Später an diesem Tag besuchte Horst Alex in seiner Wohnung.
Alex saß vor seinen Monitoren, wie immer. Drei Monitore, Kabelgewirr, Energydrink-Dosen auf dem Fensterbrett. Das Arbeitszimmer, das wie immer aussah — wie ein Chaos, das nur Alex verstand. Auf dem Boden lagen Ausdrucke und Schaltpläne und handgeschriebene Notizen auf karierten Zetteln, die überall verstreut waren. Auf dem Schreibtisch stand eine halbvolle Kaffeetasse, die längst kalt geworden war.
Alex schaute auf, als Horst hereinkam. „Hey. Was ist los?"
Horst schaute ihn an. Dieselben Gesichtszüge. Dieselben Augen. Derselbe Mensch — aber nicht derselbe. Dieser Alex hatte die Parallelwelt nie gesehen. Er wusste nicht, dass eine Version von ihm gestorben war, um andere zu retten. Er wusste nicht, dass er in einer anderen Welt unter einem alten Baum begraben lag.
Er saß vor seinen Monitoren und tippte und war lebendig.
Horst musste einen Moment innehalten. Er musste die Emotion, die in ihm aufstieg, zurückdrängen — nicht weil sie falsch war, sondern weil sie Alex erschreckt hätte. Alex kannte die Geschichte nicht. Er wusste nicht, warum Horst ihn so anschaute. Er wusste nicht, was dieser Blick bedeutete.
„Nichts", sagte Horst. „Ich wollte nur vorbeikommen."
Alex runzelte die Stirn. „Du kommst nie einfach so vorbei."
„Heute schon." Horst setzte sich auf den alten Stuhl in der Ecke — den Stuhl, den Alex für Besucher aufgestellt hatte, obwohl er selten Besucher hatte. „Wie geht es dir?"
„Gut." Alex schaute ihn an. Sein Blick war aufmerksam, neugierig. „Horst, was ist passiert?"
„Nichts, das du wissen musst." Horst lehnte sich zurück. „Ich wollte nur... sichergehen, dass du da bist."
Alex schwieg einen Moment. Er schaute Horst an, dann auf seine Monitore, dann wieder auf Horst. „Ich bin da."
„Gut." Horst nickte. „Das ist gut."
Sie saßen eine Weile zusammen. Alex tippte, Horst schaute zu. Normale Geräusche, normale Welt. Das Leben, das weiterging.
Irgendwann sagte Alex: „Du weißt, dass ich mir Sorgen mache, wenn du so bist."
„Wie bin ich?"
„Ruhig. Nachdenklich. Als würdest du etwas verarbeiten, das du mir nicht erzählen kannst."
Horst schaute ihn an. Alex war immer zu aufmerksam gewesen. Das war eine seiner Qualitäten — er bemerkte Dinge, die andere nicht bemerkten. Er las Menschen wie Schaltpläne: präzise, systematisch, ohne Fehler.
„Du hast recht", sagte Horst. „Ich verarbeite etwas."
„Willst du darüber reden?"
„Nein."
„Okay." Alex nickte. Er fragte nicht weiter. Das war auch eine seiner Qualitäten — er wusste, wann er aufhören musste zu fragen.
Sie schwiegen wieder. Alex tippte. Horst schaute zu.
„Alex", sagte Horst schließlich.
„Ja?"
„Ich bin froh, dass du da bist."
Alex schaute auf. Er schaute Horst an — lange, aufmerksam, mit dem Blick eines Menschen, der versucht zu verstehen, was hinter den Worten steckt. Dann lächelte er. Das Grinsen, das Horst kannte. Das Grinsen, das sagte: *Ich weiß, was du meinst, und ich meine es auch.*
„Ich bin auch froh, dass ich da bin", sagte Alex. „Und ich bin froh, dass du da bist."
Horst nickte. Das war genug.
Er blieb noch eine Stunde. Sie sprachen über nichts Wichtiges — über TikTok, über ein Projekt, das Alex gerade entwickelte, über einen Film, den Horst gesehen hatte. Normale Gespräche, normale Welt.
Als Horst ging, schaute er noch einmal zurück. Alex saß vor seinen Monitoren, das Grinsen noch auf dem Gesicht, die Hände auf der Tastatur. Lebendig, neugierig, bereit für das nächste Problem.
Horst schloss die Tür hinter sich.