Die Dunkelheit war absolut. Ein undurchdringlicher, samtener Schleier, der jedes Gefühl für Raum und Zeit auslöschte. Das einzige Geräusch war das eigene, flache Atmen und das leise, stetige Tropfen von Wasser, das irgendwo durch rissigen Beton sickerte. In dieser Finsternis erwachte ein Bewusstsein. Es war kein sanftes Erwachen, sondern ein brutales Hineingestoßenwerden in eine Welt des Schmerzes. Jeder Nerv schrie, jeder Muskel protestierte. Der Körper war ein einziges Wrack, zusammengehalten nur von einem unbezwingbaren, kalten Willen.
Er wusste nicht, wie lange er hier unten gelegen hatte. Tage? Wochen? Er wusste nur, dass er überlebt hatte. Der Sturz, der Aufprall – er erinnerte sich nur an einen alles verzehrenden Schmerz, und dann an die Dunkelheit. Der Schutzraum, sein letztes, verzweifeltes Refugium, hatte ihn gerettet. Der Aufprall auf ein Vordach hatte seinen Fall gebremst und ihn durch ein offenes Kellerfenster in die untersten Ebenen des Gebäudes geschleudert, kurz bevor alles zusammenbrach. Ein makabres, unwahrscheinliches Glück im Unglück.
Mit einer übermenschlichen Anstrengung zwang er seinen geschundenen Körper zur Bewegung. Er tastete sich durch die Dunkelheit, seine Finger strichen über kalten, feuchten Beton. Er fand eine Wand und folgte ihr, bis er auf eine Metalltür stieß. Der Notentriegelungsmechanismus. Er legte seine ganze verbliebene Kraft in die Bewegung, und mit einem lauten, rostigen Quietschen gab die Tür nach. Ein schwacher Lichtschimmer drang durch den Spalt. Es war das Licht einer neuen, veränderten Welt.
Er zwängte sich durch die Öffnung und fand sich in einem Labyrinth aus verbogenen Stahlträgern und zerborstenen Betonplatten wieder – den Eingeweiden des gefallenen Giganten. Er kletterte, kroch und zwängte sich durch die Trümmer, immer dem Licht entgegen. Als er endlich die Oberfläche erreichte und das erste Mal wieder das Mondlicht auf seiner Haut spürte, bot sich ihm ein Bild der Verwüstung. Er stand inmitten eines riesigen Friedhofs aus Stahl und Stein.
Er sah sein Spiegelbild in einer zersplitterten Glasscheibe. Das Gesicht, das ihn anstarrte, war nicht mehr sein eigenes. Es war eine groteske Fratze, eine Landschaft aus verbrannter Haut und tiefen Narben. Die linke Gesichtshälfte war eine einzige, rote, vernarbte Masse, das Auge ein blinder, milchiger Fleck. Der Schmerz war unvorstellbar, aber er wurde überlagert von einem noch stärkeren Gefühl: einem reinen, unverfälschten, alles verzehrenden Hass. Er hatte alles verloren. Sein Gesicht, sein Imperium, seinen Namen. Aber er hatte überlebt. Und in diesem Moment, als er mit seinem zerstörten Gesicht in den Nachthimmel blickte, schwor er einen neuen, noch furchtbareren Eid. Dies war nicht das Ende. Dies war eine Wiedergeburt. Nick Lustig war tot. Aus der Asche seines Untergangs war etwas Neues, etwas weitaus Schlimmeres auferstanden.
## Teil 5: Die Wiederauferstehung