Während der Rest des Teams sich vorbereitete, arbeitete Moritz.
Er hatte sich in eine Ecke des Lagergebäudes zurückgezogen, umgeben von Bildschirmen und Geräten, die er aus dem Hauptquartier mitgebracht hatte — ein provisorisches Labor, aufgebaut in dreißig Minuten in einem verlassenen Lagergebäude. Sein Tablet war mit einem Analysesystem verbunden, das Luftproben auswertete. Sensoren, die er an den Wänden befestigt hatte, maßen die Zusammensetzung der Luft im Raum.
Die schwarze Masse war komplex. Moritz hatte das gewusst, als er die erste Analyse gesehen hatte. Aber komplex bedeutete nicht unlösbar. Komplex bedeutete nur, dass man länger schauen musste.
Er schaute.
Die Masse bestand aus modifizierten Proteinen — Ketten aus Aminosäuren, die in der Natur nicht vorkamen. Sie waren synthetisch hergestellt, mit einer Präzision, die Moritz beeindruckte und erschreckte. Nick hatte nicht nur eine Waffe gebaut. Er hatte etwas Neues erschaffen, etwas, das die Biologie selbst als Werkzeug benutzte.
Moritz lud die Daten in sein Analysesystem und ließ es laufen. Das System war schnell — es konnte in Sekunden das analysieren, wofür ein normales Labor Stunden gebraucht hätte. Aber die Masse war so komplex, dass selbst das System Zeit brauchte. Moritz saß dabei und schaute auf die Ergebnisse, die langsam auf dem Bildschirm erschienen, Schicht für Schicht, Ebene für Ebene.
Er trank Kaffee. Er trank zu viel Kaffee — die dritte Tasse in zwei Stunden, und er spürte, wie seine Hände leicht zitterten, nicht aus Erschöpfung, sondern aus Koffein. Er ignorierte es. Das Zittern störte seine Arbeit nicht.
Die erste Stunde brachte die Grundstruktur. Die Masse war ein Protein-Komplex, aufgebaut aus drei verschiedenen Proteinketten, die sich gegenseitig stabilisierten. Jede Kette allein wäre harmlos — aber zusammen bildeten sie eine Struktur, die sich an Lungengewebe band und es innerhalb von Minuten zerstörte. Es war elegant, in einer erschreckenden Art. Jemand hatte sehr viel Zeit und Intelligenz in diese Waffe gesteckt.
Die zweite Stunde brachte die Ausbreitungsmechanismen. Die Masse reproduzierte sich in infizierten Lungen — nicht schnell, aber stetig. Eine infizierte Person produzierte nach etwa zwei Stunden genug Masse, um andere zu infizieren. Das erklärte die Ausbreitung in den Krankenhäusern: Patienten, die eingeliefert wurden, infizierten das Personal, das sie behandelte.
Moritz schickte sofort eine Warnung an die Krankenhäuser. Volle Schutzausrüstung. Keine direkten Kontakte mit Patienten ohne Atemschutz. Isolationsprotokolle. Er wusste nicht, ob sie rechtzeitig ankamen. Er hoffte es.
Zwischendurch schaute er kurz auf die anderen. Horst saß am Tisch und sprach leise mit Jason. Paul schrieb in sein Notizbuch. Maria hatte sich auf einer alten Holzkiste niedergelassen und schaute auf ihr Handy — sie versuchte wahrscheinlich, Nachrichten nach Hause zu schicken, obwohl das Netz in der Parallelwelt anders funktionierte als zu Hause. Der Parallelwelt-Alex stand am Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit.
Moritz dachte kurz daran, wie seltsam das alles war. Zwei Gruppen aus zwei verschiedenen Welten, in einem verlassenen Lagergebäude, während draußen eine biologische Waffe sich durch die Stadt verbreitete. Und er, Moritz, war derjenige, der das Problem lösen musste. Er war immer derjenige, der das Problem lösen musste.
Er mochte das. Er würde es nie laut sagen, aber er mochte es. Das Lösen von Problemen war das, wofür er gemacht war.
Die dritte Stunde brachte die Schwachstelle.
Moritz fand sie fast zufällig — er hatte die Masse verschiedenen Bedingungen ausgesetzt, um ihre Grenzen zu testen, und als er die Temperatur auf 60 Grad Celsius erhöhte, kollabierte die Struktur. Nicht langsam, nicht graduell — sofort. Die drei Proteinketten verloren ihre Bindung zueinander, die Struktur fiel auseinander, die Masse wurde harmlos.
Er starrte auf das Ergebnis.
Dann machte er es noch einmal, um sicherzugehen.
Dann noch einmal.
Jedes Mal dasselbe Ergebnis: Bei 60 Grad Celsius denaturierten die Proteine. Die Waffe war zerstört.
Er stand auf und trat aus seiner Ecke. Die anderen schauten ihn an — sie hatten ihn beobachtet, still und wartend, während er arbeitete. Maria hatte ihm eine zweite Thermoskanne Kaffee hingestellt, ohne ein Wort zu sagen. Er hatte sie nicht bemerkt.
„Die Masse ist hitzeempfindlich", sagte er. Seine Stimme war ruhig, aber er konnte die Erleichterung nicht vollständig verbergen. „Bei einer Temperatur von über 60 Grad Celsius denaturieren die Proteine. Sie verlieren ihre Struktur, ihre Bindungsfähigkeit, ihre Funktion. Sie werden harmlos."
„60 Grad", sagte Paul. „Das ist heiß."
„Für einen Menschen zu heiß", stimmte Moritz zu. „Aber nicht für ein Gerät." Er hielt ein kleines Gerät hoch — ein modifizierter Hitzestrahler, den er aus Komponenten im Lagergebäude zusammengebaut hatte. Es war kleiner als eine Pistole, mit einem breiten Emitter an der Vorderseite. „Wenn wir Nick damit treffen — wenn wir die Hitze direkt auf seinen Körper richten, dort, wo die Masse produziert wird — zerstören wir die Proteine in seinem Körper."
„Und Nick selbst?", fragte Maria.
„Bei dieser Temperatur und Intensität..." Moritz zögerte. „Er würde es überleben. Die Hitze ist fokussiert und kurz — genug, um die Proteine zu denaturieren, aber nicht genug, um dauerhaften Schaden anzurichten. Aber er würde die Fähigkeit verlieren, die Masse zu produzieren. Dauerhaft. Die Proteinstrukturen, die er dafür braucht, würden zerstört."
„Das ist unser Ziel", sagte Horst.
„Ja." Moritz schaute auf das Gerät. „Aber ich muss ihn treffen. Direkt. Kein Abstand, keine Ablenkung. Ich muss zielen und treffen."
„Das schaffen wir", sagte Ziegelstein.
Moritz schaute ihn an. Er war nicht jemand, der leicht Vertrauen schenkte — er vertraute Daten, Analysen, Beweisen. Aber Ziegelstein hatte in den letzten Stunden bewiesen, dass er sein Wort hielt. Dass er da war, wenn man ihn brauchte.
„Ja", sagte Moritz. „Das schaffen wir."
Er baute das Gerät fertig. Es dauerte noch eine halbe Stunde — er musste die Energieversorgung stabilisieren, den Emitter kalibrieren, die Reichweite testen. Er testete es an einem Metallbehälter, der in einer Ecke stand. Das Metall erwärmte sich auf 65 Grad in zwei Sekunden. Genug.
Er baute auch ein Backup-Gerät. Kleiner, weniger leistungsfähig, aber funktional. Man wusste nie.