. Das erste Mal, dass er Jason

getroffen hatte und sofort gewusst hatte, dass dieser Mann verlässlich war. Das erste Mal,

dass Paul ihm erklärt hatte, wie ein Funksystem funktionierte, mit einer Geduld, die Horst

überrascht hatte. Das erste Mal, dass Maria ihm gesagt hatte, was sie wirklich dachte –

direkt, ohne Umschweife, auf eine Art, die er zunächst als Unhöflichkeit missverstanden

hatte und die er jetzt als Respekt verstand.

Er dachte an Leon. Siebzehn Jahre alt, mit einem Notizbuch und einer Reife, die nicht

normal war für sein Alter. Horst hatte sich gefragt, was Leon durch gemacht haben musste,

um so zu werden. Er hatte nie gefragt. Vielleicht sollte er.

Er dachte an die Neuen. Rafael, der Wege kannte, die andere nicht kannten. Esther, die

Muster sah, wo andere nur Chaos sahen. Thomas, der Dinge baute und reparierte mit einer

Ruhe, die ansteckend war.

Er dachte: Ich bin nicht allein. Ich war nie allein.

Das war keine neue Erkenntnis. Aber in der Stille der Zelle fühlte sie sich neu an.

Leon schrieb in seinem Kopf, weil er kein Notizbuch hatte.

Er formulierte Sätze, die er sich merkte, und baute sie zu Absätzen. Es war eine Übung, die

er sich selbst beigebracht hatte – für Momente, in denen er kein Papier hatte, aber trotzdem

schreiben musste.

Er schrieb über Lilith.

Er schrieb: Sie ist siebzehn. Wie ich. Das ist das Erste, was ich gedacht habe, als ich sie

gesehen habe. Nicht: sie ist gefährlich. Nicht: sie ist mein Feind. Sondern: sie ist so alt wie

ich.

Er schrieb: Das macht es komplizierter. Ich weiß, dass es das nicht sollte. Aber es tut es

trotzdem.

Er schrieb: Sie hat mich anders angesehen als die anderen. Ich weiß nicht, was das

bedeutet. Ich weiß nicht, ob es etwas bedeutet.

Er schrieb: Ich habe keine Angst vor ihr. Das ist seltsam. Ich sollte Angst haben. Aber ich

habe keine.

Er schrieb: Vielleicht ist das, was Alex gemeint hat. Mut bedeutet, trotz der Angst

weiterzumachen. Aber was, wenn man keine Angst hat? Ist das dann Mut oder ist das

Dummheit?

Er schrieb: Ich weiß es nicht. Ich werde es herausfinden.

Er hörte auf zu schreiben und lehnte den Kopf gegen die Wand. Er hörte das Klopfen von

Jason, der immer noch kommunizierte. Er klopfte zurück.

Drei kurze Schläge. Ich bin hier.

Vertiefung: Viktor und seine Pläne

Viktor Lustig saß in einem Büro, das er sich selbst eingerichtet hatte, und las Berichte.

Er las Berichte über die Helden – wo sie gesehen worden waren, was sie getan hatten, was

sie planten. Er las Berichte über Lilith – ihre Verhöre, ihre Methoden, ihre Ergebnisse. Er las

Berichte über die Polizei-Manipulation, die Stichzicke und Erdnusszicke vorantrieben.

Er las Berichte über Nick.

Nick war wach. Das war früher als erwartet. Der Doktor hatte gute Arbeit geleistet.

Viktor legte die Berichte hin und dachte nach.

Nick war sein Sohn – nicht biologisch, aber in allem anderen. Er hatte ihn geformt, geführt,

unterstützt. Er hatte in Nick investiert – Zeit, Ressourcen, Vertrauen. Nick hatte ihn nicht

enttäuscht. Nick hatte verloren, aber das war nicht dasselbe wie enttäuschen.

Verlieren war menschlich. Verlieren war akzeptabel.

Was Viktor nicht akzeptieren konnte, war die Möglichkeit, dass Nick Informationen hatte,

die in die falschen Hände gerieten. Informationen über Gregor Weiland. Informationen, die

Gregor vernichten würde, wenn er wüsste, dass Nick sie hatte.

Viktor musste Nick sichern, bevor Gregor es tat.

Er stand auf und ging zur Tür.

„Bereitet das Fahrzeug vor", sagte er zu dem Mann, der draußen wartete. „Wir fahren heute

Nacht."

Vertiefung: Die Nacht vor dem Angriff

Die Nacht vor dem Angriff war still.

Im Bunker schliefen die meisten. Paul saß am Monitor und beobachtete die Signale, die

Thomas' Abhörgerät aufzeichnete. Jason lag auf seinem Feldbett und sah an die Decke.

Horst saß am Tisch und sah auf den Plan, den er in den letzten Tagen entwickelt hatte.

Er sah auf die Lücken.

Es gab immer Lücken. Jeder Plan hatte sie. Die Frage war nicht, ob es Lücken gab, sondern

ob man sie aushalten konnte. Ob man bereit war, trotz der Lücken zu handeln.

Er war bereit.

Er dachte an Alex. Er dachte an den Schwur, den sie geleistet hatten. Er dachte an die neun

Stimmen, die alle „Ich auch" gesagt hatten.

Er dachte: Das reicht.

Paul trat zu ihm. „Ich habe etwas."

Horst sah auf. „Was?"

„Viktor bewegt sich. Heute Nacht." Paul sah ihn an. „Er fährt zum Labor."

Stille.

„Dann ist das unsere Chance", sagte Horst.

„Ja."

„Wir müssen jetzt entscheiden."

„Ja."

Horst sah auf den Plan. Er sah auf die Lücken. Er sah auf das, was er hatte, und das, was er

nicht hatte.

Dann stand er auf.

„Alle wecken", sagte er. „Wir gehen jetzt."

Vertiefung: Das Gewicht des Verlusts

Es gab Momente, in denen der Verlust nicht abstrakt war. Momente, in denen er sich

anfühlte wie etwas Physisches – ein Gewicht auf der Brust, ein Druck hinter den Augen.

Maria kannte diese Momente. Sie hatte sie schon früher erlebt, in anderen Kontexten, aus

anderen Gründen. Sie wusste, dass sie vergingen. Dass das Gewicht nicht für immer blieb.

Aber sie wusste auch, dass es Spuren hinterließ.

Sie saß am Eingang des Bunkers und sah auf die Nacht. Der Himmel war bewölkt, kein Stern

zu sehen. Die Luft roch nach Regen.

Sie dachte an Alex.

Sie dachte an das erste Mal, dass sie ihn kennengelernt hatte. Er war ruhig gewesen,

aufmerksam, mit einem Humor, der trocken und präzise war. Er hatte sie zum Lachen

gebracht, in einem Moment, in dem sie nicht hatte lachen wollen. Das hatte sie überrascht.

Sie dachte an das letzte Mal, dass sie mit ihm gesprochen hatte. Es war kurz gewesen – ein

paar Sätze, nichts Bedeutungsvolles. Sie hatte nicht gewusst, dass es das letzte Mal sein

würde.

Das war das Schlimmste. Nicht der Verlust selbst, sondern die Tatsache, dass man nie

wusste, wann das letzte Mal war. Man konnte nicht wissen. Man konnte nur hoffen, dass

man das Wichtigste gesagt hatte, bevor es zu spät war.

Sie stand auf und ging zurück in den Bunker.

Sie hatte das Wichtigste nicht gesagt. Aber sie würde es in Erinnerung behalten. Sie würde

es weitertragen.

Das war das Einzige, was sie tun konnte.

Vertiefung: Gregor Weilands Welt

Gregor Weiland lebte in einem Haus am Genfer See, das von außen wie ein gewöhnliches

Landhaus aussah. Von innen war es etwas anderes.

Er war sechzig Jahre alt und hatte die letzten vierzig damit verbracht, ein System

aufzubauen, das er selbst nie beschrieben hatte. Er hatte keine Manifeste geschrieben,

keine Reden gehalten, keine Interviews gegeben. Er hatte gehandelt.

Er hatte Menschen finanziert. Menschen, die bereit waren, das zu tun, was er nicht selbst

tun konnte. Menschen, die Risiken eingingen, die er nicht eingehen wollte. Menschen, die

scheiterten – wie Nick – und Menschen, die erfolgreich waren.

Er saß am Fenster und sah auf den See. Das Wasser war ruhig, grau-blau in der

Abenddämmerung.

Er dachte an Nick.

Nick war ein Fehler gewesen. Nicht weil er gescheitert war – Scheitern war Teil des

Prozesses. Sondern weil er zu weit gegangen war. Gregor hatte Grenzen gesetzt, und Nick

hatte sie ignoriert. Das war inakzeptabel.

Aber Nick war jetzt zurück. Das war interessant.

Viktor hatte Nick zurückgebracht. Gregor wusste, warum. Viktor wollte die Informationen,

die Nick gesammelt hatte. Informationen über Gregor.

Das war ein Problem.

Gregor stand auf und ging zum Schreibtisch. Er öffnete eine Schublade und nahm ein

Telefon heraus – ein altes, einfaches Gerät, das er für bestimmte Gespräche benutzte.

Er wählte eine Nummer.

„Viktor bewegt sich", sagte er, als jemand abnahm. „Stellt sicher, dass er das Labor nicht

erreicht."

Er legte auf.

Er ging zurück zum Fenster und sah auf den See.

Das Wasser war immer noch ruhig.

Vertiefung: Die Flucht aus der Gefangenschaft –

Detailszenen

Paul kroch durch den Lüftungsschacht und zählte die Meter.

Er hatte sich die Struktur des Gebäudes eingeprägt, soweit er sie kannte. Drei Tage

Beobachtung durch die Lüftungsöffnung, drei Tage Zuhören, drei Tage Kartieren in seinem

Kopf. Er wusste, wo die Roboter patrouillierten. Er wusste, wann die Wachintervalle waren.

Er wusste, dass es ein Fenster von sieben Minuten gab, in dem der Korridor zwischen den

Zellen unbewacht war.

Sieben Minuten. Das reichte.

Er erreichte die erste Kreuzung im Schacht. Links führte zum Korridor, rechts zur

Außenwand. Er bog links ab.

Das Gitter am Ende des Schachts war mit zwei Schrauben gesichert. Er hatte die Schrauben

bereits gelockert – drei Tage Arbeit, millimeterweise. Er zog sie heraus, legte sie sorgfältig in

seine Tasche, und schob das Gitter zur Seite.

Der Korridor war leer.

Er ließ sich fallen, landete auf den Zehenspitzen, und wartete. Stille. Das Summen der

Beleuchtung. Das entfernte Stampfen eines Roboters, der sich entfernte.

Er bewegte sich.

Horsts Zelle war die dritte auf der linken Seite. Das Schloss war elektronisch – ein einfaches

System, das für einen normalen Einbruch ausreichte, aber nicht für jemanden, der wusste,

wie solche Systeme funktionierten. Paul wusste es. Er hatte das Kabel aus dem Schacht

mitgebracht und begann, die Verbindungen zu überbrücken.

Drei Minuten. Vier. Die Uhr in seinem Kopf tickte.

Das Schloss öffnete sich.

Horst stand auf der anderen Seite. Er sah Paul an und nickte. Kein Wort. Kein Ausdruck. Nur

das Nicken eines Mannes, der versteht.

Sie gingen weiter.

Jason war in der fünften Zelle. Maria in der siebten. Leon in der zweiten – sie hatten ihn nah

an Liliths Büro untergebracht, was Paul als Bestätigung seiner Theorie wertete: Lilith wollte

Leon in der Nähe haben.

Als Leon aus der Zelle trat, sah er Paul an. „Ich wusste, dass du es schaffst."

„Ich auch", sagte Paul trocken.

Sie bewegten sich schnell durch den Korridor, immer auf die Geräusche achtend. Einmal

hörten sie Schritte – schwere, mechanische Schritte – und drückten sich in eine Nische, bis

der Roboter vorbeiging. Er passierte sie in einem Abstand von zwei Metern. Keiner atmete.

Dann waren sie durch.

Rafael, Esther und Thomas waren in einem anderen Flügel. Horst und Paul gingen allein,

während die anderen warteten. Der Weg war länger – zwei Korridore, eine Treppe, ein

weiteres elektronisches Schloss. Paul arbeitete schnell. Horst stand hinter ihm und

beobachtete.

„Wie lange noch?", flüsterte Horst.

„Dreißig Sekunden."

„Wir haben weniger."

Paul arbeitete schneller.

Das Schloss öffnete sich in zwanzig Sekunden.

Rafael trat als Erster heraus. Er sah Horst an und sagte leise: „Ich hatte schon Schlimmeres."

„Ich weiß", sagte Horst. „Komm."

Sie versammelten sich im Korridor – alle neun, zum ersten Mal seit Tagen wieder

zusammen. Niemand sprach. Niemand musste sprechen. Sie sahen sich an, und das reichte.

Dann bewegten sie sich.

Der Ausgang war durch ein Fenster im Erdgeschoss – ein Fenster, das Paul als einzigen

unbewachten Ausgang identifiziert hatte. Es war klein, aber sie waren alle klein genug, um

hindurchzukommen. Oder fast alle.

Thomas war der Schwierigste. Er war groß und breit, und das Fenster war eng. Er zwängte

sich hindurch, mit Rafaels Hilfe von innen und Horsts Hilfe von außen, und landete auf dem

Boden mit einem Geräusch, das zu laut war.

Sie warteten.

Stille.

Dann bewegten sie sich weiter.

Vertiefung: Die Orientierungslosigkeit

Sie liefen, ohne zu wissen, wohin sie liefen.

Das war das Problem mit der Flucht: Man konnte planen, wie man herauskommt, aber nicht

immer, wohin man danach geht. Paul hatte einen Richtungssinn, der selten versagte – er

wusste, wo Norden war, er wusste ungefähr, wo sie sich befanden. Aber er wusste nicht, wo

der nächste sichere Ort war.

Sie liefen durch Straßen, die sie nicht kannten. Es war Nacht, die Straßen waren leer, aber

das war kein Trost. Leere Straßen bedeuteten keine Zeugen, aber sie bedeuteten auch keine

Deckung.

Horst führte sie in eine Seitengasse. Er sah sich um. Er sah Gebäude, Mülltonnen, eine

Straßenlaterne, die flackerte.