Kapitel 11: Die Flucht

„RAUS!", schrie Horst.

Es war kein strategischer Befehl. Es war ein Reflex, der aus Jahren von Kämpfen und Überleben kam — der Reflex, die Menschen um ihn herum in Sicherheit zu bringen, bevor er selbst an sich dachte. Er schrie es, und sein Körper handelte gleichzeitig, er bewegte sich rückwärts, weg von der Masse, weg von Nick.

Ziegelstein handelte zuerst. Mit seiner Superschnelligkeit war er in einer Millisekunde bei Horst, Jason, Paul und Maria — er schleppte sie buchstäblich, einen nach dem anderen, aus der Halle, bevor die schwarze Masse sie erreichen konnte. Es war kein sanftes Tragen; es war ein Reißen, ein Zerren, ein Bewegen von Körpern schneller als diese Körper sich selbst bewegen konnten. Jason verlor dabei einen Schuh. Paul verlor sein Notizbuch. Maria ließ Alex nicht los, bis Ziegelstein ihr sanft, aber bestimmt die Hand öffnete und ihr in die Augen schaute.

„Wir müssen gehen", sagte er leise.

Maria ließ los.

Sawo warf sich zwischen die Gruppe und die schwarze Masse. Er riss eine Metalltür aus den Angeln — einfach so, als wäre sie aus Pappe, mit einer Leichtigkeit, die erschreckend war — und hielt sie wie einen Schild vor sich. Die Masse prallte gegen das Metall und verlangsamte sich, nicht weil das Metall sie aufhielt, sondern weil sie keine Lungen im Metall fand. Sie suchte weiter, tastete an den Rändern der Tür entlang.

Tim griff den Parallelwelt-Alex am Arm und zog ihn in die Unsichtbarkeit. Für einen Moment waren beide nicht da — und die Masse, die auf Wärme und Atemluft reagierte, verlor ihre Spur.

Moritz aktivierte auf seinem Tablet eine Notfallbarriere — ein Energiefeld, das er für genau solche Situationen entwickelt hatte. Es bildete sich um die Gruppe wie eine Blase aus blauem Licht, dünn wie eine Seifenblase, aber stark genug, um die Masse für dreißig Sekunden aufzuhalten. Dreißig Sekunden. Es musste reichen.

Sie rannten.

Durch die Halle, durch den Seitenausgang, über das Gelände, durch die Dunkelheit des Industrieviertels. Ihre Schritte hallten auf dem alten Pflaster. Horst rannte und schaute nicht zurück — er wusste, dass Zurückschauen Zeit kostete, und Zeit war das Einzige, was sie hatten.

Hinter ihnen hörten sie Nick lachen.

„Lauft nur!", rief er. Seine Stimme hallte zwischen den alten Fabrikgebäuden, von Wand zu Wand, als würde sie von überall kommen. „Ihr könnt nicht entkommen. Die Masse folgt euch. Sie ist in der Luft. Sie ist überall."

Aber Moritz schüttelte den Kopf, als sie außer Reichweite waren. Er keuchte — er war kein Läufer, und die Flucht hatte ihn an seine Grenzen gebracht. Er hielt das Tablet noch immer in der Hand, die Knöchel weiß. „Nein", sagte er atemlos. „Die Masse hat eine begrenzte Reichweite. Sie braucht direkten Kontakt mit der Lunge. Wenn wir Abstand halten..."

„Dann sind wir sicher?", fragte Jason.

„Vorübergehend." Moritz schaute auf sein Tablet. „Aber Nick kann sie jederzeit wieder ausatmen. Wir brauchen eine Lösung."

Sie standen in einer engen Gasse zwischen zwei alten Lagerhallen, außer Atem, außer Sicht. Horst schaute die Gruppe an — Jason, Paul, Maria, das Superhelden-Team. Alle da. Alle lebend.

Bis auf einen.

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