Kapitel 13: Was Nick will

„Wir müssen verstehen, was er will", sagte Tim.

Er saß am provisorischen Tisch, den Moritz aus zwei Holzkisten und einer alten Tür zusammengebaut hatte. Auf dem Tisch lagen Moritz' Tablet, Pauls Notizbuch und das Gerät, das Alex aus der Hauptwelt mitgebracht hatte — das Portal-Gerät, das er fallen gelassen hatte, als die Masse ihn traf. Es war unversehrt. Horst hatte es aufgehoben, ohne zu wissen warum. Vielleicht weil es das Letzte war, was Alex gehalten hatte.

„Nick Lustig ist nicht hierher gekommen, um einfach Chaos zu stiften", sagte Tim. Er sprach ruhig, sachlich, mit der Präzision eines Mannes, der Probleme analysiert, bevor er handelt. „Er hat ein Ziel. Er hat immer ein Ziel. Chaos ist ein Mittel, kein Zweck."

„In unserer Welt wollte er immer dasselbe", sagte Paul. Er hatte sein Notizbuch aufgeschlagen und schaute auf seine Notizen — er hatte während der gesamten Flucht geschrieben, in kleinen, schnellen Buchstaben. „Macht. Kontrolle. Und Rache an Horst."

„Aber hier ist Horst nicht bekannt", sagte der Parallelwelt-Alex. Er saß am Tisch und schaute auf die holografische Projektion, die Moritz auf dem Tablet aktiviert hatte — eine Karte der Stadt, mit dem Industriegebiet markiert und dem roten Punkt, der Nicks Position anzeigte. „In dieser Welt gibt es keinen Kaiser Horst als TikToker. Die Version von Horst hier ist ein normaler Mensch. Keine Reichweite, keine Bekanntheit, keine Bedeutung für Nick."

„Dann ist es etwas anderes", sagte Moritz. Er tippte auf seinem Tablet. Seine Finger bewegten sich schnell, aber präzise, ohne Fehler. „Ich habe die Proben analysiert, die ich in der Fabrikhalle gesammelt habe — Luftproben, bevor wir geflohen sind. Ich habe sie durch das Analysesystem laufen lassen." Er drehte das Tablet, sodass alle es sehen konnten. Auf dem Bildschirm war eine molekulare Struktur, komplex und fremd — Ketten aus Proteinen, verbunden durch Bindungen, die in der Natur nicht vorkamen. „Die schwarze Masse ist eine biologische Waffe. Modifizierte Proteine, die sich an Lungengewebe binden und es innerhalb von Minuten zerstören. Das wissen wir bereits."

„Aber?", fragte Horst.

„Aber sie hat eine zweite Eigenschaft, die ich zunächst nicht verstanden habe." Moritz tippte weiter. Eine neue Grafik erschien auf dem Bildschirm — ein Netzwerk aus Punkten, verbunden durch Linien, das sich schnell ausbreitete. „Sie ist ansteckend. Wenn jemand infiziert wird und überlebt — was selten vorkommt, weil die Dosis meistens tödlich ist — kann er die Masse weitergeben. Nicht durch Ausatmen wie Nick, sondern durch Kontakt, durch Berührung, durch die Luft in einem geschlossenen Raum. Die Masse reproduziert sich in infizierten Lungen und wird von dort weitergegeben."

„Eine Seuche", sagte Jason.

„Genau." Moritz nickte. Sein Gesicht war ernst. „Nick will keine Macht über eine Person. Er will keine Kontrolle über eine Gruppe. Er will eine Seuche freisetzen, die eine ganze Welt lähmt." Er schaute auf die Karte der Stadt. „In dieser Parallelwelt, wo Technologie und Vernetzung so weit fortgeschritten sind — wo jeder mit jedem verbunden ist, wo Menschen täglich eng zusammenleben, wo die Infrastruktur auf Vertrauen und Offenheit basiert — würde eine solche Seuche in Stunden die gesamte Bevölkerung erreichen. Nicht Tage. Stunden."

Schweigen.

„Er will eine ganze Welt zerstören", sagte Horst.

„Ja." Moritz schluckte. „Und er hat bereits begonnen."

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