Staffel 2: Die fremde Welt· Kapitel 2 von 31

Kapitel 11: Horst allein

Die fremde Welt war ein Ort, der jeder Beschreibung spottete. Kaiser Horst stand inmitten einer Landschaft, die aussah, als hätte jemand die Realität genommen und sie durch einen Fleischwolf gedreht. Der Himmel über ihm war nicht blau, nicht grau, sondern ein tiefes, bedrohliches Dunkelrot, durchzogen von schwarzen Wolkenfetzen, die sich wie lebendige Schlangen über das Firmament wanden. Die Sonne, falls es eine gab, war hinter diesem ewigen Schleier aus Düsternis verborgen, und das wenige Licht, das durchdrang, tauchte alles in einen unheimlichen, blutigen Schimmer.

Die Gebäude um ihn herum waren Ruinen einer Zivilisation, die es nie gegeben hatte. Skelette aus Stahl und Beton ragten in den roten Himmel, ihre Fenster waren leere Augenhöhlen, aus denen der Wind heulte wie ein verwundetes Tier. Die Straßen waren rissig und überwuchert von einer seltsamen, schwarzen Vegetation, die sich bei Berührung zusammenzog wie ein erschrockenes Insekt. Überall lagen Trümmer, verrostete Fahrzeuge und die Überreste von Maschinen, deren Zweck Horst nicht einmal erahnen konnte.

In den ersten Stunden nach seiner Ankunft hatte Horst nur eines getan: gerannt. Blind vor Panik, getrieben von dem überwältigenden Instinkt zu fliehen, hatte er sich durch die Ruinen gekämpft, war über Trümmer geklettert und durch enge Gassen gehetzt. Doch wovor er floh, wusste er nicht. Vor der Welt selbst vielleicht, vor der erdrückenden Einsamkeit, vor der Erkenntnis, dass er möglicherweise für immer hier gefangen war.

Als die Erschöpfung ihn schließlich einholte, sank er in einem halbwegs intakten Gebäude zu Boden. Es war eine Art Lagerhalle, deren Dach noch größtenteils vorhanden war. Er lehnte sich gegen eine kalte Betonwand und versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu beruhigen. Seine Hände zitterten, sein Mund war trocken, und in seinem Magen breitete sich ein hohles Gefühl aus, das nicht nur vom Hunger kam.

Er dachte an seine Freunde. An Jason, der wahrscheinlich gerade vor Wut tobte. An Paul, der mit kühlem Kopf einen Rettungsplan schmiedete. An Maria, die sich Sorgen machte und Tränen unterdrückte. An Alex, der fieberhaft an einer technischen Lösung arbeitete. Und an Leon, seinen Sohn. Der Gedanke an Leon trieb ihm Tränen in die Augen. Er hatte seinem Jungen versprochen, dass alles gut werden würde, dass die dunklen Zeiten vorbei seien. Und jetzt war er hier, gefangen in einer Hölle, die Nick Lustig für ihn erschaffen hatte.

Als er sich umsah, bemerkte er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. An den Wänden der Lagerhalle waren Symbole eingeritzt, Zeichen, die er kannte. Es war Nicks Logo, das stilisierte „NL", das er auf all seinen Social-Media-Kanälen verwendet hatte. Es war überall. Auf den Wänden, auf dem Boden, sogar in den Himmel geritzt, als wären die Wolken selbst von Nicks Hand geformt. Diese Welt war nicht einfach nur eine Parallelwelt. Sie war Nicks Welt. Sein Gefängnis, sein Spielplatz, sein Meisterwerk der Grausamkeit.

Horst schluckte schwer. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Nick hatte diese Dimension nicht nur gefunden, er hatte sie geformt, nach seinem Bild geschaffen. Jede Ruine, jede Kreatur, jede Falle war ein Ausdruck seines kranken Geistes. Horst war nicht nur ein Gefangener, er war eine Figur in Nicks persönlichem Albtraum.

Doch inmitten der Verzweiflung keimte etwas anderes auf. Ein Funke, klein und zerbrechlich, aber hartnäckig. Wut. Eine tiefe, brennende Wut auf Nick Lustig, auf seine Manipulation, auf seine Grausamkeit. Horst ballte die Fäuste. Er würde nicht aufgeben. Er hatte schon einmal gegen Nick gewonnen, und er würde es wieder tun. Egal, wie hoffnungslos die Lage schien, egal, wie dunkel diese Welt war. Er war Kaiser Horst, und er würde kämpfen.

Er stand auf, wischte sich den Staub von der Kleidung und begann, seine Umgebung systematisch zu erkunden. Er brauchte Wasser, Nahrung und einen sicheren Unterschlupf. Und er brauchte einen Plan. Irgendwo in dieser Hölle musste es einen Ausweg geben. Und er würde ihn finden, koste es, was es wolle. Der rote Himmel über ihm schien zu pulsieren, als würde die Welt selbst seinen Trotz spüren. Aber Horst ließ sich nicht einschüchtern. Er setzte einen Fuß vor den anderen und marschierte in die Dunkelheit hinein. Der Kaiser war gefallen, aber er war nicht besiegt.

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