Tobias saß in einem Café und wartete. Er trank seinen Kaffee schwarz, obwohl er ihn mit Milch und Zucker bevorzugte, weil er das Gefühl hatte, dass Schwarz-Kaffee-Trinker ernster genommen wurden. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, trug einen schwarzen Hoodie und hatte die Kapuze ein wenig zu tief ins Gesicht gezogen, als würde er versuchen, nicht erkannt zu werden.
Er dachte an Alex.
Immer Alex. Immer der große, kluge, talentierte Alex, der mit seinen Computern Wunder vollbrachte und der beste Freund von Kaiser Horst war. Tobias hatte sein ganzes Leben im Schatten seines Cousins verbracht. Bei Familienfeiern: „Und wie läuft es bei dir, Tobias? Nicht so gut wie bei Alex, oder?" Bei der Schule: „Alex war damals auch in dieser Klasse, weißt du noch? Der war so begabt." Bei allem, immer, überall.
Das Schlimmste war, dass Alex es nicht einmal merkte. Er war nicht arrogant, nicht herablassend. Er war einfach gut, und das machte es noch schwerer zu ertragen. Man konnte nicht auf jemanden wütend sein, der nichts falsch machte. Aber Tobias war es trotzdem. Tief in sich drin, an einem Ort, den er sich selbst kaum eingestehen wollte, hasste er seinen Cousin. Nicht für das, was Alex getan hatte, sondern für das, was er war.
Und dann war Nick Lustig aufgetaucht.
Nick hatte ihn nicht durch Zufall gefunden. Rüdiger Gamm, der Mathematiker, der für Nick arbeitete, hatte monatelang die sozialen Netzwerke durchforstet und nach Menschen gesucht, die eine Verbindung zu den Helden hatten und gleichzeitig einen Groll trugen. Tobias war ein perfektes Ziel gewesen. Seine Posts über Alex, die er nie direkt, aber immer indirekt formuliert hatte, waren wie Leuchtfeuer für jemanden, der wusste, wo er suchen musste.
Nick hatte ihn angesprochen, und Tobias hatte zugehört. Und je mehr er zuhörte, desto mehr schienen die Dinge, die er immer gefühlt, aber nie ausgesprochen hatte, plötzlich legitim zu sein.
Die Tür des Cafés öffnete sich, und Sandra trat ein. Sie war Tobias' Freundin seit zwei Jahren, eine ruhige, nachdenkliche Frau, die in einer Sicherheitsfirma arbeitete und die Tobias liebte, auch wenn er es selten so deutlich sagte, wie er sollte. Sie setzte sich ihm gegenüber und sah ihn an.
„Du hast wieder diesen Gesichtsausdruck", sagte sie.
„Welchen Gesichtsausdruck?"
„Den, den du hast, wenn du an etwas denkst, das du mir nicht sagen willst."
Tobias schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Nick Lustig hat mich wieder angeschrieben."
Sandra wurde still. Sie kannte Nick Lustig. Sie kannte die Geschichte. Und sie hatte ein sehr ungutes Gefühl bei allem, was mit diesem Namen zusammenhing. „Tobias..."
„Hör mir zu", sagte er. „Einfach nur zuhören. Ich will nur, dass du zuhörst."
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