Das Treffen fand an einem Ort statt, der auf keiner Karte existierte. Ein verlassener Güterbahnhof, ein rostiger, vergessener Knotenpunkt im Nervensystem der Stadt. Isabella kam allein, ihr Herz hämmerte ihr gegen die Rippen, eine Mischung aus Angst und aufgeregter Erwartung. Sie trug einen teuren Mantel, der in dieser Umgebung aus Dreck und Verfall deplatziert wirkte. Sie folgte den Anweisungen, die sie erhalten hatte, und stieg in einen alten, leeren Waggon. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Im Inneren war es dunkel, nur ein schwacher Lichtschein kam von einem Laptop, der auf einer Holzkiste stand. Davor saß eine Gestalt, eingehüllt in einen langen, dunklen Mantel mit Kapuze. „Willkommen, Isabella“, krächzte die Gestalt. Als sie sich umdrehte, wich Isabella unwillkürlich zurück. Das Gesicht unter der Kapuze war die vernarbte, monströse Maske von Nick Lustig. Der Anblick war weitaus schlimmer als auf dem Video. Es war der leibhaftige Albtraum.
„Keine Angst“, sagte Nick, und das, was von seinen Lippen übrig war, verzog sich zu einem grotesken Lächeln. „Schönheit ist vergänglich. Hass hingegen ist für die Ewigkeit.“
Auf dem Laptop-Bildschirm erschien ein Gesicht. Ein junges, fast kindliches Gesicht mit großen, ausdruckslosen Augen, das von einem Schmetterlingsfilter umrahmt war. „Das ist Lilith“, erklärte Nick. „Unsere Architektin. Sie wird uns die Werkzeuge geben, die wir brauchen.“
„Hallo, Isabella“, sagte das Mädchen auf dem Bildschirm mit einer Stimme, die so emotionslos war wie ihr Blick. „Ich habe deine Finanzen analysiert. Du gibst zu viel Geld für Wein aus.“
Isabella war sprachlos. Die beiläufige Demonstration von Macht, die Verletzung ihrer intimsten Privatsphäre, war erschreckender als Nicks entstelltes Gesicht. Sie verstand in diesem Moment, dass sie es hier mit einer neuen Art von Macht zu tun hatte.
„Wir drei“, fuhr Nick fort und breitete die Arme aus, als wollte er seine beiden Verbündeten umarmen, „sind die Rache, die diese Welt verdient. Du, Isabella, bist das Gesicht. Du bist die Schlange im Paradies. Du wirst dich wieder in Horsts Leben einschleichen, sein Vertrauen gewinnen und ihn von innen heraus vergiften. Du wirst ihre Schwächen finden und sie uns verraten.“
Er deutete auf den Laptop. „Lilith ist der Geist. Sie wird die digitale Welt in eine Waffe verwandeln. Sie wird nicht nur ihre Geheimnisse stehlen, sie wird ihre Realität umschreiben. Sie wird dafür sorgen, dass sie ihren eigenen Augen nicht mehr trauen können.“
„Und ich?“, fragte Nick rhetorisch und trat ins Licht, sodass seine Narben in voller Pracht zu sehen waren. „Ich bin der Wille. Ich bin der Dirigent dieses Orchesters der Zerstörung. Unser Ziel ist nicht mehr, Horst zu besiegen. Unser Ziel ist es, ihn zu isolieren, ihn zu brechen, ihm alles zu nehmen, was er liebt, bis er allein in den Trümmern seines Lebens steht und sich wünscht, er wäre an meiner Stelle gestorben.“
Ein Pakt wurde geschlossen in diesem rostigen Waggon. Ein Pakt zwischen einem rachsüchtigen Monster, einer neidzerfressenen Frau und einem gelangweilten Wunderkind. Die unheilige Dreifaltigkeit war bereit, ihren Krieg zu beginnen. Einen Krieg, der nicht mit Bomben, sondern mit Bits und Bosheit geführt werden würde.