Das Industriegebiet am Rand der Stadt war in dieser Parallelwelt verlassen — eine Insel der Vergangenheit in einer Stadt, die sich ständig erneuerte. Alte Fabrikgebäude aus Backstein und Stahl, rostige Metallkonstruktionen, zerbrochene Fensterscheiben, durch die der Wind pfiff. Unkraut wuchs zwischen den Pflastersteinen. Graffiti bedeckte die Wände, bunt und wild, die einzigen Farben in einer Landschaft aus Grau und Rost.
Es war das einzige Viertel der Stadt, das nicht von der futuristischen Technologie erfasst worden war — keine Lichtpanele in den Wänden, keine schwebenden Fahrzeuge, keine integrierten Systeme. Nur alte Gebäude, die niemand mehr brauchte und niemand abreißen wollte. Ein Ort, der vergessen worden war.
Ein perfekter Ort für jemanden, der unbemerkt ankommen wollte.
Sie kamen in zwei Gruppen: Horst, Jason, Paul, Maria und Alex aus der Hauptwelt auf der einen Seite, durch den Haupteingang des Geländes; der Parallelwelt-Alex, Tim, Moritz, Sawo und Ziegelstein auf der anderen, durch einen Seitenweg, der an einer alten Lagerhalle vorbeiführte. Zwei Wege, zwei Blickwinkel, mehr Kontrolle über das Gelände.
Die Nacht war still. Keine Autos, keine Menschen, keine Geräusche außer dem Wind und dem leisen Summen der Stadt in der Ferne. Ihre Schritte auf dem alten Pflaster klangen zu laut. Horst bewegte sich vorsichtig, schaute bei jedem Schritt, wo er hintrat. Jason war neben ihm, einen halben Schritt zurück, wie immer.
Dann hörten sie das Portal.
Es war kein Geräusch, das man beschreiben konnte — kein Knall, kein Zischen, kein Summen. Es war eher ein Fehlen von Geräusch, ein Moment, in dem die Stille selbst eine andere Qualität annahm. Und dann ein Riss, tief und resonant, wie wenn ein Stoff reißt, aber viel, viel größer. Ein Reißen, das man nicht mit den Ohren hörte, sondern mit dem ganzen Körper.
Das Portal öffnete sich in einer alten Fabrikhalle.
Sie sahen es durch die zerbrochenen Fenster — ein Licht, das nicht türkis war wie ihres, sondern dunkler, unruhiger, mit Rändern, die wie schwarzes Feuer aussahen. Es flackerte und zuckte, als würde es kämpfen, offen zu bleiben. Nicks Portal war keine saubere Öffnung — es war ein Riss, erzwungen, brutal, mit der Energie eines Mannes, der keine Rücksicht auf die Konsequenzen nahm.
Und aus diesem Portal trat Nick Lustig.
Er sah schlechter aus als in der Hauptwelt. Das Gefängnis hatte Spuren hinterlassen — sein Gesicht war blasser als Horst es in Erinnerung hatte, die Wangen eingefallen, die Augen tiefer in den Höhlen. Er trug keine seiner früheren eleganten Kleidung; stattdessen einen dunklen Mantel, der zu groß für ihn war, als hätte er ihn irgendwo gefunden oder gestohlen. Er sah aus wie jemand, der lange Zeit gewartet hatte und dabei gealtert war.
Aber sein Blick hatte dieselbe Intensität, dieselbe kalte Entschlossenheit, die Horst seit Jahren kannte. Der Blick eines Mannes, der nie aufhört. Der immer einen nächsten Schritt hat. Der Niederlagen nicht als Niederlagen akzeptiert, sondern als Pausen.
Nick schaute sich um. Er sah die zwei Gruppen, die sich von verschiedenen Seiten näherten. Er sah die zwei Versionen von Alex — die aus der Hauptwelt und die aus der Parallelwelt, nebeneinander, zwei Gesichter mit denselben Zügen.
Und er lächelte.
Es war kein freudiges Lächeln. Es war das Lächeln eines Schachspielers, der einen Zug sieht, den sein Gegner nicht gesehen hat. Das Lächeln eines Mannes, der sich bestätigt fühlt.
„Interessant", sagte er. Seine Stimme hallte in der leeren Halle, zwischen den rostigen Metallträgern und den zerbrochenen Fensterscheiben. „Zwei Welten. Doppelt so viele Feinde." Er hob die Hände, eine fast theatralische Geste. „Doppelt so viel Spaß."
„Nick", sagte Horst.
„Horst." Nick schaute ihn an. „Ich habe mich gefragt, wann wir uns wiedersehen. Ich hatte nicht erwartet, dass es in einer anderen Dimension sein würde." Er schaute sich um — die Halle, die Fabrikgebäude, den dunklen Himmel durch die zerbrochenen Fenster. „Schöner Ort. Ihr habt Geschmack."
„Was willst du hier?", fragte Horst.
„Das gleiche, was ich immer will." Nick ließ die Hände sinken. „Etwas beweisen."
„Was beweisen?"
„Dass Welten fallen können." Nick schaute ihn an, und in seinem Blick war keine Wut — nur eine kalte, ruhige Überzeugung. „Dass nichts sicher ist. Dass keine Welt, kein System, keine Gruppe von Menschen sicher ist, wenn jemand entschlossen genug ist, sie zu zerstören." Er machte einen Schritt nach vorne. „Ich habe im Gefängnis gesessen und nachgedacht. Lange. Und ich habe verstanden: Es reicht nicht, eine Person zu besiegen. Man muss eine Idee besiegen. Und die Idee, die ich besiegen will, ist die Idee, dass ihr gewinnen könnt."
„Wir haben immer gewonnen", sagte Horst.
„Noch", sagte Nick.
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