Staffel 2: Die fremde Welt· Kapitel 16 von 31

Kapitel 25: Isabellas letzter Versuch

Isabella hatte alles beobachtet. Von einem Hügel gegenüber dem Haus, in dem die Gruppe ihr Hauptquartier hatte, hatte sie mit einem Fernglas jede Bewegung verfolgt. Sie hatte gesehen, wie das Portal geöffnet wurde, wie die Gruppe zurückkehrte, wie Ronaldo und Haaland erschienen. Und sie hatte gesehen, wie Horst Leon umarmte, wie der Junge in den Armen seines Vaters weinte.

Es machte sie rasend. Nicht aus Eifersucht, nicht aus verletztem Stolz, sondern aus einem tiefen, irrationalen Hass, der sich über Jahre aufgebaut hatte. Horst hatte sie verlassen, hatte sie für seine Karriere geopfert, hatte ihr Leon weggenommen. Zumindest war das die Geschichte, die sie sich selbst erzählte, die Wahrheit, die sie sich zurechtgebogen hatte, bis sie in ihr Weltbild passte. Die Realität, dass sie selbst es gewesen war, die die Ehe zerstört hatte, dass ihre Eifersucht und ihre Kontrollsucht Horst vertrieben hatten, diese Realität hatte sie längst verdrängt.

Ihr Plan mit Leon war gescheitert. Maria hatte sie durchschaut, und der Junge war wieder fest an der Seite seines Vaters. Aber Isabella war nicht die Art von Frau, die aufgab. Sie hatte noch einen letzten Trumpf, eine letzte Waffe, die sie einsetzen konnte. Sie wusste etwas über Horst, ein Geheimnis aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit, das sie all die Jahre aufbewahrt hatte wie eine vergiftete Klinge.

Am nächsten Morgen stand sie vor der Tür des Hauptquartiers. Nicht heimlich, nicht versteckt, sondern offen und direkt. Sie klingelte und wartete. Es war Paul, der öffnete. Sein Gesicht versteinerte, als er sie sah. „Was willst du hier, Isabella?"

„Ich will mit allen reden", sagte sie ruhig. „Ich habe etwas zu sagen, das ihr alle hören solltet." Paul wollte die Tür schließen, aber Horst, der hinter ihm stand, hielt ihn zurück. „Lass sie rein", sagte er. „Ich habe nichts zu verbergen."

Die Gruppe versammelte sich im Wohnzimmer. Ronaldo und Haaland standen an der Wand, ihre Anwesenheit allein schon einschüchternd. Jason hatte die Arme verschränkt, bereit, Isabella beim kleinsten Anzeichen von Ärger hinauszuwerfen. Maria hielt Leons Hand, schützend und wachsam.

Isabella stand in der Mitte des Raumes und holte einen Umschlag aus ihrer Tasche. „Bevor ihr mich verurteilt, solltet ihr das hier sehen", sagte sie und legte den Umschlag auf den Tisch. „Das sind Dokumente, die beweisen, dass Horst in seiner frühen Karriere Sponsorengelder veruntreut hat. Bevor er berühmt wurde, bevor er Kaiser Horst wurde."

Stille. Alle Augen richteten sich auf Horst. Er sah den Umschlag an, und sein Gesicht wurde blass. Nicht vor Schuld, sondern vor Erinnerung. „Das ist wahr", sagte er leise. Die Gruppe erstarrte. „Aber es ist nicht die ganze Wahrheit." Er erzählte die Geschichte. Wie er am Anfang seiner Karriere einen Fehler gemacht hatte, wie er das Geld zurückgezahlt hatte, wie er sich bei allen Beteiligten entschuldigt hatte. Es war ein Kapitel seiner Vergangenheit, das er abgeschlossen hatte, lange bevor Nick Lustig in sein Leben getreten war.

Paul überprüfte die Dokumente. „Diese Papiere zeigen nur die Entnahme, nicht die Rückzahlung", stellte er fest. „Das ist eine halbe Wahrheit, Isabella. Und eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge." Isabella wurde blass. Ihr letzter Trumpf war ausgespielt, und er hatte nicht gestochen.

Ronaldo trat vor. „Ich denke, es ist Zeit, dass du gehst", sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Isabella sah sich um, suchte nach einem Verbündeten, einem Gesicht, das Zweifel zeigte. Aber sie fand keines. Selbst Leon, ihr eigener Sohn, blickte sie mit einer Mischung aus Traurigkeit und Enttäuschung an.

Isabella nahm ihre Tasche und ging zur Tür. An der Schwelle drehte sie sich noch einmal um. „Das ist nicht vorbei", sagte sie. Aber ihre Stimme hatte keine Kraft mehr, keine Überzeugung. Es war die leere Drohung einer besiegten Frau. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und die Gruppe atmete kollektiv auf. Ein weiterer Feind war neutralisiert. Aber der gefährlichste von allen war noch da draußen.

---