Lilith saß auf dem Dach eines verlassenen Parkhauses und blickte auf die Stadt hinab. Der Wind spielte mit ihren dunklen Haaren, und in ihren Händen hielt sie den Laptop, der ihr treuester Begleiter war. Sie war vierzehn Jahre alt, aber in ihren Augen lag eine Müdigkeit, die zu einem Menschen gehörte, der schon hundert Jahre gelebt hatte.
Sie hatte alles beobachtet. Sabines Scheitern, Melanies Niederlage, Isabellas Demütigung. Eine nach der anderen waren sie gefallen, die Verbündeten, die Nick Lustig um sich geschart hatte. Und Lilith fragte sich zum ersten Mal, ob sie auf der richtigen Seite stand.
Nick hatte sie gefunden, als sie zwölf war. Ein Waisenkind, das in Pflegefamilien herumgereicht wurde wie ein ungewolltes Paket. Er hatte ihr das Hacken beigebracht, hatte ihr eine Aufgabe gegeben, einen Sinn. Aber er hatte sie auch benutzt, wie er jeden benutzte. Sie war ein Werkzeug für ihn, nicht mehr und nicht weniger. Und jetzt, wo seine anderen Werkzeuge zerbrochen waren, würde er sich an sie klammern, sie noch rücksichtsloser einsetzen.
Die Nachricht auf ihrem Laptop blinkte. Nick. Er wollte, dass sie einen neuen Angriff startete, diesmal direkt gegen das Portal-Gerät. Er wollte es zerstören, nicht nur sabotieren. Lilith starrte auf die Nachricht und spürte etwas, das sie lange nicht mehr gespürt hatte: Widerstand. Eine leise Stimme in ihrem Kopf, die sagte: „Das ist falsch."
Sie dachte an Kaiser Horst, an den Mann, den sie nie getroffen hatte, aber dessen Geschichte sie kannte. Ein Mann, der von seinem besten Freund verraten worden war, der alles verloren und sich wieder aufgerappelt hatte. Ein Mann, dessen Freunde alles riskierten, um ihn zu retten. Und sie dachte an sich selbst, an das Mädchen, das sie hätte sein können, wenn das Leben es anders mit ihr gemeint hätte.
Lilith klappte den Laptop zu. Sie würde Nicks Befehl nicht ausführen. Nicht heute, nicht morgen, nicht jemals wieder. Aber sie wusste auch, dass sie nicht einfach weglaufen konnte. Nick würde sie finden, und seine Rache würde furchtbar sein. Sie brauchte Hilfe. Und die einzigen Menschen, die ihr helfen konnten, waren ausgerechnet die, die sie bisher bekämpft hatte.
Mit zitternden Händen öffnete sie den Laptop wieder und begann zu tippen. Nicht einen Hack, nicht einen Angriff, sondern eine Nachricht. An Alex. An den Technikexperten der Gruppe, den einzigen Menschen, der ihre Fähigkeiten verstand und respektierte. Die Nachricht war kurz: „Ich will nicht mehr kämpfen. Ich will helfen. Lilith."
Sie drückte auf Senden und wartete. Die Antwort kam schneller, als sie erwartet hatte. Drei Worte: „Komm zu uns." Lilith stand auf, steckte den Laptop in ihren Rucksack und kletterte vom Dach. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie etwas, das sie fast vergessen hatte. Hoffnung.
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