Teil 4 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 6: Staffel 6: Die Roboter
mehr derselbe. Oder er wacht gar nicht auf."
Viktor schwieg.
Er dachte an Nick. An die Jahre, die sie zusammen verbracht hatten. Nick war sein Sohn –
nicht biologisch, aber in allem anderen. Viktor hatte ihn aufgezogen, geformt, geführt. Er
hatte ihm gegeben, was er brauchte, um zu werden, was er geworden war.
Und dann hatte Tobias ihn getötet.
Tobias. Der Cousin von Alex. Der Mann, der auf der Seite der Helden gestanden hatte und
trotzdem gehandelt hatte wie jemand, der nur sich selbst diente. Viktor hatte Tobias nie
verstanden. Er hatte ihn als Bedrohung eingestuft und war damit richtig gelegen.
Aber Tobias war jetzt verschwunden. Und Viktor hatte andere Prioritäten.
„Ich brauche ihn wach", sagte er. „Ich brauche, was er weiß."
„Was weiß er?"
Viktor sah ihn an. „Das geht Sie nichts an."
Der Doktor nickte und wandte sich wieder dem Monitor zu.
Viktor blieb stehen und sah auf Nick. Er dachte an Gregor Weiland – den Mann, der alles
finanziert hatte, den Mann, den Nick nie getroffen hatte, aber von dem Viktor wusste.
Gregor hatte Viktor kontaktiert, nachdem Nick gestorben war. Nicht um zu kondolieren. Um
zu fragen, was Viktor mit den Informationen machen würde.
Informationen. Das war alles, was Gregor interessierte. Informationen und Kontrolle.
Viktor hatte Gregor gesagt, dass er sich darum kümmern würde. Er hatte nicht gesagt, wie.
Er sah auf Nick.
Nick hatte Informationen, die Gregor nicht haben durfte. Informationen über Gregors
eigene Operationen – Dinge, die Nick herausgefunden hatte, ohne dass Gregor es wusste.
Nick hatte sie gesammelt, als Absicherung. Als Druckmittel für den Fall, dass Gregor sich
gegen ihn wandte.
Viktor wollte diese Informationen. Nicht für Gregor. Für sich selbst.
„Wann immer er bereit ist", sagte er schließlich zum Doktor. „Aber beeilen Sie sich."
Er verließ das Labor.
Vertiefung: Leons Notizbuch
Leon schrieb nicht für andere. Er schrieb für sich selbst – um die Dinge festzuhalten, bevor
sie sich veränderten, bevor die Erinnerung sie glättete und vereinfachte.
Er schrieb über Alex.
Er schrieb, wie Alex in der Schule gewesen war – ruhig, immer ruhig, der Typ, der nie laut
wurde, aber den alle hörten, wenn er sprach. Er schrieb über das erste Mal, dass Alex ihm
geholfen hatte – eine Situation, die Leon nicht mehr genau rekonstruieren konnte, aber
deren Gefühl er noch kannte. Das Gefühl, dass jemand da war.
Er schrieb über den Moment im Park. Über die Waffe, die auf ihn gerichtet war. Über Alex,
der sich bewegte.
Er schrieb: Er hat nicht nachgedacht. Oder vielleicht hat er nachgedacht und es trotzdem
getan. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.
Er schrieb: Ich wollte, dass er lebt. Ich wollte, dass ich es bin. Ich weiß, dass das falsch ist.
Ich weiß, dass er es nicht so sehen würde. Aber ich wollte es trotzdem.
Er schrieb: Ich bin siebzehn. Ich sollte nicht wissen, wie sich das anfühlt.
Er hörte auf zu schreiben und sah an die Decke des Bunkers. Die Glühbirne summte leise.
Irgendwo tropfte Wasser.
Er dachte an Kevin. Seinen Stiefbruder, den er kaum kannte. Den er nie hatte kennenlernen
wollen. Kevin hatte die Waffe nicht selbst gehalten – er hatte dem Mann neben sich genickt
– aber das machte es nicht besser. Vielleicht machte es es schlimmer.
Er dachte an Sandra. Seine Mutter. Die Frau, die ihn aufgezogen hatte und die jetzt auf der
anderen Seite stand. Er versuchte, das zu verstehen, und konnte es nicht. Er versuchte,
wütend zu sein, und konnte es auch nicht. Was er fühlte, war etwas Komplizierteres – eine
Mischung aus Trauer und Erschöpfung und dem Wunsch, dass alles anders gewesen wäre.
Er öffnete das Notizbuch wieder.
Er schrieb: Horst hat gesagt, wir werden sie alle zur Verantwortung ziehen. Ich glaube ihm.
Ich weiß nicht, ob das reicht. Aber ich glaube ihm.
Er schrieb: Alex hat gesagt, Mut bedeutet, trotz der Angst weiterzumachen. Ich habe Angst.
Ich mache trotzdem weiter. Vielleicht ist das genug.
Er schloss das Notizbuch.
Draußen war es still. Im Bunker schliefen die anderen. Nur Horst saß noch am Tisch und sah
auf die Karte.
Leon stand auf, ging zu ihm, und setzte sich daneben.
Sie saßen eine Weile schweigend.
„Schläfst du nicht?", fragte Horst.
„Nein."
„Ich auch nicht."
Stille.
„Horst", sagte Leon.
„Ja."
„Danke."
Horst sah ihn an. „Wofür?"
„Dass du da bist." Leon sah auf die Karte. „Dass ihr alle da seid."
Horst legte eine Hand auf Leons Schulter. Er sagte nichts. Er musste nichts sagen.
Sie saßen noch eine Weile, bevor sie schlafen gingen.
Vertiefung: Heinrichs Geschichte
Heinrich Brandt war sechzig Jahre alt und hatte dreißig davon als Polizist verbracht. Er
hatte Verbrechen aufgeklärt, Täter verhaftet, Familien benachrichtigt. Er hatte Dinge
gesehen, die er nicht vergessen konnte, und Dinge getan, die er manchmal bereute.
Er hatte Viktor Lustig zweimal fast erwischt.
Das erste Mal war vor zwanzig Jahren gewesen. Viktor war damals noch nicht der Mann, der
er heute war – er war jünger, weniger vorsichtig, und hatte einen Fehler gemacht. Heinrich
hatte den Fehler gefunden. Er hatte die Beweise zusammengestellt. Er hatte den Haftbefehl
beantragt.
Und dann war der Haftbefehl verschwunden. Nicht abgelehnt. Verschwunden. Als hätte er
nie existiert.
Heinrich hatte verstanden, was das bedeutete. Jemand hatte eingegriffen. Jemand mit
Einfluss, mit Verbindungen, mit der Macht, Dinge verschwinden zu lassen.
Er hatte weitergemacht. Er hatte neue Beweise gesammelt. Er hatte das zweite Mal
versucht.
Das zweite Mal war vor zehn Jahren gewesen. Er war näher drangekommen. Er hatte Viktor
in einem Verhör gehabt – nicht offiziell, aber real. Viktor hatte gelächelt und gesagt: „Sie
wissen, dass das nichts bringt."
Und dann war Viktor gegangen. Nicht weil er fliehen musste. Weil er wusste, dass nichts
passieren würde.
Heinrich hatte danach aufgehört. Nicht weil er aufgeben wollte, sondern weil er verstanden
hatte, dass er allein nichts ausrichten konnte. Er hatte die Polizei verlassen. Er hatte sich
zurückgezogen. Er hatte beobachtet.
Und er hatte gewartet.
Als Esther ihn anrief, hatte er gewusst, dass die Zeit gekommen war.
Er erzählte Horst das alles nicht auf einmal. Er erzählte es in Fragmenten, über mehrere
Gespräche verteilt. Er war kein Mann, der leicht sprach. Aber er war ein Mann, der die
Wahrheit sagte, wenn er sprach.
„Gregor Weiland ist nicht erreichbar", sagte er. „Nicht auf normalem Weg. Aber es gibt einen
Weg."
„Welchen?"
„Viktor." Heinrich sah Horst an. „Viktor hat Informationen über Gregor. Informationen, die
Gregor nicht haben will, dass Viktor sie hat. Das ist Viktors Versicherungspolice. Wenn Viktor
fällt, fällt Gregor auch."
„Wie kommen wir an Viktor?"
„Durch Nick." Heinrich machte eine Pause. „Nick wacht auf. Viktor braucht Nick. Wenn ihr
Nick findet, bevor Viktor ihn sichert, habt ihr ein Druckmittel."
Horst sah ihn an. „Wir sollen Nick finden."
„Ja."
„Den Mann, der uns jahrelang verfolgt hat."
„Ja."
„Und ihn als Druckmittel benutzen."
„Ja." Heinrich sah ihn ruhig an. „Ich habe nicht gesagt, dass es einfach ist."
Horst lehnte sich zurück und sah an die Decke. Dann: „Wo ist Nick?"
„Das weiß ich nicht genau. Aber ich weiß, wo der Doktor ist."
Die Suche nach dem Doktor dauerte vier Tage.
Rafael kannte Wege durch die Stadt, die nicht auf Karten standen – Hintereingänge,
Verbindungsgänge, Bereiche, die offiziell nicht existierten. Er führte die Gruppe durch diese
Wege, immer auf der Hut, immer einen Schritt voraus.
Thomas baute ein Abhörgerät aus Teilen, die er in einem Elektronikgeschäft gekauft hatte.
Es war primitiv, aber es funktionierte. Sie platzierten es in der Nähe eines Gebäudes, das
Heinrich als möglichen Standort des Doktors identifiziert hatte.
Paul hörte zu.
Am vierten Tag hörte er den Doktor. Eine Stimme, die er nicht kannte, aber die präzise und
kalt klang. Eine Stimme, die über Herzfrequenzen und Gehirnaktivität sprach.
„Er kommt", sagte die Stimme. „Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen."
Paul informierte die anderen.
Sie planten den nächsten Schritt.
Vertiefung: Jasons stille Stärke
Jason war nicht der Typ, der viel redete. Das war schon immer so gewesen. Er ließ andere
reden und beobachtete – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er glaubte, dass man
mehr lernte, wenn man zuhörte als wenn man sprach.
Er hatte Alex gut gekannt. Besser als die meisten. Sie hatten oft nebeneinander gesessen,
ohne zu sprechen, und das hatte gereicht. Alex hatte das verstanden. Nicht jeder verstand
das.
Jetzt saß Jason allein in einer Ecke des Bunkers und putzte sein Messer. Es war eine
mechanische Handlung, die er immer dann ausführte, wenn er nicht wusste, was er sonst
tun sollte. Die Bewegung beruhigte ihn. Die Regelmäßigkeit.
Er dachte an den Moment, in dem Alex gestorben war. Er hatte es gesehen. Nicht aus der
Nähe – er war zu weit weg gewesen, um einzugreifen – aber er hatte es gesehen. Die
Bewegung, die zu schnell war, um sie zu stoppen. Das Geräusch.
Er dachte: Ich hätte schneller sein müssen.
Er wusste, dass das nicht fair war. Er wusste, dass niemand schneller hätte sein können.
Aber das Wissen änderte nichts an dem Gefühl.
Er legte das Messer weg und sah an die Wand.
Horst hatte gesagt, sie würden alle zur Verantwortung ziehen. Jason glaubte ihm. Horst war
der Typ, der sagte, was er meinte, und meinte, was er sagte. Das war selten. Das war
wertvoll.
Aber Jason dachte auch an etwas anderes. Er dachte an die Frage, die er sich nie laut
gestellt hatte: Was passiert danach? Wenn sie Gregor Weiland gestoppt hatten, wenn Viktor
verhaftet war, wenn alle Bösen zur Verantwortung gezogen worden waren – was dann?
Er hatte keine Antwort. Er hatte nie eine Antwort auf diese Frage gehabt.
Vielleicht war das auch nicht wichtig. Vielleicht war das Danach etwas, das man sich
verdienen musste, bevor man darüber nachdenken konnte.
Er stand auf, streckte sich, und ging zu Paul.
„Wie kann ich helfen?", fragte er.
Paul sah ihn an. Dann: „Ich brauche jemanden, der das hier überwacht." Er zeigte auf einen
Monitor. „Ich muss schlafen."
„Ich mache das."
Paul nickte dankbar und stand auf. Jason setzte sich an den Monitor und begann zu
beobachten.
Das war sein Beitrag. Nicht laut, nicht dramatisch. Aber verlässlich.
Immer verlässlich.
Vertiefung: Marias Entscheidung
Maria hatte eine Entscheidung getroffen, ohne es jemandem zu sagen.
Sie würde Sandra finden.
Nicht um sie zu konfrontieren. Nicht um ihr etwas anzutun. Sondern weil sie glaubte, dass
Sandra der Schlüssel zu etwas war, das sie noch nicht vollständig verstanden hatte. Sandra
hatte Kevin. Sandra hatte Informationen. Und Sandra – das war Marias Überzeugung – war
nicht vollständig verloren.
Sie hatte Sandras Gesicht gesehen, in dem Moment, als die Schüsse fielen. Nicht Triumph.
Nicht Kälte. Etwas anderes. Etwas, das Maria als Erschrecken interpretiert hatte.
Vielleicht lag sie falsch. Vielleicht war Sandra genau das, was sie zu sein schien: eine Frau,
die sich entschieden hatte, auf der falschen Seite zu stehen.
Aber vielleicht nicht.
Sie sprach mit Horst darüber, am Abend des dritten Tages.
„Du willst sie alleine suchen?", fragte er.
„Nicht alleine. Aber ich will es versuchen."
Horst sah sie lange an. „Warum?"
„Weil ich glaube, dass sie uns helfen könnte. Wenn wir sie richtig ansprechen."
„Sie hat zwanzig Polizisten getötet."
„Ich weiß." Maria sah ihn an. „Ich sage nicht, dass sie unschuldig ist. Ich sage, dass sie
vielleicht noch eine Wahl hat."
Horst schwieg.
„Alex hätte es versucht", sagte Maria leise.
Lange Stille.
„Nicht alleine", sagte Horst schließlich. „Rafael geht mit."
Maria nickte.
Sie begannen zu planen.
Vertiefung: Rafaels Vergangenheit
Rafael Moreno war nicht immer ein Held gewesen.
Er hatte das nie jemandem erzählt, weil niemand gefragt hatte. Und weil es nicht relevant
schien. Was zählte, war, wer man jetzt war, nicht wer man früher gewesen war.
Aber manchmal dachte er daran.
Er war in einer Stadt aufgewachsen, die er nicht nennen wollte. Er hatte in einer Gruppe
gearbeitet, die er nicht beschreiben wollte. Er hatte Dinge getan, die er nicht rückgängig
machen konnte.
Dann hatte er aufgehört.
Nicht weil er erwischt worden war. Nicht weil er bestraft worden war. Sondern weil er eines
Tages aufgewacht war und verstanden hatte, dass das, was er tat, falsch war. Nicht abstrakt
falsch. Konkret falsch. Mit Gesichtern und Namen und Konsequenzen.
Er hatte aufgehört und war gegangen. Er hatte sich ein neues Leben aufgebaut – langsam,
mühsam, ohne Hilfe. Er hatte gelernt, Grenzen zu navigieren, die andere nicht kannten, weil
er selbst einmal auf der anderen Seite dieser Grenzen gestanden hatte.
Als Horst und die anderen in Nordkorea aufgetaucht waren – erschöpft, verletzt, verloren –
hatte Rafael sie erkannt. Nicht persönlich. Sondern als das, was sie waren: Menschen, die
kämpften, obwohl sie hätten aufgeben können.
Er hatte entschieden, zu helfen.
Jetzt, im Bunker, sah er auf die Karte und dachte an die Route, die er plante. Eine Route
durch Deutschland, Österreich, in die Schweiz. Zu Gregor Weiland.
Er kannte Wege. Er kannte Grenzen. Er kannte Menschen, die Fragen stellten, und
Menschen, die keine stellten.
Er würde sie dorthin bringen.
Das war sein Beitrag. Nicht laut, nicht dramatisch.
Aber er würde sie dorthin bringen.
Vertiefung: Esthers Analyse
Esther Brandt – Heinrichs Tochter – hatte ihr Leben damit verbracht, Muster zu erkennen.
Als Kind hatte sie Bücher gelesen und die Strukturen dahinter analysiert. Als Jugendliche
hatte sie Systeme studiert – politische, wirtschaftliche, soziale. Als Erwachsene hatte sie
verstanden, dass die interessantesten Muster die waren, die jemand absichtlich versteckt
hatte.
Gregor Weiland war ein Muster.
Sie hatte Wochen damit verbracht, öffentliche Informationen über ihn zu sammeln.
Pressemitteilungen, Spendenberichte, Fotos von Gala-Abenden. Auf der Oberfläche: ein
freundlicher alter Mann, der Gutes tat.
Darunter: Lücken.
Lücken in der Finanzierung. Lücken in den Berichten. Lücken in der Biografie – Jahre, die
nicht erklärt wurden, Verbindungen, die nicht dokumentiert waren.
Sie hatte diese Lücken kartiert. Sie hatte ein Bild davon, wie Gregor funktionierte. Nicht
vollständig, aber ausreichend.
„Er ist kein Impulsmensch", erklärte sie Paul, als sie die Analyse durchgingen. „Er plant
langfristig. Jahrzehnte, nicht Jahre. Nick war ein Experiment, das zehn Jahre gedauert hat.
Wenn Nick gescheitert ist, hat Gregor bereits das nächste Experiment begonnen."
„Was ist das nächste Experiment?"
„Das weiß ich nicht." Sie sah auf ihre Notizen. „Aber ich glaube, es hat mit Viktor zu tun.
Viktor ist zu loyal, um zufällig loyal zu sein. Jemand hat ihn geformt."
„Gregor?"
„Vielleicht. Oder jemand, der für Gregor arbeitet." Sie machte eine Pause. „Es gibt noch eine
dritte Möglichkeit."
„Welche?"
„Viktor arbeitet für Gregor, aber Gregor weiß es nicht. Viktor hat Gregor benutzt, genauso
wie Gregor Nick benutzt hat."
Paul sah sie an. „Eine Kette von Marionetten."
„Ja. Und jeder denkt, er zieht die Fäden."
Stille.
„Dann wer zieht wirklich die Fäden?", fragte Paul.
Esther sah ihn an. „Das ist die Frage, die ich noch nicht beantworten kann."
Vertiefung: Thomas und die Technik
Thomas war Handwerker. Nicht im metaphorischen Sinne – er war buchstäblich