Kapitel 12b: Die Nacht im Lagergebäude

Die Nacht war lang.

Nachdem die erste Welle des Schocks verebbte, nachdem die Tränen getrocknet waren und die Stille sich über das Lagergebäude gelegt hatte, saßen sie alle da und warteten auf den Morgen. Nicht weil der Morgen etwas besser machen würde — sondern weil man auf den Morgen wartet, wenn man nicht schlafen kann.

Horst saß noch immer neben Alex. Er hatte sich nicht bewegt. Die anderen hatten sich zurückgezogen — Jason schlief auf dem Boden, die Jacke unter dem Kopf. Paul schrieb in sein Notizbuch, leise, fast lautlos. Maria hatte sich in eine Ecke gesetzt und schaute an die Wand.

Das Superhelden-Team hielt Wache. Tim stand am Eingang, unsichtbar, die Augen auf die Straße gerichtet. Sawo bewachte den Hinterausgang. Ziegelstein patrouillierte in Sekundenbruchteilen um das Gebäude — er war alle dreißig Sekunden wieder da, ein kurzes Nicken, alles ruhig, dann wieder weg.

Moritz arbeitete.

Der Parallelwelt-Alex saß auf dem Boden, die Knie angezogen, das Gerät in der Hand. Er schaute auf Alex. Er schaute lange.

Irgendwann in der Nacht setzte er sich neben Horst.

Sie saßen nebeneinander, ohne zu sprechen. Zwei Menschen, die denselben Verlust auf unterschiedliche Weise trugen — Horst, der einen Freund verloren hatte, und der Parallelwelt-Alex, der sich selbst verloren hatte. Oder eine Version von sich selbst. Die Grenze war schwer zu ziehen.

„Ich kannte ihn nicht", sagte der Parallelwelt-Alex schließlich. „Aber ich kenne ihn. Das ist das Seltsame. Ich kenne seine Handschrift, weil es meine Handschrift ist. Ich kenne seine Art zu denken, weil es meine Art zu denken ist. Ich kenne das Grinsen, das er gemacht hat, weil ich es jeden Morgen im Spiegel sehe."

„Und trotzdem war er jemand anderes", sagte Horst.

„Ja." Der Parallelwelt-Alex schaute auf die Hände des toten Alex. „Er hat Dinge erlebt, die ich nie erlebt habe. Er hat Freunde gehabt, die ich nie hatte. Er hat eine Geschichte gelebt, die ich nie kannte." Er schwieg einen Moment. „Ich frage mich manchmal, welche Version besser ist. Ob er glücklicher war als ich. Ob ich glücklicher bin als er."

„Das ist die falsche Frage", sagte Horst.

„Welche ist die richtige?"

Horst dachte nach. Er schaute auf Alex — auf das Gesicht, das er kannte, auf die Hände, die er kannte, auf den Menschen, der nicht mehr da war.

„Ob man gut gelebt hat", sagte er schließlich. „Nicht ob man glücklicher war als jemand anderes. Ob man gut gelebt hat. Ob man die Dinge getan hat, die man tun wollte. Ob man für die Menschen da war, die einem wichtig waren."

„Hat er das?"

„Ja." Horst nickte langsam. „Er hat das. Bis zum Ende."

Der Parallelwelt-Alex schwieg. Dann: „Und ich? Lebe ich gut?"

Es war eine Frage, die er nicht erwartet hatte, laut zu stellen. Sie kam aus einer Tiefe, die er normalerweise nicht zeigte — die Tiefe, in der man die Fragen aufbewahrte, die man nicht beantworten wollte, weil die Antwort unbequem sein könnte.

Horst schaute ihn an. „Das kannst nur du wissen."

„Ja." Der Parallelwelt-Alex nickte langsam. „Das stimmt."

Sie schwiegen wieder. Die Nacht war still. Irgendwo draußen bewegte sich Tim durch die Dunkelheit, unsichtbar und lautlos. Moritz tippte in seiner Ecke. Das Energiefeld summte leise.

„Er hat mir etwas gegeben", sagte der Parallelwelt-Alex schließlich.

„Was?"

„Eine Frage." Er schaute auf das Gerät in seiner Hand. „Er ist durch ein Portal gereist, um eine andere Welt zu sehen. Er hat das Risiko akzeptiert, weil die Neugier größer war als die Angst. Das ist..." Er suchte nach dem richtigen Wort. „Das ist eine Art zu leben, die ich respektiere. Die ich bewundere."

„Er würde sich freuen, das zu hören."

„Ich weiß." Der Parallelwelt-Alex schaute auf Alex. „Ich werde es ihm nicht sagen können."

„Nein." Horst schaute auch auf Alex. „Aber du kannst es dir selbst sagen. Du kannst so leben. Das ist das Beste, was man für jemanden tun kann, der gegangen ist — so leben, wie er gelebt hat."

Der Parallelwelt-Alex dachte darüber nach. Lange. Die Nacht verging, und er dachte darüber nach.

Als der Morgen kam, als das erste Licht durch die Risse in den alten Wänden des Lagergebäudes fiel, stand er auf.

„Ich werde das Gegenmittel finden", sagte er zu Moritz.

Moritz schaute auf. „Ich bin fast fertig."

„Ich weiß." Der Parallelwelt-Alex schaute auf sein Tablet. „Aber ich kann helfen."

Und er half.

# TEIL 3 – DER PLAN