Kapitel 5: Die Begegnung

Die Antwort auf Horsts Frage kam schneller als erwartet.

Sie hatten die Straße kaum hundert Meter entlanggelaufen — vorsichtig, die Umgebung beobachtend, versuchend, nicht wie Touristen aus einer anderen Dimension auszusehen — als ein junger Mann mit türkisem Pullover und Brille um die Ecke bog.

Er blieb abrupt stehen.

Er schaute sie an. Besonders Alex schaute er an. Sein Blick blieb auf Alex hängen wie ein Magnet auf Metall — sofort, unweigerlich, als würde etwas in ihm eine Verbindung erkennen, die er nicht erklären konnte.

Alex schaute zurück.

Es war wie in einen Spiegel zu schauen, aber in einen Spiegel, der ein leicht anderes Bild zurückwarf. Der Junge vor ihnen hatte die gleichen Gesichtszüge wie Alex — dieselbe Nasenform, dieselbe Kieferlinie, dieselbe Art, den Kopf leicht zu neigen, wenn er etwas analysierte. Aber seine Augen hatten etwas, das Alex' Augen nicht hatten: eine Intensität, eine Wachheit, die über das Normale hinausging. Als würden sie nicht nur sehen, sondern scannen. Als würden sie in einem einzigen Blick mehr erfassen als andere in einer Stunde.

Und dann war da noch etwas anderes. Eine Stille um ihn herum, die nicht wie Schüchternheit wirkte, sondern wie Konzentration. Wie jemand, der immer auf alles vorbereitet ist.

„Du bist ich", sagte Alex aus der Hauptwelt.

„Du bist ich", sagte der Junge mit dem türkisen Pullover gleichzeitig.

Eine Sekunde Stille. Beide schauten sich an. Beide verarbeiteten.

Dann sagte der Parallelwelt-Alex: „Ihr kommt aus einer anderen Welt."

„Ja", sagte Horst.

„Durch ein Portal."

„Ja."

Der Parallelwelt-Alex nickte langsam, als wäre das keine Überraschung, sondern eine Bestätigung von etwas, das er bereits vermutet hatte. „Ich habe die Energiesignatur gespürt", sagte er. „Vor etwa zwanzig Minuten. Eine Frequenz, die nicht aus dieser Welt stammt. Ich wusste, dass jemand kommt." Er schaute sie alle der Reihe nach an — Horst, Jason, Paul, Maria, Alex. Sein Blick blieb bei jedem kurz hängen, als würde er sie einordnen, kategorisieren, verstehen.

„Ihr seid die Versionen von uns aus einer anderen Welt", sagte er schließlich. „Das ist faszinierend." Er streckte die Hand aus. „Ich bin Alex. Aber das wisst ihr wahrscheinlich schon."

Horst schüttelte die Hand. „Ich bin Horst. Kaiser Horst, wenn du so willst."

„Kaiser Horst." Der Parallelwelt-Alex lächelte leicht. „In dieser Welt gibt es keinen Kaiser Horst als TikToker. Aber ich habe von dem Konzept gehört — in alten Archiven, Parallelwelt-Berichte. Ihr seid berühmter, als ihr denkt." Er ließ Horsts Hand los. „Kommt mit. Mein Team muss das wissen."

Er führte sie durch drei Straßen, schnell und sicher, ohne zu zögern. Er kannte die Stadt wie seine eigene Tasche — was natürlich war, weil es seine eigene Stadt war. Horst beobachtete ihn beim Gehen: die Art, wie er sich bewegte, die Art, wie er die Umgebung im Blick behielt, die Art, wie er gelegentlich kurz stehenblieb und lauschte, bevor er weiterlief. Professionell. Trainiert.

„Du hast Superkräfte", sagte Horst.

„Ja." Der Parallelwelt-Alex schaute kurz zurück. „Wir alle haben sie. Mein Team."

„Was kannst du?"

„Ich sehe Dinge, die andere nicht sehen. Energiefelder, Frequenzen, Verbindungen zwischen Objekten und Personen. Ich kann Informationen aus der Umgebung lesen, die für normale Menschen unsichtbar sind." Er machte eine kurze Pause. „Und ich kann Portale öffnen."

Alex aus der Hauptwelt schaute auf sein Gerät. „Du kannst Portale öffnen?"

„Ja." Der Parallelwelt-Alex schaute auf das Gerät. „Interessant. Du hast das mit Technologie gemacht. Ich mache es mit..." Er suchte nach dem richtigen Wort. „Mit mir selbst. Mit dem, was ich bin."

„Das ist effizienter", sagte Alex.

„Ja." Der Parallelwelt-Alex lächelte. „Aber deine Methode ist eleganter."