Kapitel 23: Das Gegenmittel

Moritz arbeitete die ganze Nacht.

Er hatte das Backup-Gerät zerstört, als er es benutzt hatte — die Energie war zu stark für das kleine Gehäuse gewesen. Aber das Prinzip war dasselbe wie beim Hitzestrahler. Und mit dem Prinzip konnte er weiterarbeiten.

Die anderen schliefen. Oder versuchten es zumindest. Horst hatte sich auf einer alten Couch zusammengerollt, die jemand in einer Ecke des Hauptquartiers gelassen hatte, und schlief tatsächlich — tief und ohne Träume, wie jemand, der gelernt hatte, jede Gelegenheit zur Ruhe zu nutzen. Jason saß daneben, die Arme verschränkt, und döste. Paul hatte sein Notizbuch auf dem Schoß und schrieb manchmal etwas, dann schlief er ein, dann schrieb er wieder.

Maria war wach. Sie saß neben Moritz und schaute ihm zu, ohne zu sprechen. Manchmal brachte sie ihm Kaffee. Manchmal schaute sie einfach nur auf den Bildschirm, ohne die Daten zu verstehen, aber mit einer Aufmerksamkeit, die Moritz seltsam tröstlich fand. Er war nicht allein. Das war wichtig.

Der Parallelwelt-Alex saß am anderen Ende des Raumes und schaute auf das Gerät, das Alex aus der Hauptwelt mitgebracht hatte. Er hatte es die ganze Zeit in der Hand gehalten, seit Horst es ihm gegeben hatte. Er drehte es um, betrachtete es von allen Seiten, versuchte zu verstehen, wie es funktionierte. Er verstand es nicht vollständig — aber er verstand genug.

Moritz entwickelte ein Aerosol.

Es war die logische Erweiterung des Hitzestrahlers: Statt die Hitze auf einen Punkt zu konzentrieren, musste er sie verteilen. In die Luft. In die Lüftungssysteme. In die Räume, wo die Masse sich befand. Das Aerosol würde die Masse überall neutralisieren, wo es hinkam — in der Luft, in infizierten Lungen, in den Lüftungskanälen der Stadt.

Das Problem war die Konzentration. Zu wenig Hitze, und die Masse überlebte. Zu viel Hitze, und das Aerosol schadete den Menschen, die es einatmeten. Er musste den genauen Punkt finden — den Punkt, an dem die Masse zerstört wurde, ohne dass Menschen Schaden nahmen.

Er machte Fehler. Natürlich machte er Fehler. Das erste Aerosol war zu schwach — die Simulationen zeigten, dass es die Masse verlangsamte, aber nicht zerstörte. Das zweite war zu stark — die Temperatur wäre für Menschen schädlich. Das dritte war besser, aber die Verteilung war ungleichmäßig. Das vierte...

Um zwei Uhr morgens trat Maria neben ihn. „Du machst das schon seit Stunden."

„Ja."

„Wie lange noch?"

„Ich weiß es nicht." Moritz schaute auf den Bildschirm. „Bis ich es richtig habe."

Maria schwieg einen Moment. Dann: „Darf ich etwas fragen?"

„Ja."

„Hast du Angst?"

Moritz dachte nach. Es war eine unerwartete Frage — nicht weil sie unangemessen war, sondern weil er sie sich selbst nicht gestellt hatte. Er hatte gearbeitet, analysiert, berechnet. Er hatte keine Zeit gehabt, Angst zu haben.

„Nein", sagte er schließlich. „Nicht jetzt. Jetzt habe ich nur das Problem."

„Und wenn das Problem gelöst ist?"

„Dann vielleicht." Er schaute auf den Bildschirm. „Aber bis dahin ist das Problem wichtiger als die Angst."

Maria nickte. Sie sagte nichts mehr. Sie saß einfach da und trank ihren Kaffee und ließ Moritz arbeiten.

Um vier Uhr morgens hatte er es.

Das fünfte Aerosol war richtig. Die Konzentration war präzise — hoch genug, um die Masse zu zerstören, niedrig genug, um Menschen nicht zu schaden. Die Verteilung war gleichmäßig. Die Haltbarkeit war ausreichend — das Aerosol blieb in der Luft, bis es die Masse gefunden und zerstört hatte, dann zerfiel es in harmlose Bestandteile.

Er lehnte sich zurück und schaute auf das Ergebnis.

„Ich habe es", sagte er.

Maria schaute auf. „Wirklich?"

„Ja." Er drehte den Bildschirm zu ihr. „Das ist das Gegenmittel."

Maria schaute auf den Bildschirm. Sie verstand die Daten nicht, aber sie verstand Moritz' Gesicht — die Erschöpfung, die Erleichterung, das leise Staunen, das jemand hat, wenn er etwas geschafft hat, das er nicht sicher war, schaffen zu können.

„Ich wecke die anderen", sagte sie.

Die Parallelwelt-Behörden setzten es ein. Spezialfahrzeuge fuhren durch die Stadt und sprühten das Aerosol in die Luft. Es war unsichtbar, geruchlos, harmlos für Menschen. Aber für die schwarze Masse war es tödlich.

Innerhalb von sechs Stunden war die Ausbreitung gestoppt. Die Infizierten in den Krankenhäusern erholten sich langsam — die Masse hatte ihre Lungen beschädigt, aber nicht zerstört, da sie früh genug behandelt worden waren. Die Ärzte, die nicht wussten, was die Krankheit war, wussten jetzt, wie sie behandelt werden konnte.

Moritz schrieb einen ausführlichen Bericht — die Struktur der Masse, die Schwachstelle, das Aerosol, die Dosierung, die Anwendung. Alles, was die Ärzte und Wissenschaftler der Parallelwelt brauchen würden, um die Krankheit vollständig zu bekämpfen. Er schrieb es in drei Stunden, ohne Pause, in einem Zustand, der zwischen Erschöpfung und Fokus lag.

Als er fertig war, legte er den Stift hin und schaute auf den Bericht.

„Das ist das Beste, was ich je geschrieben habe", sagte er.

Niemand widersprach.

Die Toten blieben: Alex aus der Hauptwelt und sieben Menschen aus der Parallelwelt, die in der ersten Stunde nach Nicks Ankunft infiziert worden waren, bevor irgendjemand wusste, was passierte.

Es war kein vollständiger Sieg. Es war nie ein vollständiger Sieg. Aber es war ein Sieg.