Das Haus von Kaiser Horst lag in der goldenen Nachmittagssonne wie ein Versprechen. Die Fenster standen offen, und durch sie drang der Duft von frisch gemähtem Gras und Saskias Kochkünsten. Es war ein Dienstag, ein vollkommen gewöhnlicher Dienstag, und das war das Schönste daran. Gewöhnlich. Normal. Friedlich.
Horst saß auf der Terrasse und hielt eine Tasse Kaffee in beiden Händen. Er trug keine Krone, kein Kostüm, keine Rüstung. Nur eine alte Jogginghose und ein verwaschenes T-Shirt, auf dem noch der Abdruck eines längst vergessenen Logos zu sehen war. Sein Bart war ein wenig zu lang, seine Haare ein wenig zu unordentlich, und er sah aus wie ein Mann, der endlich gelernt hatte, sich selbst zu gehören.
„Du starrst wieder ins Nichts", sagte Saskia und stellte einen Teller mit belegten Broten neben ihn. Sie ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen und zog die Beine unter sich. Ihr Haar war zu einem lockeren Zopf gebunden, und in ihren Augen lag das warme Licht der Zufriedenheit.
„Ich genieße", korrigierte Horst und lächelte. „Das ist ein Unterschied."
„Und was genießt du?"
„Die Stille." Er nahm einen Schluck Kaffee. „Weißt du, wie lange ich auf diese Stille gewartet habe? Auf einen Tag, an dem nichts passiert? An dem niemand versucht, mich zu töten, zu verhaften oder zu ruinieren?"
Saskia lachte leise. „Klingt nach einem niedrigen Standard für Glück."
„Nach allem, was ich erlebt habe, ist es der höchste."
Sie schwiegen eine Weile, und die Stille war tatsächlich schön. Irgendwo im Garten summte eine Biene. Ein Vogel sang in der alten Linde. Die Welt schien für einen Moment angehalten zu haben, um Atem zu schöpfen.
Drinnen im Haus war es lebhafter. Jason hatte sich auf dem Sofa breitgemacht und schaute mit Knossi und Monte eine Fußballübertragung. Ihre Kommentare und gelegentlichen Jubelrufe drangen gedämpft durch die Terrassentür. Paul saß am Küchentisch und arbeitete an seinem Laptop, sein Gesicht in die gewohnte Konzentration gefaltet. Maria und Leon saßen auf dem Boden des Wohnzimmers und spielten ein Brettspiel, das Leon mitgebracht hatte, ein kompliziertes Fantasy-Strategiespiel, bei dem Maria trotz Leons ausführlicher Erklärungen immer noch nicht ganz verstand, worum es ging.
Alex war in seinem Zimmer. Er hatte sich ein kleines Labor eingerichtet, eine Ecke voller Elektronik, Kabel und Bildschirme. Aber heute arbeitete er nicht. Heute saß er auf seinem Bett und scrollte durch alte Fotos auf seinem Handy. Bilder aus einer Zeit, die sich anfühlte wie ein anderes Leben. Bilder von Familienfeiern, von Geburtstagen, von Weihnachten. Auf vielen dieser Bilder war auch sein Cousin zu sehen.
Tobias. Zwei Jahre jünger als Alex, aber immer so getan, als wäre er der Ältere. Immer mit diesem Grinsen, das halb Charme und halb Herausforderung war. Sie waren als Kinder unzertrennlich gewesen, hatten zusammen Fahrrad gelernt, zusammen die erste Schule überlebt, zusammen gelacht und geweint. Und dann war irgendwann etwas passiert. Schleichend, unmerklich, wie ein Riss in einer Mauer, der erst nach Jahren sichtbar wird.
Alex legte das Handy weg und starrte an die Decke. Er wollte nicht an Tobias denken. Nicht heute, nicht an diesem schönen, friedlichen Dienstag. Er wollte einfach nur da sein, in diesem Haus, mit diesen Menschen, die seine Familie geworden waren.
Er stand auf, streckte sich und beschloss, nach unten zu gehen und sich ein Brot zu holen.
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