In der fremden Welt hatte Horst aufgehört, die Tage zu zählen. Die Zeit floss hier anders, zähflüssig und unberechenbar. Manchmal schien eine Stunde wie eine Minute zu vergehen, manchmal dehnte sich eine Minute zu einer Ewigkeit. Der rote Himmel kannte keinen Sonnenaufgang und keinen Sonnenuntergang, nur ein ewiges, düsteres Zwielicht, das die Seele langsam auffraß.
Aber Horst hatte überlebt. Mehr als das, er hatte gelernt, in dieser Hölle zu existieren. Er hatte essbare Pflanzen gefunden, seltsame, leuchtende Pilze, die nach nichts schmeckten, aber den Hunger stillten. Er hatte eine Wasserquelle entdeckt, einen unterirdischen Fluss, dessen Wasser klar und kalt war. Und er hatte einen sicheren Unterschlupf gefunden, einen Bunker unter den Ruinen, der offenbar von einem früheren Gefangenen dieser Welt angelegt worden war.
Denn Horst war nicht der Erste, den Nick in diese Dimension verbannt hatte. Als er tiefer in die Ruinen vordrang, fand er Spuren anderer Menschen. Nachrichten, in die Wände geritzt. Tagebucheinträge auf vergilbtem Papier. Und schließlich, in einem verlassenen Gebäude am Rande der Stadt, fand er sie: eine kleine Gruppe von Überlebenden, zusammengekauert um ein Feuer aus brennenden Trümmern.
Es waren fünf Menschen, drei Männer und zwei Frauen, deren Gesichter von Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit gezeichnet waren. Sie blickten Horst mit einer Mischung aus Misstrauen und Gleichgültigkeit an, als er sich näherte. Der Älteste von ihnen, ein Mann mit grauem Bart und tiefen Falten, sprach als Erster. „Noch einer", sagte er mit einer Stimme, die klang wie raschelndes Laub. „Wie lange bist du schon hier?"
Horst setzte sich zu ihnen und erzählte seine Geschichte. Von Nick Lustig, von der Entführung, von seinen Freunden, die ihn suchten. Die Überlebenden hörten schweigend zu. Als er fertig war, schüttelte der alte Mann den Kopf. „Freunde, die dich suchen. Das haben wir auch geglaubt. Am Anfang." Er deutete auf die anderen. „Viktor ist seit zwei Jahren hier. Elena seit achtzehn Monaten. Die anderen seit einem Jahr. Niemand kommt, um uns zu retten. Diese Welt ist ein Gefängnis ohne Schlüssel."
Horst weigerte sich, das zu akzeptieren. „Meine Freunde sind anders", sagte er mit einer Überzeugung, die er selbst kaum glaubte. „Sie werden einen Weg finden. Und bis dahin werden wir nicht aufgeben. Wir werden kämpfen." Er sah die Hoffnungslosigkeit in ihren Augen und wusste, dass er sie inspirieren musste, wenn sie überleben wollten. Er erzählte ihnen von seinen Erfahrungen, von den Fallen, die er entdeckt hatte, von den sicheren Zonen, von den Kreaturen, die man meiden musste.
Langsam, ganz langsam, begann sich etwas zu verändern. Die Überlebenden richteten sich auf, ihre Augen bekamen wieder einen Funken Leben. Viktor, der Älteste, stand auf und streckte Horst die Hand entgegen. „Vielleicht hast du recht", sagte er. „Vielleicht ist es noch nicht vorbei." Horst ergriff seine Hand und schüttelte sie fest. In diesem Moment wurde aus einer Gruppe von Verzweifelten eine Gemeinschaft von Kämpfern. Kaiser Horst hatte in der dunkelsten Stunde seines Lebens etwas gefunden, das stärker war als jede Waffe: Hoffnung.
Gemeinsam begannen sie, die Welt zu kartografieren, Fallen zu markieren und sichere Routen zu etablieren. Sie bauten ihren Bunker aus, sammelten Vorräte und entwickelten Strategien gegen die Kreaturen. Horst wurde ihr Anführer, nicht weil er es wollte, sondern weil sie es brauchten. Und mit jedem Tag, der verging, wuchs seine Entschlossenheit, einen Weg zurück in die echte Welt zu finden. Für sich, für die Überlebenden und für alle, die er liebte.
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