Drei Kilometer entfernt, in einer kleinen Wohnung mit zu vielen Pflanzen und zu wenig Licht, saß Jessy vor ihrem Laptop. Der Bildschirm warf ein bläuliches Licht auf ihr Gesicht, das in diesem Moment einen Ausdruck trug, den man am besten als entschlossene Verbitterung beschreiben konnte.
Jessy war einmal eine der lautesten Stimmen in Kaiser Horsts Community gewesen. Sie hatte Fanvideos gemacht, Fanart gepostet, jeden Stream kommentiert. Sie hatte Horst geliebt, auf die Art, wie man Menschen liebt, die man nie wirklich kennt, aber für die man sich eine Version ausgedacht hat, die perfekt zu dem passt, was man sich wünscht.
Und dann hatte sie Geld gebraucht. Nicht viel, aber dringend. Eine kaputte Waschmaschine, eine überfällige Miete, ein Notfall, der sich wie ein Dominostein auf den nächsten gestapelt hatte. Sie hatte Paul angeschrieben, Horsts ruhigsten und zuverlässigsten Freund, der einmal in einem Stream erwähnt hatte, dass er manchmal Community-Mitgliedern in Not half. Paul hatte ihr geantwortet. Er hatte ihr Geld geliehen. Dreihundert Euro, die sie zurückzahlen wollte, sobald sie konnte.
Das Problem war: Sie hatte es nie zurückgezahlt. Nicht weil sie nicht wollte, sondern weil das Leben immer einen neuen Grund fand, das Geld woanders hinzuleiten. Und je länger sie wartete, desto schwerer wurde es, einfach zu schreiben und zu sagen: Hier ist dein Geld, tut mir leid für die Verzögerung. Die Schuld hatte sich in ihrem Kopf zu etwas Größerem aufgebläht, zu einem Symbol ihrer eigenen Unzulänglichkeit, ihrer Unfähigkeit, die einfachsten Dinge zu regeln.
Und dann hatte Nick Lustig ihr geschrieben.
Sie wusste, wer Nick Lustig war. Jeder in der Community wusste es. Er war der Bösewicht, das Monster, der Mann, der Kaiser Horst das Leben zur Hölle gemacht hatte. Aber seine Nachricht war nicht böse gewesen. Sie war verständnisvoll gewesen, fast freundlich. Er hatte ihr gesagt, dass er wisse, wie es sich anfühle, von Horst und seinen Freunden benutzt zu werden. Dass Paul ihr Geld als Druckmittel eingesetzt habe, um sie zu kontrollieren. Dass die ganze Community nur eine Maschine sei, die Horst mit Aufmerksamkeit und Geld versorge, während er nichts zurückgebe.
Es war eine Lüge. Aber es war eine Lüge, die sich anfühlte wie die Wahrheit, wenn man sie oft genug hörte.
Jessy tippte eine Antwort.
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