Das Zittern hörte nicht auf.
Es wurde stärker — nicht wie ein Erdbeben, das von unten kam, sondern wie eine Vibration in der Luft selbst. Als würde die Realität eine Frequenz aussenden, die das Ohr nicht hören, aber der Körper spüren konnte. Horst fühlte es in den Zähnen, in den Knochen, in der Brust. Es war kein angenehmes Gefühl. Es war das Gefühl von etwas, das nicht sein sollte.
Die Bildschirme an den Wänden flackerten weiter. Einige zeigten Fehlermeldungen, rote Warnungen, Zahlen, die sich zu schnell veränderten, um sie zu lesen. Die holografische Projektion auf dem Tisch verzerrte sich, die Karte der Stadt wurde zu einem Rauschen aus Licht und Farbe, und dann stabilisierte sie sich wieder — aber mit einem neuen roten Punkt, der pulsierte wie ein Herzschlag.
Moritz war bereits auf den Beinen und tippte auf seinem Tablet, schneller als Horst je jemanden hatte tippen sehen. „Energieanomalie", sagte er, und seine Stimme hatte einen Unterton, den Horst noch nicht bei ihm gehört hatte — nicht Panik, aber etwas, das in die Richtung zeigte. „Massive Portalaktivität. Jemand öffnet ein Portal von außen. Die Energie ist..." Er zögerte. „Die Energie ist dreimal so stark wie eure."
„Dreimal?", fragte der Parallelwelt-Alex.
„Nick hat bessere Ausrüstung als ich", sagte Alex aus der Hauptwelt leise. „Er hatte immer bessere Ausrüstung. Er hat mehr Ressourcen, mehr Zeit, mehr..." Er schluckte. „Er hat im Gefängnis gesessen und nichts anderes getan als geplant."
„Wo?", fragte der Parallelwelt-Alex.
„Drei Kilometer von hier." Moritz zeigte auf den roten Punkt auf der Karte. „Im alten Industriegebiet. Die Fabriken dort sind seit Jahren verlassen. Keine Kameras, keine Sensoren, keine Menschen."
„Ein perfekter Ort", sagte Tim.
„Ja."
„Wir müssen sofort hin", sagte Ziegelstein. Er hatte die entspannte Haltung aufgegeben und stand jetzt aufrecht, die Augen scharf.
„Wir müssen einen Plan haben", sagte Tim.
„Der Plan ist: wir gehen hin und schauen, was passiert."
„Das ist kein Plan."
„Dann ist es eine Improvisation."
„Hört auf", sagte Horst. Beide schauten ihn an. „Tim hat recht. Wir brauchen einen Plan. Aber wir haben nicht viel Zeit." Er schaute Moritz an. „Wie lange, bis das Portal vollständig offen ist?"
„Zehn Minuten. Vielleicht fünfzehn."
„Dann haben wir zehn Minuten." Horst schaute in die Runde — das Superhelden-Team, seine eigenen Freunde. Zwei Gruppen, zwei Welten, ein Problem. „Nick Lustig ist gefährlich. Ich sage das nicht, um euch zu erschrecken. Ich sage es, weil ihr es wissen müsst. Er ist nicht nur ein Krimineller — er ist intelligent, er plant langfristig, und er hat immer mehr Ressourcen, als man denkt. Er hat uns in sieben Staffeln immer wieder überrascht. Unterschätzt ihn nicht."
„Was ist seine Waffe?", fragte Sawo.
Horst dachte an alles, was Nick in sieben Staffeln getan hatte. Die Gehirnwäsche. Die Roboter. Den Bunker. Die Armee. Und dann — in Staffel 7 — die schwarze Masse. Eine biologische Waffe, die er entwickelt hatte, die er in sich trug, die er ausatmen konnte. Die Lungen zerstörte, was sie berührte. Die keine Heilung kannte.
„Er atmet eine schwarze Masse aus", sagte Horst. „Sie ist biologisch. Sie zerstört Lungen. Direkter Kontakt ist tödlich."
Schweigen.
„Er atmet sie aus", wiederholte Tim langsam. Er klang nicht erschrocken — er klang wie jemand, der eine neue Information in ein System einordnet.
„Ja."
„Dann darf niemand in seine Nähe kommen."
„Genau."
„Verstanden." Tim schaute den Parallelwelt-Alex an. „Dann gehen wir."
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