Staffel 1: Der Anfang vom Ende· Kapitel 40 von 59

Kapitel 35a: Die ersten Schritte des Phantoms

Sein erster Weg führte ihn nicht zu potenziellen Verbündeten, sondern zu einem seiner bestgehüteten Geheimnisse: einem kleinen, unscheinbaren Schließfach in einem heruntergekommenen Busbahnhof am anderen Ende der Stadt. Darin befanden sich keine Reichtümer, sondern die Werkzeuge seiner alten Existenz: ein Bündel Bargeld, mehrere gefälschte Ausweise, ein verschlüsseltes Laptop und ein Brenner-Handy. Es war sein Notfall-Kit, das er für den unwahrscheinlichen Fall eines totalen Zusammenbruchs angelegt hatte. Dieser Fall war nun eingetreten.

Mit den neuen Identitäten und dem Bargeld konnte er sich eine neue, anonyme Existenz aufbauen. Er mietete ein kleines, fensterloses Zimmer in einer schäbigen Absteige, einem Ort, an dem niemand Fragen stellte. Hier, in diesem Loch, begann er, die Fäden wieder aufzunehmen. Er nutzte das verschlüsselte Laptop, um auf die Überreste seines digitalen Imperiums zuzugreifen. Die meisten seiner Server waren von den Behörden beschlagnahmt worden, seine Konten eingefroren. Aber er hatte immer Backups gehabt, versteckt in den dunkelsten Ecken des Darknets, auf Servern in Ländern ohne Auslieferungsabkommen.

Er verbrachte Tage und Nächte vor dem leuchtenden Bildschirm, sein vernarbtes Gesicht wurde vom kalten Licht des Monitors gespenstisch beleuchtet. Er las die Nachrichten über seinen eigenen Tod, sah die Bilder der Zerstörung, die er angerichtet hatte, und die Berichte über die „Helden“, die ihn besiegt hatten. Jeder Artikel, jedes Bild, jedes lobende Wort für Horst war wie Salz in seinen Wunden. Der Hass, der ihn schon immer angetrieben hatte, kristallisierte sich zu einer kalten, reinen, mörderischen Obsession.

Er begann, seine Ziele neu zu bewerten. Horst war immer noch das Zentrum seines Hasses, aber er erkannte, dass er ihn nicht allein durch einen direkten Angriff vernichten konnte. Er musste sein Unterstützungssystem zerstören. Seine Freunde. Jason, Paul, Maria, Alex. Sie waren die Säulen, die Horst aufrecht hielten. Wenn er diese Säulen zum Einsturz bringen konnte, würde Horst von selbst zusammenbrechen.

Sein erster Anruf galt jedoch nicht Isabella oder Lilith. Er rief einen alten Kontakt an, einen Mann namens Dr. Alistair Finch. Finch war ein brillanter, aber skrupelloser Psychologe, der sich auf die menschliche Psyche und deren Beeinflussbarkeit spezialisiert hatte. Er war der Architekt des Gehirnwäsche-Programms, das Nick bereits bei Horsts Sohn und den vier Influencern eingesetzt hatte. Finch war nach dem Skandal untergetaucht, aber Nick hatte immer einen Weg, ihn zu finden.

„Ich brauche Ihre Dienste wieder, Doktor“, krächzte Nick ins Telefon, seine Stimme war durch die Verletzungen seiner Stimmbänder kaum wiederzuerkennen. „Aber diesmal gehen wir weiter. Viel weiter.“ Am anderen Ende der Leitung hörte er ein leises, interessiertes Lachen. Das Spiel hatte wieder begonnen.