Teil 1 von 6 · ~14 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 7: Staffel 7: Kein Weg zurück
Band 2 – Staffel 7: „Kein Weg zurück"
Alle Namen in dieser Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein
zufällig.
Teil 7.1 – Der Bunker
Der Bunker von Nick Lustig lag am Stadtrand, unter einer alten Industriehalle, die nach
außen hin wie ein verlassenes Lagergebäude aussah. Horst kannte ihn. Er hatte ihn einmal
besucht – in einer anderen Zeit, unter anderen Umständen, als Nick noch lebte und die Welt
noch eine andere Form hatte.
Jetzt gehörte der Bunker ihnen.
Das war zumindest die Theorie.
Sie hatten drei Tage gebraucht, um dorthin zu gelangen. Drei Tage durch Hintergassen und
Unterführungen, durch Wälder und Felder, immer auf der Hut, immer einen Schritt voraus.
Rafael hatte die Route geplant. Paul hatte die Kommunikation überwacht. Thomas hatte
das Wenige repariert, das noch zu reparieren war.
Sie waren erschöpft. Sie waren verletzt. Aber sie waren da.
„Das ist es", sagte Rafael. Er stand vor der Stahltür, die in den Untergrund führte. Sie sah aus
wie eine gewöhnliche Kellertür, aber Horst wusste, dass sie aus verstärktem Stahl war, mit
einem Schloss, das man nicht mit normalen Mitteln öffnen konnte.
„Hast du den Code?", fragte Horst.
„Ich habe einen Code", sagte Paul. Er trat vor und betrachtete das Schloss. Es war ein
elektronisches System – ähnlich denen, die er in Liliths Gebäude gesehen hatte, aber
komplexer. Er brauchte sieben Minuten. Dann öffnete sich die Tür.
Sie traten ein.
Der Bunker war größer als Horst erwartet hatte. Mehrere Räume, verbunden durch kurze
Korridore. Ein Generator, der noch funktionierte. Vorräte – abgelaufen, aber vorhanden.
Feldbetten. Karten an den Wänden. Ein Funksystem, das Paul sofort als veraltet, aber
funktionsfähig einschätzte.
„Nick hat gut geplant", sagte Jason leise.
„Er hat immer gut geplant", sagte Horst. „Das war sein Problem."
Sie verteilten sich in den Räumen. Maria überprüfte die Vorräte. Thomas inspizierte den
Generator. Esther sah sich die Karten an. Leon setzte sich in eine Ecke und öffnete sein
Notizbuch.
Horst stand in der Mitte des Hauptraums und sah sich um.
Er dachte: Das ist Nicks Welt. Das ist das, was er hinterlassen hat.
Er dachte: Wir benutzen es jetzt gegen ihn.
Dann hörte er das Geräusch.
Es war kein lautes Geräusch. Ein leises Klicken, kaum hörbar, das aus der Wand kam. Dann
ein zweites. Dann ein drittes.
Paul hörte es auch. Er drehte sich um, sah Horst an, und sein Gesicht veränderte sich.
„Raus", sagte er. „Alle raus. Jetzt."
Aber es war zu spät.
Die Wände öffneten sich.
Nicht buchstäblich – die Wände blieben, wo sie waren. Aber aus Öffnungen, die Horst nicht
gesehen hatte, weil sie zu gut versteckt gewesen waren, strömte etwas heraus. Ein Gas,
farblos und geruchlos, das sich sofort im Raum verteilte.
Nick hatte den Bunker gesichert. Nicht mit Robotern, nicht mit Waffen. Mit Chemie.
Horst machte drei Schritte in Richtung Tür. Dann wurden seine Beine schwer. Dann wurden
seine Gedanken schwer. Er sah, wie die anderen ebenfalls strauchtelten – Maria, die gegen
die Wand fiel. Jason, der sich noch aufrecht hielt, aber schwankte. Leon, der das Notizbuch
fallen ließ und die Hände ausstreckte, als würde er nach etwas greifen, das nicht da war.
Thomas schaffte es am weitesten. Er war groß und stark, und sein Körper brauchte länger,
um auf das Gas zu reagieren. Er erreichte die Tür, drückte dagegen, aber die Tür war bereits
wieder verriegelt. Er schlug dagegen, einmal, zweimal. Dann fiel auch er.
Horst sank auf die Knie. Er versuchte, klar zu denken. Er versuchte, einen Plan zu finden.
Es gab keinen Plan.
Das Letzte, was er sah, bevor alles schwarz wurde, war Paul, der auf dem Boden lag und ihn
ansah. Pauls Augen waren noch offen. In ihnen war kein Vorwurf – nur die ruhige
Feststellung eines Mannes, der einen Fehler erkannt hatte, den er nicht verhindern konnte.
Dann war alles schwarz.
Als Horst aufwachte, war er begraben.
Das war das einzige Wort dafür. Er lag auf dem Rücken, und über ihm war Erde. Nicht viel –
vielleicht dreißig Zentimeter – aber genug, um die Bewegung einzuschränken. Er konnte die
Arme kaum heben. Er konnte die Beine kaum bewegen.
Er atmete. Das war das Wichtigste. Er atmete.
Er versuchte, sich zu orientieren. Er war noch im Bunker – er konnte das an den Geräuschen
erkennen, dem Summen des Generators, dem Tropfen von Wasser. Aber er lag auf dem
Boden, und über ihm war Erde.
Nick hatte den Bunker mit einem Mechanismus ausgestattet, der den Boden öffnete. Nicht
tief genug, um zu töten – das wäre zu einfach gewesen. Tief genug, um zu begraben. Um zu
immobilisieren. Um alle Helden gleichzeitig außer Gefecht zu setzen.
Mathematik und Chemie. Das hatte Paul gesagt, bevor er fiel. Ein System, das auf die Anzahl
der Personen im Raum reagierte. Wenn eine bestimmte Anzahl erreicht wurde, aktivierte es
sich.
Nick hatte gewusst, dass sie kommen würden. Er hatte gewusst, dass sie seinen Bunker
benutzen würden. Und er hatte dafür gesorgt, dass sie das nicht ungestraft tun konnten.
Horst begann, sich zu bewegen. Langsam, millimeterweise, arbeitete er sich durch die Erde.
Seine Arme schmerzten. Seine Schultern schmerzten. Alles schmerzten.
Er hörte Geräusche neben sich. Andere, die sich ebenfalls bewegten.
„Alle da?", flüsterte er.
Stöhnen. Ächzen. Dann, einer nach dem anderen:
„Hier."
„Hier."
„Hier."
„Hier."
„Hier."
„Hier."
„Hier."
Acht Stimmen. Alle da.
Horst arbeitete weiter.
Es dauerte zwei Stunden, bis alle aus der Erde heraus waren.
Zwei Stunden, die sich wie zwei Tage anfühlten. Zwei Stunden, in denen jeder Muskel
schmerzte und jeder Atemzug Anstrengung kostete. Zwei Stunden, in denen niemand
sprach, weil Sprechen Energie kostete, die man nicht hatte.
Als sie schließlich alle auf dem Boden saßen – erschöpft, verdreckt, verletzt – war die Stille
anders als sonst. Nicht die Stille der Erschöpfung. Die Stille von Menschen, die gerade sehr
knapp dem Tod entkommen sind und das noch nicht vollständig verarbeitet haben.
Thomas hatte eine Schulterverletzung, die schlimmer aussah als sie war – oder so hoffte
Horst. Maria hatte eine Platzwunde am Kopf, die blutete. Jason humpelte. Paul saß still und
sah auf seine Hände, als würde er sie zum ersten Mal sehen.
Leon hatte das Notizbuch noch. Er hatte es irgendwie festgehalten, auch als er fiel. Er sah
darauf und sagte nichts.
„Wir können hier nicht bleiben", sagte Horst schließlich.
„Ich weiß", sagte Rafael. „Aber wir können auch nicht gehen. Nicht sofort."
„Wie lange braucht ihr?"
„Eine Stunde. Vielleicht zwei."
Horst nickte. Er stand auf – langsam, mit Mühe – und ging zur Karte an der Wand. Nicks
Karte. Nicks Welt.
Er sah auf die Punkte und die Linien und dachte: Was jetzt?
Teil 7.2 – Die Zerstörung
Sie erfuhren es durch das Funksystem.
Paul hatte es repariert – drei Stunden Arbeit, während die anderen sich erholten. Er hatte
Frequenzen abgehört, Signale gefiltert, Fragmente zusammengesetzt. Und dann hatte er
die anderen gerufen.
„Ihr müsst das hören", sagte er.
Was sie hörten, war schlimmer als alles, was sie erwartet hatten.
Die böse Gruppe hatte sich neu formiert. Nicht mit Nick – Nick war noch tot, soweit sie
wussten – aber mit allem, was übrig war: Viktor, Lilith, Sandra, Kevin, Stichzicke,
Erdnusszicke. Und neue Gesichter, die Paul nicht kannte, aber deren Stimmen er auf den
Frequenzen hörte.
Sie hatten einen Plan. Und der Plan war nicht, die Helden zu töten.
Der Plan war, alles zu zerstören, was die Helden liebten.
Horsts TikTok-Kanal war der Erste. Nicht gelöscht – das wäre zu einfach gewesen. Gehackt,
und mit Inhalten gefüllt, die Horst als jemanden darstellten, der er nicht war. Falsche
Videos, falsche Aussagen, falsche Beweise. Der Kanal hatte in wenigen Stunden Millionen
von Aufrufen verloren. Die Kommentare waren eine Flut aus Hass und Enttäuschung.
Dann die Fußballspieler. Horst hatte Verbindungen zu mehreren Spielern – Menschen, die er
kannte, die er respektierte, die ihn respektierten. Diese Verbindungen wurden systematisch
zerstört. Falsche Berichte, gefälschte Nachrichten, Gerüchte, die sich wie Feuer
verbreiteten. Spieler, die sich von ihm distanzierten, weil sie keine andere Wahl hatten.
Manager, die Verträge kündigten. Sponsoren, die sich zurückzogen.
Dann Sandra.
Sandra – Leons Mutter, Horsts Ex-Frau – hatte sich entschieden. Nicht für Maria, die sie
besucht hatte. Nicht für Leon, dem sie gesagt hatte, dass es ihr leid tat. Sie hatte sich für
Kevin entschieden. Für die Seite, auf der sie bereits stand.
Sie gab ein Interview. Kein offizielles Interview – ein Gespräch, das aufgezeichnet und
verbreitet wurde. In dem Gespräch sprach sie über Horst. Über ihre Ehe. Über Dinge, die
wahr waren und Dinge, die nicht wahr waren, so vermischt, dass man sie nicht mehr
voneinander trennen konnte.
Das Interview verbreitete sich in Stunden.
Horst hörte es durch das Funksystem und sagte nichts. Er saß am Tisch und hörte zu, und
sein Gesicht zeigte nichts.
Leon saß neben ihm und hörte ebenfalls zu. Als das Interview endete, stand er auf und
verließ den Raum. Niemand folgte ihm. Niemand wusste, was man sagen sollte.
„Sie hat alles gegeben", sagte Jason schließlich, leise.
„Ja", sagte Horst.
„Was machen wir jetzt?"
Horst sah auf die Karte. Er sah auf die Punkte und die Linien.
„Wir machen weiter", sagte er.
Aber „weitermachen" war leichter gesagt als getan.
Die Zerstörung war umfassend. Nicht nur Horsts Ruf – auch das, was die anderen hatten.
Jason hatte eine kleine Werkstatt gehabt, die er aufgebaut hatte. Sie war jetzt geschlossen,
weil falsche Berichte über seine Vergangenheit verbreitet worden waren. Maria hatte
Verbindungen zu einer Hilfsorganisation, für die sie gearbeitet hatte. Diese Verbindungen
waren gekappt, die Organisation hatte sich distanziert.
Paul hatte nichts Öffentliches zu verlieren – er hatte immer im Hintergrund gearbeitet. Aber
er hatte Kontakte, Menschen, die ihm vertrauten und ihm Informationen gaben. Diese
Kontakte meldeten sich nicht mehr. Entweder aus Angst oder weil sie selbst unter Druck
gesetzt worden waren.
Rafael, Esther und Thomas waren neu genug, dass sie noch nicht öffentlich bekannt waren.
Aber das änderte sich schnell. Fotos von ihnen tauchten auf – aus Überwachungskameras,
aus Handyaufnahmen, aus Quellen, die Horst nicht kannte. Fotos mit falschen
Beschriftungen, falschen Kontexten, falschen Geschichten.
Innerhalb von zwei Tagen waren alle neun Helden in den Medien als Kriminelle dargestellt.
Nicht als Verdächtige – als Kriminelle. Mit „Beweisen", die überzeugend genug aussahen,
um den meisten Menschen keinen Anlass zu geben, sie zu hinterfragen.
Stichzicke und Erdnusszicke hatten gute Arbeit geleistet.
„Wir haben nichts mehr", sagte Maria am dritten Abend. Sie saß am Tisch und sah auf die
Berichte, die Paul ausgedruckt hatte. Ihre Stimme war ruhig – zu ruhig, wie die Ruhe von
jemandem, der die Fassung nur durch Anstrengung hält.
„Wir haben uns", sagte Horst.
„Das reicht nicht mehr."
„Es muss reichen."
Maria sah ihn an. Dann, sehr leise: „Horst. Wir haben keine Ressourcen. Wir haben keine
Verbindungen. Wir haben keine öffentliche Unterstützung. Wir sind acht Menschen in einem
Bunker, der uns fast getötet hätte, und draußen glaubt die halbe Welt, dass wir Verbrecher
sind."
Stille.
„Ich weiß", sagte Horst.
„Was ist der Plan?"
Er sah auf die Karte. Er sah auf Gregors Namen, den Heinrich geschrieben hatte. Er sah auf
die Route, die Rafael geplant hatte.
„Wir brauchen Alex", sagte er.
Alle sahen ihn an.
„Alex liegt im Krankenhaus", sagte Jason. „Er ist im Koma."
„Ich weiß." Horst sah ihn an. „Aber er lebt. Und solange er lebt, gibt es eine Chance."
Teil 7.3 – Alex im Koma
Alex Müller lag in einem Krankenhausbett und träumte.
Er wusste, dass er träumte, weil die Welt um ihn herum zu klar war – zu detailliert, zu still. Er
stand in einem Raum, der kein Raum war, und sah auf Dinge, die keine Dinge waren.
Formen und Farben, die sich bewegten und veränderten.
Er hatte keine Kontrolle darüber.
Das war das Neue. In normalen Träumen hatte er manchmal das Gefühl, dass er die
Richtung beeinflussen konnte. Hier nicht. Hier war er Zuschauer.
Er sah Bilder. Fragmente. Horst, der auf eine Karte sah. Leon, der schrieb. Maria, die am
Eingang eines Bunkers stand. Jason, der ein Messer putzte. Paul, der zuhörte.
Er sah sich selbst. Auf dem Boden des Parks, mit dem Blick nach oben, und der Himmel war
sehr blau.
Er sah Sandra. Er sah Kevin. Er sah Lilith, die ihn ansah mit einem Ausdruck, den er nicht
einordnen konnte.
Und dann sah er etwas anderes.
Zwei Frauen, die er nicht kannte. Sie standen neben seinem Bett – nicht in dem Traum,
sondern in der Realität, die er durch den Traum hindurch sah, wie durch Milchglas. Sie
sprachen leise miteinander. Eine von ihnen hielt etwas in der Hand.
Er versuchte, wach zu werden.
Es war wie gegen eine Wand drücken. Sein Körper reagierte nicht. Seine Augen öffneten
sich nicht. Er war gefangen in dem Raum zwischen Bewusstsein und Schlaf, und er konnte
nicht heraus.
Die Frauen bewegten sich. Eine von ihnen trat näher an sein Bett.
Alex erkannte sie nicht. Aber er erkannte das, was sie tat.
Sie injizierte etwas in den Infusionsschlauch.
Stichzicke und Erdnusszicke arbeiteten schnell.
Sie hatten drei Tage gebraucht, um herauszufinden, in welchem Krankenhaus Alex lag.
Nicht weil es schwer war – Krankenhäuser hatten Systeme, und Systeme hatten Lücken.
Sondern weil sie sorgfältig sein wollten. Keine Fehler. Keine Zeugen.
Sie hatten sich als Pflegepersonal verkleidet. Stichzicke hatte die Uniform besorgt,
Erdnusszicke die Ausweise. Es war nicht das erste Mal, dass sie das getan hatten.
Das Zimmer war einfach zu finden. Dritter Stock, zweites Zimmer links. Alex lag allein –
keine Besucher, keine Wächter. Das Krankenhaus wusste nicht, wer er war. Für sie war er ein
junger Mann mit einer Schusswunde, der ins Koma gefallen war.
Stichzicke trat ans Bett und betrachtete ihn.
Er sah aus wie jemand, der schlief. Blass, ruhig, mit dem gleichmäßigen Auf und Ab der
Brust, das die Maschinen regulierten. Er sah nicht aus wie jemand, der eine Bedrohung war.
Aber er war eine Bedrohung. Solange er lebte, war er eine Verbindung zu den anderen. Eine
Möglichkeit, dass die Gruppe sich wieder vollständig formierte.
Stichzicke nickte Erdnusszicke zu.
Erdnusszicke trat vor und injizierte das Gift in den Infusionsschlauch. Es war kein schnelles
Gift – das wäre zu auffällig gewesen. Es war ein langsames Gift, das die Körperfunktionen
schrittweise untergrub. Es würde aussehen wie eine Komplikation. Wie etwas, das bei
Komapatienten manchmal passierte.
Sie verließen das Zimmer.
In dem Raum zwischen Bewusstsein und Schlaf spürte Alex das Gift.
Er spürte es nicht als Schmerz – nicht sofort. Er spürte es als Veränderung. Eine Schwere,
die größer wurde. Eine Kälte, die sich ausbreitete. Eine Dunkelheit, die nicht die Dunkelheit
des Schlafs war, sondern etwas anderes.
Er versuchte wieder, wach zu werden.
Die Wand war jetzt dicker. Schwerer. Er drückte dagegen und sie gab nicht nach.
Er dachte an Leon. Er dachte an Horst. Er dachte an die Stimmen, die er gehört hatte – nicht
in dem Traum, sondern durch den Traum hindurch. Horsts Stimme, die sagte: Wir brauchen
Alex.
Er dachte: Ich bin hier. Ich höre euch.
Er dachte: Ich komme.
Er drückte gegen die Wand.
Die Träume wurden schlimmer.
Das war das Erste, was die Krankenschwestern bemerkten – nicht das Gift, das noch nicht in
den Systemen sichtbar war, sondern die Veränderung in Alex' Körper. Die Herzfrequenz, die
unregelmäßig wurde. Die Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern, die schneller
und hektischer wurden.
Er träumte. Intensiv, fast gewaltsam.
In dem Traum war er in einem Raum, der brannte. Nicht mit echtem Feuer – mit Licht, das
zu hell war, das schmerzte. Er lief durch diesen Raum und suchte nach einem Ausgang, aber
es gab keinen. Jede Tür führte zu einer anderen Tür, die zu einer anderen Tür führte.
Er sah Gesichter. Stichzicke und Erdnusszicke, die lachten. Viktor, der ihn ansah mit einem
Ausdruck, der keine Emotion zeigte. Nick Lustig, der in einem weißen Raum stand und
wartete.
Er sah Leon, der schrieb und nicht aufhörte zu schreiben, auch als das Licht um ihn herum
brannte.
Er sah Horst, der auf eine Karte sah und nicht aufschaute.
Er rief. Niemand hörte ihn.
Er rief lauter.
Und dann – in dem Traum, in dem Raum zwischen Bewusstsein und Schlaf – hörte jemand
ihn.
Es war nicht Horst. Es war nicht Leon.
Es war er selbst.
Er hörte seine eigene Stimme, die sagte: Du kannst das. Du hast das schon einmal getan. Du
hast dich bewegt, als du nicht dachtest, dass du es kannst.
Er drückte gegen die Wand.
Die Wand gab nach.
Die Krankenschwester, die um drei Uhr morgens die Runde machte, bemerkte die
Veränderung sofort.
Die Herzfrequenz war unregelmäßig – nicht gefährlich, aber auffällig. Die
Augenbewegungen waren intensiv. Und dann – sie sah es deutlich – bewegten sich die
Finger.
Nicht viel. Nur ein leichtes Zucken. Aber es war eine Bewegung.
Sie rief den Arzt.