Kapitel 36: Die Parallelwelt danach

In der Parallelwelt arbeitete das Superhelden-Team weiter.

Die Tage nach Nicks Verhaftung waren seltsam ruhig. Die Stadt erholte sich langsam — die Krankenhäuser entließen die ersten Patienten, die Lüftungssysteme wurden gereinigt, das Aerosol hatte seine Arbeit getan. Die Menschen wussten nicht, was passiert war. Die Behörden hatten die Information zurückgehalten — nicht aus Täuschung, sondern aus dem Verständnis, dass Panik mehr Schaden anrichten konnte als die Wahrheit. Später würden sie es erfahren. Wenn die Gefahr vorbei war.

Tim beobachtete die Stadt aus der Unsichtbarkeit, ein Geist, der durch die Straßen glitt und aufpasste, dass niemand fiel, ohne dass jemand da war, um zu helfen. Er beobachtete die Menschen — wie sie zur Arbeit gingen, wie sie in Cafés saßen, wie sie lachten und stritten und lebten. Normale Menschen, die nicht wussten, wie nah sie dem Ende gewesen waren.

Tim mochte das. Er mochte die Normalität. Er mochte die kleinen Momente, die kleinen Gesten, die kleinen Beweise dafür, dass das Leben weiterging. Das war der Punkt seiner Arbeit — nicht die großen Kämpfe, nicht die dramatischen Konfrontationen. Die Normalität. Das Gewöhnliche. Das, was man schützte, damit es weiter gewöhnlich sein konnte.

Er dachte an Paul. An das Gespräch, das sie geführt hatten — über Beobachtung, über Geduld, über den besten Kampf, der nie stattfindet. Paul hatte das verstanden, auf eine Art, die Tim selten bei Menschen fand. Die meisten Menschen wollten kämpfen. Paul wollte verstehen.

Tim würde ihn vermissen. Das war eine unerwartete Erkenntnis — er hatte Paul weniger als einen Tag gekannt. Aber manchmal reichte das.

Moritz entwickelte neue Technologien.

Das Aerosol war erst der Anfang. Er hatte drei neue Ideen, die er ausprobieren wollte — Ideen, die aus der Analyse der schwarzen Masse entstanden waren, aus dem Verständnis, wie biologische Waffen funktionierten und wie man sie bekämpfte. Er wollte ein Frühwarnsystem entwickeln — ein Netzwerk von Sensoren, das biologische Waffen in der Luft erkennen konnte, bevor sie sich verbreiteten. Er wollte ein universelles Gegenmittel entwickeln — eine Substanz, die gegen eine breite Palette von biologischen Bedrohungen wirkte. Er wollte die Lüftungssysteme der Stadt mit Filtern ausrüsten, die Bedrohungen automatisch neutralisierten.

Er hatte viel zu tun. Das war gut. Moritz arbeitete am besten, wenn er viel zu tun hatte.

Er dachte manchmal an die Gruppe aus der Hauptwelt — an Horst, der ohne Superkräfte eine Welt zusammenhielt. An Jason, der immer da war. An Paul, der alles aufschrieb. An Maria, die Sandwiches mitgebracht hatte.

Er dachte besonders an Maria. Nicht romantisch — er war nicht jemand, der romantisch dachte. Sondern mit einer Art Bewunderung, die er selten für Menschen empfand. Sie hatte neben ihm gesessen, die ganze Nacht, ohne zu schlafen, ohne zu klagen, ohne ihn zu drängen. Sie hatte Kaffee gebracht und geschwiegen und ihn arbeiten lassen. Das war eine Fähigkeit, die seltener war als Superkräfte.

Sawo schützte die Schwachen.

Er patrouillierte durch die Stadt, nicht in einem Kostüm, nicht mit einem Symbol auf der Brust — einfach als er selbst, ein junger Mann mit einem roten Norweger-Pullover, der durch die Straßen ging und aufpasste. Er half einer alten Frau, ihre Einkäufe zu tragen. Er hielt einen Dieb auf, der eine Handtasche gestohlen hatte. Er stand zwischen einem Streit und dem Moment, in dem der Streit zu etwas Schlimmerem wurde.

Kleine Dinge. Wichtige Dinge.

Er dachte an Jason. An das Gespräch, das sie geführt hatten — über Stärke, über Superkräfte, über den Unterschied zwischen dem, was man konnte, und dem, was man tat. Jason hatte gesagt: *Horst macht andere stärker. Wenn er da ist, kämpfe ich besser.* Sawo verstand das. Er hatte es immer verstanden, aber er hatte es nie so klar ausgedrückt gehört.

Er würde versuchen, dasselbe zu sein. Nicht jemand, der stark war. Jemand, der andere stärker machte.

Ziegelstein war überall gleichzeitig.

Er war immer zu früh, immer bereit, immer an der richtigen Stelle. Er rettete einen Mann, der von einem schwebenden Fahrzeug getroffen worden wäre. Er fing ein Kind auf, das von einem Spielplatz gefallen war. Er war in zehn Stadtteilen gleichzeitig, in tausend kleinen Momenten, die niemand bemerkte, weil er immer da war, bevor etwas passierte.

Er dachte an Maria. An das Gespräch über Einsamkeit und Geschwindigkeit. *Wir sind füreinander schnell. Wenn jemand fällt, sind wir da.* Er hatte das noch nie so gehört. Er hatte immer gedacht, dass seine Geschwindigkeit ihn von anderen trennte — dass er in einem anderen Tempo lebte, einem anderen Rhythmus. Aber Maria hatte gesagt, dass das dasselbe war wie das, was sie taten. Nur ohne Superkräfte.

Das hatte ihn verändert. Nicht dramatisch, nicht sofort. Aber langsam, in den Tagen danach, merkte er, dass er die Welt anders sah. Nicht als jemand, der schneller war als alle anderen. Als jemand, der für alle anderen da war.

Und der Parallelwelt-Alex saß manchmal in der Nacht vor dem Grab des anderen Alex und dachte nach.

Er dachte an Horsts Worte: *Weil wir füreinander da waren. Immer. Egal wie schlimm es wurde.*

Er dachte an die Gruppe, die aus einer anderen Welt gekommen war — ohne Superkräfte, ohne Technologie, ohne besondere Fähigkeiten. Und die trotzdem überlebt hatte. Nicht trotz ihrer Schwächen, sondern wegen ihrer Stärken. Wegen der Dinge, die man nicht messen konnte: Vertrauen, Zusammenhalt, die Bereitschaft, füreinander da zu sein.

Er dachte an den anderen Alex, der gestorben war, weil er zu nah an Nick herangetreten war. Nicht aus Unvorsichtigkeit — aus Mut. Aus dem Reflex, das Problem zu lösen, der in ihm war, weil er jahrelang für seine Freunde gekämpft hatte. Der Reflex, der ihn zu dem gemacht hatte, was er war.

Der Parallelwelt-Alex legte eine Hand auf den Grabstein.

„Ich werde es nicht vergessen", sagte er leise. „Ich verspreche es."

Die Blätter des alten Baums raschelten im Wind. Irgendwo in der Stadt summte das Netz der Technologie, das die Welt verband. Das Leben ging weiter.