Kapitel 6: Das Superhelden-Team

Der Parallelwelt-Alex führte sie durch drei Straßen und dann in ein Gebäude, das von außen wie ein gewöhnliches Wohnhaus aussah — vierstöckig, Backstein, mit einem kleinen Vorgarten, in dem ein Fahrrad stand. Nichts Besonderes. Nichts, das auffiel.

Innen war es anders.

Die Eingangstür öffnete sich auf einen Korridor, der in ein Treppenhaus führte — aber das Treppenhaus führte nach unten, nicht nach oben. Unter dem Gebäude lag ein Raum, der größer war als das Haus darüber: hohe Decken, Wände bedeckt mit Bildschirmen, in der Mitte ein runder Tisch mit einer holografischen Projektion, die eine Karte der Stadt zeigte. An den Wänden hingen Ausrüstungsgegenstände in Halterungen — Anzüge, Geräte, Werkzeuge, deren Funktion Horst nicht erraten konnte.

Vier junge Männer warteten dort.

„Das sind meine Freunde", sagte der Parallelwelt-Alex. „Tim, Moritz, Sawo und Ziegelstein."

Tim war der ruhigste von ihnen — ein Junge mit grünem Streifenshirt, der sie mit nachdenklichem Blick musterte. Er lehnte an der Wand, die Arme locker an den Seiten, und sagte zunächst nichts. Sein Blick war ruhig, aber nicht passiv — er beobachtete alles, und Horst hatte das Gefühl, dass Tim in den ersten dreißig Sekunden bereits mehr über sie herausgefunden hatte als die meisten Menschen in einer Stunde.

Moritz war der mit dem Tablet. Er trug ein blaues Shirt und ein Ausweis-Band um den Hals — das Band hatte mehrere Karten und Chips daran befestigt, die er offenbar ständig brauchte. Als die Gruppe hereinkam, schaute er auf, tippte noch schnell etwas auf dem Tablet, und stand dann auf. Sein Gesicht war offen und neugierig, die Augen hinter einer schmalen Brille wach und schnell. Er hatte die Energie eines Menschen, der immer gerade dabei ist, etwas herauszufinden.

Sawo war der größte. Er stand mit verschränkten Armen in der Mitte des Raumes und schaute die Gruppe mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis an. Sein roter Norweger-Pullover spannte leicht über den Schultern — nicht weil er zu klein war, sondern weil die Schultern zu breit waren. Er wirkte wie jemand, der es gewohnt war, der Stärkste im Raum zu sein, und der das weder betonte noch versteckte.

Ziegelstein lehnte lässig an der Wand auf der anderen Seite des Raumes, ein rotes Shirt, ein Hut, eine Kreuz-Kette. Er wirkte entspannt, fast gelangweilt — aber seine Augen bewegten sich schnell, erfassten alles gleichzeitig, als würde er mehrere Szenarien gleichzeitig durchrechnen.

„Ihr seid Superhelden?", fragte Jason.

„In dieser Welt nennt man uns so", sagte der Parallelwelt-Alex. Er setzte sich an den runden Tisch und bedeutete den anderen, dasselbe zu tun. „Wir haben Fähigkeiten, die andere nicht haben. Wir nutzen sie, um zu helfen."

„Was für Fähigkeiten?", fragte Maria.

Tim antwortete, ohne ein Wort zu sagen. Er stand an der Wand — und dann war er nicht mehr da. Einfach weg. Kein Geräusch, keine Bewegung, keine Spur. Der Raum war leer, wo er gestanden hatte. Horst blinzelte. Jason trat einen Schritt zurück.

Dann war Tim wieder da, an derselben Stelle, als wäre nichts gewesen. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und schaute sie mit dem ruhigen Blick eines Menschen an, der das schon tausendmal gemacht hatte.

„Unsichtbarkeit", sagte er. „Ich kann mich und andere unsichtbar machen. Nicht nur optisch — auch für Sensoren, Kameras, Wärmesignaturen. Wenn ich jemanden unsichtbar mache, verschwindet er vollständig aus allen Systemen."

Moritz hob eine Hand. Das Tablet auf dem Tisch, das er abgelegt hatte, hob sich in die Luft — langsam, kontrolliert, ohne zu zittern. Es schwebte zu ihm und landete sanft in seiner ausgestreckten Hand, als wäre es immer dorthin gewollt.

„Telekinese", sagte er. „Und Superintelligenz — ich kann Probleme lösen, die andere nicht einmal formulieren können. Ich sehe Muster in Daten, die für andere wie Rauschen aussehen. Ich habe Moritz' Energiefeld in drei Stunden entwickelt. Normalerweise dauert so etwas Jahre."

Sawo trat einen Schritt vor. Er schaute sich kurz um, dann schlug er mit der Faust auf den massiven Metalltisch in der Mitte des Raumes. Es war kein harter Schlag — er schien kaum Kraft einzusetzen. Aber das Metall verbog sich wie Ton, eine tiefe Delle, die sofort sichtbar war. Sawos Hand blieb vollkommen unversehrt. Er betrachtete die Delle mit dem Ausdruck eines Mannes, der das schon erwartet hatte.

„Superstärke", sagte er. „Und ich kann nicht verletzt werden. Schüsse, Messer, Explosionen — nichts davon schadet mir. Ich habe es versucht. Alles."

Ziegelstein war plötzlich auf der anderen Seite des Raumes. Niemand hatte ihn laufen sehen. Er stand jetzt neben der Tür, zwanzig Meter entfernt, und lehnte wieder lässig an der Wand.

„Superschnelligkeit", sagte er von dort. „Ich sehe alles in Zeitlupe. Für mich ist die Welt meistens sehr, sehr langsam. Ihr habt gerade alle gleichzeitig geblinzelt — das hat für mich gefühlt dreißig Sekunden gedauert."

Und dann hob der Parallelwelt-Alex beide Hände.

Die holografische Projektion auf dem Tisch fror ein. Die Karte der Stadt, die sich langsam gedreht hatte, stand still. Die Lüftungsgeräusche im Raum wurden leiser, als wäre die Luft selbst angehalten worden. Für drei Sekunden schien die Zeit selbst aufgehört zu haben — nicht vollständig, nicht wie ein Einfrieren, sondern wie ein tiefes Verlangsamen, als würde die Welt in Zeitlupe laufen.

Dann ließ der Parallelwelt-Alex die Hände sinken, und alles lief wieder normal.

„Telekinese und Zeitmanipulation", sagte er. „Ich kann Zeit kurz verlangsamen oder beschleunigen. Nicht lange — dreißig Sekunden ist mein Maximum, und danach bin ich erschöpft. Aber dreißig Sekunden können sehr viel sein."

Horst schaute seine Freunde an. Jason pfiff leise durch die Zähne. Paul schrieb in sein Notizbuch, ohne aufzuschauen. Maria hatte die Hände auf dem Tisch gefaltet und schaute das Team mit einem Ausdruck an, der zwischen Staunen und tiefem Respekt lag.

„Beeindruckend", sagte Horst. „In unserer Welt haben wir keine Superkräfte."

„Wie habt ihr dann überlebt?", fragte Sawo. Es war keine herablassende Frage — er klang ehrlich neugierig, mit dem Tonfall eines Mannes, der wirklich verstehen will.

„Zusammenhalt", sagte Horst einfach. „Und ein bisschen Glück."

Sawo nickte langsam, als wäre das eine Antwort, die er respektierte. Vielleicht sogar mehr als eine Antwort über Superkräfte.

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