Von allen Feinden, die in Staffel zwei gegen die Gruppe kämpften, war Lilith die unheimlichste. Ein vierzehnjähriges Mädchen mit einem Verstand, der schärfer war als ein Rasiermesser, und einer Kälte, die selbst Nick Lustig Respekt einflößte. Lilith arbeitete allein, nicht weil Nick es so wollte, sondern weil sie es so wollte. Sie brauchte niemanden. Sie war ihr eigenes Universum, dunkel und unergründlich.
Während die Gruppe fieberhaft am Portal arbeitete, schlich sich Lilith wie ein Geist in ihr digitales Netzwerk. Sie war ein Naturtalent am Computer, ein Wunderkind der Cyberwelt, das sich selbst das Hacken beigebracht hatte, bevor sie lesen konnte. In den Tiefen des Darknet hatte sie sich einen Namen gemacht, eine Legende unter Hackern, die niemand je gesehen hatte. Und jetzt richtete sie ihre Fähigkeiten gegen Alex' Systeme.
Der erste Hinweis war ein kleiner Fehler in den Berechnungen des Portal-Geräts. Alex bemerkte ihn zufällig, als er die Koordinaten für die Parallelwelt überprüfte. Eine Dezimalstelle war verschoben, kaum merklich, aber mit potenziell katastrophalen Folgen. Wenn sie das Portal mit diesen falschen Koordinaten geöffnet hätten, wären Jason, Paul und Paluten nicht in Horsts Welt gelandet, sondern in einer anderen Dimension, möglicherweise einer, aus der es kein Zurück gab.
Alex runzelte die Stirn und begann, sein System zu überprüfen. Was er fand, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Jemand hatte sich in seinen Computer gehackt, nicht mit roher Gewalt, sondern mit einer Eleganz und Finesse, die er noch nie gesehen hatte. Der Eindringling hatte keine Spuren hinterlassen, keine Fußabdrücke im digitalen Sand. Nur die veränderte Dezimalstelle verriet seine Anwesenheit, und selbst das war vermutlich Absicht, ein Zeichen, eine Visitenkarte.
„Wir haben ein Problem", sagte Alex mit bleichem Gesicht zur versammelten Gruppe. „Jemand hat sich in unser System gehackt und die Portal-Koordinaten manipuliert. Und wer auch immer es war, ist verdammt gut." Paluten, der neben ihm stand, pfiff leise durch die Zähne. „Besser als du?" Alex nickte widerwillig. „Viel besser."
Die Gruppe war alarmiert. Wer konnte so geschickt sein? Sabine war entlarvt, Melanie untergetaucht, Isabella hatte andere Methoden. Es blieb nur eine Möglichkeit: Lilith. Das Mädchen, das in Staffel eins bereits durch ihre unheimliche Intelligenz und Kaltblütigkeit aufgefallen war.
Alex und Speed machten sich daran, das System zu sichern. Sie installierten neue Firewalls, änderten alle Passwörter und trennten den Computer mit den Portal-Daten vom Internet. Doch Lilith war ihnen immer einen Schritt voraus. Kaum hatten sie eine Sicherheitslücke geschlossen, fand sie eine neue. Es war wie ein Schachspiel gegen einen Gegner, der immer drei Züge vorausdachte.
Paluten hatte eine Idee. „Wenn wir sie nicht digital aufhalten können, müssen wir sie physisch finden. Sie muss irgendwo in der Nähe sein, um in Echtzeit auf unser System zugreifen zu können." Speed nickte. „Ich kenne mich mit Signalverfolgung aus. Wenn sie über WLAN auf unser Netzwerk zugreift, kann ich das Signal zurückverfolgen."
Sie machten sich auf die Suche. Speed mit einem Laptop und einer selbstgebauten Antenne, Paluten als Begleitung. Sie folgten dem Signal durch die Straßen, über Hinterhöfe und durch Parks, bis es sie zu einem verlassenen Spielplatz führte. Dort, auf einer Schaukel, saß ein Mädchen mit dunklen Haaren und einem Laptop auf dem Schoß. Lilith blickte auf, als sie sich näherten, und ein Lächeln spielte um ihre Lippen. Es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln eines Raubtiers, das seine Beute kommen sieht.
„Ihr habt mich gefunden", sagte sie mit einer Stimme, die viel zu alt für ihr Alter klang. „Schneller als erwartet. Respekt." Bevor Paluten oder Speed reagieren konnten, klappte sie den Laptop zu, sprang von der Schaukel und verschwand in der Dunkelheit zwischen den Bäumen. Sie war schnell, unglaublich schnell für ein Mädchen ihres Alters. Als sie ihr nachliefen, war sie bereits verschwunden, aufgelöst in den Schatten wie ein Phantom.
Aber sie hatte einen Fehler gemacht. In ihrer Eile hatte sie eine Datei auf dem Netzwerk hinterlassen, eine verschlüsselte Nachricht, die Alex nach stundenlanger Arbeit entschlüsseln konnte. Sie enthielt nur zwei Worte: „Nächstes Mal." Es war eine Drohung und ein Versprechen zugleich. Lilith war nicht besiegt, nur zurückgedrängt. Aber das Portal-Gerät war vorerst sicher, und das war alles, was zählte.
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