Teil 2 von 6 · ~13 Minuten Lesezeit
Band 2 – Staffel 7: Staffel 7: Kein Weg zurück
Der Arzt kam, überprüfte die Werte, und sah auf den Patienten. Er sah die Fingerbewegung.
Er sah die Augenbewegungen. Er sah die Herzfrequenz.
„Er kämpft", sagte er.
„Kämpft?"
„Er versucht aufzuwachen." Der Arzt sah auf die Werte. „Das ist gut. Das ist sehr gut."
Er bemerkte nicht, was im Infusionsschlauch war. Das Gift war noch nicht in den Systemen
sichtbar. Es würde Stunden dauern, bis es sichtbar wurde.
Stunden, die Alex nicht hatte.
Teil 7.4 – Alex' Rückkehr
Alex öffnete die Augen um vier Uhr dreißig morgens.
Es war kein dramatisches Erwachen. Kein Aufspringen, kein Schreien. Er öffnete die Augen
langsam, blinzelte gegen das Licht, und sah an die Decke.
Weiße Decke. Fluoreszierendes Licht. Das Summen von Maschinen.
Krankenhaus.
Er versuchte, sich zu erinnern. Der Park. Die Waffe. Leon. Die Bewegung, die er gemacht
hatte.
Er war noch am Leben.
Er versuchte, sich aufzusetzen. Sein Körper reagierte – langsam, mit Schmerz, aber er
reagierte. Er schaffte es, sich auf die Ellbogen zu stützen.
Er sah auf seinen Arm. Den Infusionsschlauch.
Und er erinnerte sich an den Traum. An die zwei Frauen. An das, was sie getan hatten.
Er zog den Infusionsschlauch heraus.
Die Maschine neben ihm begann zu piepen. Laut, alarmierend. Er wusste, dass jemand
kommen würde. Er hatte wenig Zeit.
Er setzte sich auf. Er schwang die Beine über den Rand des Bettes. Er stand auf.
Seine Beine hielten ihn. Kaum, aber sie hielten ihn.
Er sah sich um. Er sah seine Kleidung – nicht seine eigene, sondern ein Krankenhaushemd –
und sah auf den Schrank in der Ecke. Er ging zum Schrank. Er öffnete ihn. Seine Kleidung
war darin, zusammengefaltet.
Er zog sich an. Langsam, mit zitternden Händen, aber er zog sich an.
Die Tür öffnete sich. Eine Krankenschwester trat ein, sah ihn, und blieb stehen.
„Sie dürfen nicht—"
„Ich weiß", sagte Alex. „Es tut mir leid."
Er ging an ihr vorbei.
Der Korridor war lang und hell. Alex ging ihn entlang, eine Hand an der Wand, weil seine
Beine noch nicht ganz sicher waren. Er hörte Schritte hinter sich – die Krankenschwester,
die rief, und dann andere Schritte, schnellere.
Er bog um eine Ecke.
Er sah eine Treppe. Er nahm sie.
Zweiter Stock. Erster Stock. Erdgeschoss.
Er sah den Ausgang.
Und dann sah er sie.
Stichzicke und Erdnusszicke standen am Ausgang des Krankenhauses. Sie hatten die
Uniformen noch an. Sie sahen ihn.
Für einen Moment stand alles still.
Dann bewegten sie sich auf ihn zu.
Alex hatte keine Kraft. Er wusste das. Er hatte kaum die Kraft, zu stehen, geschweige denn
zu kämpfen. Sein Körper war geschwächt von Wochen im Koma, von dem Gift, das noch in
seinem Blut war, von allem, was er durchgemacht hatte.
Aber er hatte etwas anderes.
Er hatte Wut.
Nicht die blinde Wut, die man nicht kontrollieren kann. Die andere Wut – die kalte, präzise
Wut, die einen klarer denken lässt, nicht weniger klar.
Er ließ sie näherkommen.
Stichzicke war die Erste, die ihn erreichte. Sie griff nach seinem Arm. Er ließ sie greifen,
nutzte den Schwung ihrer Bewegung, und warf sie mit seiner letzten Kraft gegen die Wand
neben dem Ausgang. Sie prallte dagegen und fiel.
Erdnusszicke zögerte einen Moment – einen Moment zu lang. Alex griff nach dem
Türrahmen, stabilisierte sich, und trat sie mit dem Fuß weg. Nicht stark – er hatte keine
Stärke mehr. Aber stark genug, um ihr das Gleichgewicht zu nehmen.
Sie fiel.
Alex öffnete die Tür und trat ins Freie.
Die Nachtluft traf ihn wie eine Welle. Kalt, klar, real.
Er stand auf dem Gehsteig vor dem Krankenhaus und atmete.
Dann begann er zu gehen.
Er wusste nicht, wohin er ging. Er wusste nur, dass er gehen musste. Dass er die anderen
finden musste.
Er hatte kein Telefon. Er hatte kein Geld. Er hatte die Kleidung, die er trug, und die letzten
Reste seiner Kraft.
Er dachte: Wo sind sie?
Er dachte an den Bunker. Nicks Bunker. Horst hatte einmal erwähnt, dass sie ihn benutzen
wollten.
Er kannte die Adresse. Er hatte sie sich gemerkt, in einem Gespräch, das Monate zurücklag.
Er begann zu laufen.
Nicht schnell – er konnte nicht schnell laufen. Aber er lief. Durch die Nacht, durch Straßen,
die er kaum kannte, in eine Richtung, die er nur ungefähr kannte.
Er fiel einmal. Er stand wieder auf.
Er fiel ein zweites Mal. Er stand wieder auf.
Er dachte an Leon. Er dachte an Horst. Er dachte an alle, die auf ihn warteten, auch wenn
sie nicht wussten, dass er kam.
Er lief weiter.
Horst hörte das Klopfen um sechs Uhr morgens.
Nicht das Klopfen des Codes – das Klopfen einer Faust gegen Stahl. Schwach, fast unhörbar,
aber da.
Er sah Jason an. Jason sah ihn an.
Sie gingen zur Tür.
Horst öffnete sie.
Alex stand davor.
Er sah aus wie jemand, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt war. Blass, zitternd, mit
Augen, die zu groß für sein Gesicht waren. Er hielt sich am Türrahmen fest.
„Ich habe euch gefunden", sagte er.
Horst sah ihn an. Dann, ohne ein weiteres Wort, trat er vor und hielt ihn.
Alex ließ es zu. Er lehnte sich gegen Horst und schloss die Augen.
Hinter ihnen hörte Horst Schritte – die anderen, die aufgewacht waren, die zur Tür kamen.
Er hörte Marias Atemzug, der stockte. Er hörte Leons Stimme, die nichts sagte, aber da war.
„Du lebst", sagte Horst.
„Ja", sagte Alex. „Ich lebe."
Die nächste Stunde war Chaos und Stille gleichzeitig.
Maria übernahm sofort die medizinische Versorgung – sie hatte keine Ausbildung, aber sie
hatte Erfahrung, und sie hatte die Vorräte, die noch im Bunker waren. Sie überprüfte Alex'
Wunden, seinen Puls, seine Reaktionen. Sie fand das Gift in seinem Blut – nicht durch ein
Labor, sondern durch Beobachtung, durch die Symptome, die sie kannte.
„Er braucht ein Gegenmittel", sagte sie.
„Wir haben keins", sagte Thomas.
„Ich weiß." Sie sah ihn an. „Aber wir können das Gift verlangsamen. Wasser. Ruhe. Zeit."
Alex lag auf einem Feldbett und sah an die Decke. Leon saß neben ihm und sagte nichts. Er
hielt Alex' Hand, was er normalerweise nicht getan hätte – Leon war kein Mensch, der
Hände hielt. Aber jetzt tat er es, und Alex ließ es zu.
„Du hättest nicht kommen sollen", sagte Leon schließlich.
„Ich musste", sagte Alex.
„Du bist fast gestorben."
„Ja."
„Und trotzdem."
„Ja." Alex sah ihn an. „Trotzdem."
Stille.
„Ich habe über dich geschrieben", sagte Leon. „In meinem Notizbuch."
„Was hast du geschrieben?"
Leon zögerte. Dann: „Dass du immer da warst. Auch wenn ich es nicht gesehen habe."
Alex schloss die Augen. „Das ist gut."
„Ich habe auch geschrieben, dass ich Angst hatte, dass du stirbst."
„Ich auch."
„Aber du bist nicht gestorben."
„Nein." Alex öffnete die Augen und sah ihn an. „Noch nicht."
Leon sah ihn an. Dann, sehr leise: „Das ist kein Trost."
„Nein", sagte Alex. „Aber es ist die Wahrheit."
Horst beobachtete die beiden und dachte an das, was Alex ihm gesagt hatte – in einem
anderen Gespräch, in einer anderen Zeit. Pass auf Leon auf. Nicht weil er schwach ist.
Sondern weil er noch nicht weiß, wie stark er ist.
Er sah auf Leon, der neben Alex saß und dessen Hand hielt.
Er dachte: Alex hat auf Leon aufgepasst. Auf seine Art.
Er dachte: Jetzt müssen wir auf Alex aufpassen.
Er trat zu Paul, der am Funksystem saß.
„Was haben wir?", fragte er.
„Wenig." Paul sah ihn an. „Aber Alex hat etwas mitgebracht."
„Was?"
„Informationen." Paul sah auf einen Zettel, den Alex ihm gegeben hatte – einen Zettel, den
Alex in den Stunden zwischen dem Erwachen und dem Verlassen des Krankenhauses
geschrieben hatte, aus dem Gedächtnis, mit zitternden Händen. „Er hat im Koma Dinge
gehört. Stichzicke und Erdnusszicke haben im Zimmer gesprochen. Er hat zugehört."
Horst sah auf den Zettel.
„Das ist der Standort", sagte Paul. „Wo sie sich alle treffen werden."
Horst sah ihn an.
„Alle?"
„Alle."
Teil 7.5 – Keine Kraft, kein Krankenhaus
Sie brauchten medizinische Versorgung. Das war keine Meinung – das war eine Tatsache.
Thomas' Schulter war schlechter geworden. Maria's Kopfwunde hatte sich entzündet.
Jason humpelte noch immer, und der Grund dafür war ein Knochen, der nicht richtig
verheilt war. Paul hatte Kopfschmerzen, die er nicht erwähnte, aber die Horst sah. Alex war
das Offensichtlichste – er brauchte ein Gegenmittel, das sie nicht hatten, und Ruhe, die sie
sich nicht leisten konnten.
Horst hatte eine Liste gemacht. Nicht auf Papier – in seinem Kopf. Wer was brauchte. Was
verfügbar war. Was nicht.
Die Liste war kurz auf der Haben-Seite und lang auf der Brauchen-Seite.
„Wir müssen in ein Krankenhaus", sagte Maria.
„Ich weiß", sagte Horst.
„Dann gehen wir."
„Es ist nicht so einfach."
Maria sah ihn an. „Warum nicht?"
Paul antwortete, weil er die Informationen hatte. „Nick hat die Krankenhäuser zerstört."
Stille.
„Was meinst du damit?", fragte Esther.
„Nicht physisch zerstört. Aber die Systeme. Die Datenbanken." Paul sah auf den Monitor.
„Alle Krankenhäuser in einem Radius von hundert Kilometern haben Haftbefehle gegen uns
in ihren Systemen. Wenn wir uns dort zeigen, werden wir sofort verhaftet."
„Nicht alle Krankenhäuser."
„Alle, die wir erreichen können."
Stille.
Nick Lustig war aufgewacht. Das war die Erklärung. Nick war aufgewacht, und das Erste,
was er getan hatte, war das Netzwerk zu aktivieren, das er vor seinem Tod aufgebaut hatte.
Das Netzwerk, das Stichzicke und Erdnusszicke vier Jahre lang aufgebaut hatten.
Es war aktiviert worden. Nicht in vier Jahren – in Stunden.
Weil Nick Lustig zurück war.
Horst stand auf und ging zur Karte. Er sah auf die Punkte und die Linien. Er sah auf die
Krankenhäuser, die Paul markiert hatte – alle rot. Alle unzugänglich.
Er sah auf den Standort, den Alex ihm gegeben hatte.
„Wir gehen dorthin", sagte er.
„Ohne medizinische Versorgung?", fragte Maria.
„Mit dem, was wir haben."
„Das ist nicht genug."
„Ich weiß." Er sah sie an. „Aber wenn wir warten, bis wir genug haben, werden wir nie genug
haben. Sie werden immer mehr zerstören. Sie werden immer mehr aufbauen. Und wir
werden immer schwächer werden."
Stille.
„Er hat recht", sagte Jason.
„Ich weiß, dass er recht hat", sagte Maria. „Das macht es nicht besser."
„Nein", sagte Horst. „Aber es macht es notwendig."
Sie bereiteten sich vor.
Thomas baute aus den Vorräten im Bunker Verbände und Schienen. Nicht professionell –
aber funktional. Maria behandelte die Wunden, so gut sie konnte. Paul bereitete das
Funksystem vor, das er mitnehmen würde – ein kleines, tragbares Gerät, das er aus Teilen
zusammengebaut hatte.
Alex stand auf.
„Du bleibst hier", sagte Horst.
„Nein."
„Du bist nicht in der Lage—"
„Ich bin in der Lage." Alex sah ihn an. „Ich bin nicht stark. Aber ich bin hier. Und ich gehe
mit."
Horst sah ihn lange an. Dann: „Wenn du fällst, tragen wir dich."
„Das weiß ich."
Sie packten das Wenige, das sie hatten. Sie überprüften die Karte. Sie überprüften den Plan.
Der Plan war einfach, weil er einfach sein musste: Zum Standort gehen. Die Bösen finden.
Enden, was begonnen hatte.
„Wir sind neun", sagte Horst. „Neun Menschen. Gegen wie viele?"
„Mehr", sagte Rafael.
„Ja." Horst sah die anderen an. „Aber wir wissen, was wir tun. Und wir wissen, warum wir es
tun."
Er sah auf Alex.
„Und wir wissen, dass es möglich ist."
Der Weg zum Standort dauerte einen Tag und eine Nacht.
Es war kein einfacher Weg. Rafael führte sie durch Wälder und Felder, durch Gebiete, die
keine Kameras hatten und keine Straßen, auf denen Polizei patrouillierte. Es war langsamer
als der direkte Weg, aber sicherer.
Thomas humpelte. Maria stützte ihn gelegentlich. Alex lief langsam, aber er lief. Leon lief
neben ihm, ohne etwas zu sagen, aber nah genug, um einzugreifen, wenn es nötig war.
Horst lief vorne und dachte.
Er dachte an alles, was passiert war. An Band 1, an die ersten Kämpfe, an die ersten
Verluste. An die Momente, in denen er gedacht hatte, dass es vorbei war, und die Momente,
in denen es doch weiterging.
Er dachte an Nick Lustig, der jetzt wieder lebte.
Er dachte: Das wird die letzte Konfrontation sein. Nicht weil wir es wollen. Sondern weil wir
keine andere Wahl haben.
Er dachte: Wir sind bereit.
Er wusste, dass das nicht ganz stimmte. Aber er dachte es trotzdem.
Teil 7.6 – Die letzte Konfrontation
Der Standort war eine verlassene Fabrik am Stadtrand.
Horst kannte solche Orte. Er hatte in seiner Zeit als TikToker viele verlassene Orte besucht –
für Videos, für Inhalte, für die Ästhetik des Vergessenen. Er hatte immer etwas
Melancholisches darin gesehen. Jetzt sah er nur Gefahr.
Die Fabrik war groß. Mehrere Hallen, verbunden durch überdachte Gänge. Hohe Fenster,
von denen die meisten zerbrochen waren. Ein Schornstein, der nicht mehr rauchte.
Unkraut, das durch den Asphalt wuchs.
Und drinnen: Licht.
Nicht viel – nur das Minimum, das man brauchte, um sich zu sehen. Aber es war da.
Rafael hatte die Fabrik von außen kartiert. Drei Eingänge: Vordertür, Seitentür, ein Fenster
im Erdgeschoss, das groß genug war, um hindurchzuklettern. Er hatte die Bewegungen der
Wachen beobachtet – zwei Männer, die er nicht kannte, die in regelmäßigen Abständen um
das Gebäude gingen.
„Wann?", fragte Horst.
„Jetzt", sagte Rafael. „Wenn wir warten, werden sie uns sehen."
Horst nickte.
Sie teilten sich auf. Horst, Jason und Alex durch die Vordertür. Maria, Thomas und Esther
durch die Seitentür. Rafael, Paul und Leon durch das Fenster.
„Zusammen", sagte Horst. „Wir gehen zusammen. Niemand handelt allein."
Alle nickten.
Sie bewegten sich.
Die Vordertür war nicht verschlossen. Das war das Erste, was Horst bemerkte, und es ließ
ihn innehalten.
Eine nicht verschlossene Tür bedeutete entweder, dass sie keine Wachen brauchten, weil
sie sicher waren. Oder es bedeutete, dass sie wollten, dass jemand hereinkam.
Er trat trotzdem ein.
Die erste Halle war leer. Staub auf dem Boden, alte Maschinen, die niemand mehr benutzte.
Das Licht kam von weiter hinten.
Er hörte Stimmen.
Er bewegte sich in Richtung der Stimmen, Jason und Alex hinter sich. Er hörte, wie die
anderen durch ihre Eingänge kamen – leise Schritte, das Knarren von Holz, das Geräusch
von Metall auf Metall.
Sie versammelten sich in einem Korridor, der zur zweiten Halle führte.
Horst sah durch eine Lücke in der Wand.
Er sah sie alle.
Viktor stand in der Mitte der Halle. Neben ihm Lilith, die Arme verschränkt, mit einem
Ausdruck, der keine Emotion zeigte. Sandra stand am Rand, Kevin neben ihr. Stichzicke und
Erdnusszicke standen zusammen, leise miteinander sprechend. Und dann noch andere –
Männer und Frauen, die Horst nicht kannte, aber die eindeutig zu ihnen gehörten.
Und dann, am Ende der Halle, auf einem Stuhl, der wie ein Thron wirkte, obwohl er keiner
war:
Nick Lustig.
Er war blass. Er sah nicht aus wie jemand, der gerade aus dem Tod zurückgekehrt war – er
sah aus wie jemand, der noch nicht ganz angekommen war. Aber er war da. Er war wach.
Und er sah zur Tür.
Als würde er warten.
Horst trat ein.
„Ich habe euch erwartet", sagte Nick.
Seine Stimme war ruhiger als Horst sie in Erinnerung hatte. Ruhiger und leiser. Die Stimme