Staffel 1: Der Anfang vom Ende· Kapitel 54 von 59

Kapitel 50: Konvergenz im Regen

Der Industriepark war ein trostloser Ort, ein Friedhof der Arbeit. Verrostete Lagerhallen, zerbrochene Fenster und von Unkraut überwucherte Bahngleise prägten das Bild. Ein kalter, unerbittlicher Regen peitschte vom Himmel und verwandelte den Staub und Dreck in schlammige Bäche. Es war der perfekte Ort für ein Finale.

Horst und seine Freunde trafen kurz nach der Polizei ein. Ein Sondereinsatzkommando hatte das Gelände bereits umstellt. Sie wussten, dass sie es mit einer hochintelligenten und potenziell gefährlichen Person zu tun hatten. Hauptkommissar Richter, der die Leitung des Einsatzes hatte, war nicht erfreut, die vier Freunde zu sehen. „Das ist kein Ort für Zivilisten“, sagte er barsch. „Gehen Sie nach Hause.“

„Wir bleiben“, erwiderte Horst mit einer neuen, unumstößlichen Autorität. „Das hat mit uns angefangen, und es wird mit uns enden.“

Sie fanden Liliths Versteck in einer alten Konservenfabrik. Es war kein High-Tech-Labor, sondern ein improvisiertes Nest aus Kabeln, Monitoren und leeren Energy-Drink-Dosen. In der Mitte saß das 14-jährige Mädchen, umgeben vom Leuchten ihrer Bildschirme, völlig absorbiert von ihrem digitalen Duell. Sie bemerkte die schwer bewaffneten Polizisten, die ihr Versteck umstellten, erst, als es zu spät war. Als sie aufblickte, sah sie keine Angst in ihren Augen, nur Enttäuschung. Das Spiel war vorbei.

Doch in dem Moment, als die Beamten sie festnehmen wollten, geschah etwas, das niemand erwartet hatte. Eine Gestalt trat aus den Schatten einer benachbarten Halle. Eingehüllt in einen langen, schwarzen Mantel, das Gesicht eine vernarbte Horrormaske, die im Regen glänzte. In seiner Hand hielt er eine Pistole. Nick Lustig.

Er hatte die Polizeifrequenzen abgehört und war dem Einsatz gefolgt. Er hatte gehofft, Horst hier zu finden, und sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Das Auftauchen von Lilith war für ihn nur eine unbedeutende Nebenhandlung. Sein Blick war einzig und allein auf Horst gerichtet, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand.

„Horst“, krächzte er, und seine Stimme war das Geräusch von zerbrechendem Glas. „Endlich. Nur du und ich.“

Die Polizisten richteten ihre Waffen auf ihn. „Waffe weg! Sofort!“, brüllte Richter. Aber Nick ignorierte sie. Seine ganze Welt war auf diesen einen Mann reduziert, die Quelle all seines Leidens, das Ziel all seines Hasses.

Er hob die Waffe und zielte auf Horst. In diesem Moment, in dem die Zeit stillzustehen schien, geschah eine zweite, unerwartete Sache. Jason, der die ganze Zeit über wie ein Raubtier auf den Sprung gewartet hatte, warf sich nicht vor Horst. Er tat etwas anderes. Er rannte auf Nick zu, aber nicht, um ihn anzugreifen, sondern um ihn zu packen und mit sich zu reißen, weg von der Schusslinie, hinein in die Dunkelheit einer der verlassenen Lagerhallen.

Schüsse peitschten durch die Nacht. Nicht von Nick, sondern von den Scharfschützen der Polizei, die das Feuer eröffneten. Aber es war zu spät. Die beiden Kontrahenten, der Held und das Monster, waren im Inneren des rostigen Stahlkolosses verschwunden. Der finale Kampf, der Kampf um Leben und Tod, hatte begonnen. Und er würde nicht auf einer digitalen, sondern auf einer kalten, blutigen, physischen Ebene entschieden werden.