Es war ein Dienstag, kurz nach Mitternacht, als die Gefängnismauern von drei verschiedenen Anstalten gleichzeitig von innen erschüttert wurden.
Nick Lustig hatte Monate gebraucht, um diesen Plan zu entwickeln. Monate, in denen er sich versteckt hatte, in denen er geplant, gewartet, gerechnet hatte. Er hatte Kontakte aufgebaut, Systeme infiltriert, Schwachstellen gefunden. Und jetzt, in dieser Nacht, erntete er, was er gesät hatte.
In der Justizvollzugsanstalt Nordheim saß Sabine in ihrer Zelle und starrte an die Decke. Sie hatte aufgehört, die Tage zu zählen. Die Monate hatten sich in eine graue Masse verwandelt, und sie hatte begonnen zu glauben, dass dies ihr Leben war. Grau. Kalt. Endlos.
Dann klingelte ihr Handy.
Sie hatte kein Handy. Handys waren verboten. Aber das Gerät war da, unter ihrer Matratze, und es klingelte.
Sie nahm es heraus. Auf dem Bildschirm stand eine einzige Nachricht: *Heute Nacht. Sei bereit.*
Sabine lächelte zum ersten Mal seit Monaten.
In der gleichen Nacht, in einer anderen Anstalt dreißig Kilometer entfernt, las Melanie die gleiche Nachricht. Und in einer dritten Anstalt, noch weiter entfernt, las Isabella sie auch.
Um zwei Uhr morgens gingen die Lichter aus. Alle Lichter. Nicht nur in den Gefängnissen, sondern in einem Umkreis von fünf Kilometern. Die Sicherheitssysteme versagten. Die Türen öffneten sich.
Und Nick Lustig wartete draußen.
Er stand vor dem Haupteingang von Nordheim, die Hände in den Taschen, ein kleines Lächeln auf dem Gesicht. Neben ihm standen sieben neue Gesichter, sieben Menschen, die er in den letzten Monaten rekrutiert hatte. Menschen, die alle einen Grund hatten, Kaiser Horst zu hassen.
Gertrude war die erste, die er gefunden hatte. Eine Frau in den Sechzigern, mit kurzen grauen Haaren und einer Brille, die ihr ein freundliches Aussehen gab, das täuschte. Sie hatte einmal ein kleines Unternehmen gehabt, das durch einen viralen TikTok-Post von Horst ruiniert worden war. Ein einziger Kommentar, ein einziger Witz auf ihre Kosten, und ihr Laden hatte innerhalb einer Woche geschlossen. Sie hatte Nick gefunden, nicht umgekehrt.
Markus B. war der zweite. Ein junger Mann mit Brille, das Gesicht ausdruckslos wie eine Maske. Er war Informatiker, gut, sehr gut sogar, aber nie gut genug für die Stellen, die er wollte. Er hatte sich einmal bei einem Unternehmen beworben, das Horst öffentlich unterstützte, und war abgelehnt worden. Er hatte nie bewiesen, dass es einen Zusammenhang gab, aber er glaubte es. Und Glaube war manchmal stärker als Beweis.
Mr. Bensch war der dritte. Ein junger Mann mit großen, wachen Augen, der auf TikTok eine kleine, aber loyale Fangemeinde hatte. Er hatte einmal versucht, mit Kaiser Horst zu kollaborieren, hatte ihm eine Nachricht geschrieben, hatte auf eine Antwort gewartet. Die Antwort war nie gekommen. Für Bensch war das eine Ablehnung, eine Demütigung, eine Kriegserklärung.
Engelblond war die vierte. Eine blonde Frau mit Sonnenbrille, die vor einem Döner-Laden stand, als Nick sie fand. Sie hatte einmal Horst unterstützt, hatte ihm Geschenke auf TikTok geschickt, hatte Stunden in seinen Livestreams verbracht. Und dann hatte Horst sie ignoriert. Nicht böswillig, einfach übersehen. Aber für Engelblond war Übersehen das Schlimmste, was man einem Menschen antun konnte.
Dr. Clooney war der fünfte. Ein älterer Mann mit weißen Haaren, der sich selbst als Doktor bezeichnete, obwohl niemand genau wusste, wofür. Er hatte eine Theorie entwickelt, dass Kaiser Horst für den Verfall der deutschen Jugendkultur verantwortlich war, und diese Theorie mit religiöser Überzeugung vertreten. Nick hatte ihm nur zuhören müssen.
Rayan war der sechste. Ein junger Mann mit einem Schnurrbart, der ihn älter aussehen ließ, als er war. Er hatte eine Vergangenheit, über die er nicht sprach, und eine Wut, die er nicht erklären konnte. Nick hatte ihm nicht nach Gründen gefragt. Er hatte ihm nur eine Aufgabe gegeben.
Domi war der siebte. Ein Mann mit einer Mütze und Sonnenbrille, der sich immer verkleidete, als wäre er auf der Flucht. Vielleicht war er das auch. Er kannte die Straßen, kannte die Hintereingänge, kannte die Wege, die auf keiner Karte standen.
Sieben neue Soldaten. Sieben neue Gründe, Kaiser Horst zu hassen.
Und jetzt kamen Sabine, Melanie und Isabella dazu.
Sabine trat durch die offene Gefängnistür und sah Nick. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Die Wut in ihren Augen sprach für sich.
„Willkommen zurück", sagte Nick.
Sabine nickte. „Was ist der Plan?"
„Der Plan", sagte Nick, „ist das Ende."
---